Das GrĂĽne Haus
Allerdings rechnen sich nicht alle Investitionen für die Umwelt, und mit neuen Technologien wie dem Blockheizkraftwerk oder der Vakuum-Dämmung steigt die Komplexität des Systems Haus weiter.
- Kathleen Spilok
Das Haus der Zukunft steht in Berlin, im grünen Süden der Stadt. Eigentlich steht es nicht – es schmiegt sich wie ein schlafender Käfer an den Boden, den Rücken bietet es nach allen Seiten dem Licht an. „Die Hälfte der Weltenergie wird in Gebäuden verbraucht“, sagt sein Architekt Stefan Behling, Seniorpartner im Londoner Architekturbüro Foster+Partner. Deshalb will er mit seinem Neubau der Philologischen Bibliothek für die FU Berlin nicht nur ein ästhetisches Ausrufezeichen in den Dahlemer Innenhof setzen, sondern auch ein ökologisches. So hat das Gebäude unter anderem eine natürlich belüftete Außenhaut aus Glasfasergewebe. „Das ist im Moment das zukunftsweisendste und aufregendste der energetischen Projekte. Es ist ein mehrlagiges Wunderwerk: Dick gedämmt, ohne dass es die Sicht versperrt“, schwärmt Behling. Das Beispiel zeigt: Energieoptimierung wird mittlerweile zumindest bei architektonischen Highend-Projekten genauso selbstbewusst vorgezeigt wie eine kühne Fassadenkonstruktion.
Und das ist auch gut so. Denn abseits von Prestige-Projekten wie dem Berliner FH-Neubau herrscht in Deutschland in der Gebäudeenergie massiver Nachholbedarf. Bis zum Jahr 1977 gab es hierzulande keinerlei Vorschriften zur Wärmedämmung, und gerade bei vermieteten Immobilien fehlt es offensichtlich an Anreizen, den Bestand ökologisch aufzuwerten. „Die Häuser des 20. Jahrhunderts sind mit einer speziellen Auffassung von Energiebereitstellung gebaut worden: Das Haus kann so viel verbrauchen, wie es will“, beschreibt Behling mit ernstem Professorenblick durch seine runde Brille die Auswüchse der alten Sorglosigkeit in Energiefragen.
Geht es nach dem Willen der Bundesregierung, werden spätestens vom nächsten Jahr an deutlich mehr Immobilien technisch und damit ökologisch so glänzen wie das Berliner Projekt: In aller Eile hat sie im vergangenen Dezember das Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz auf den Weg gebracht. Es schreibt privaten und gewerblichen Bauherren vor, künftig den „überwiegenden“ Teil ihres Wärmebedarfs durch Biomasse, Fernwärme, Blockheizkraftwerke oder Wärmepumpen zu decken, oder sich pro Quadratmeter Wohnfläche mindestes 0,04 Quadratmeter an Solarkollektoren auf das Dach zu schrauben. Alternativ dazu werden auch Dämmungen akzeptiert, die dann aber 15 Prozent wirksamer sein müssen als der Mindeststandard der Energieeinsparverordnung (EnEV).
Denn tatsächlich sind all die Möglichkeiten zum effizienteren Wohnen größtenteils schon seit Jahren vorhanden, doch trotz vieler Förderprogramme auf Bundes-, Landes- und auch kommunaler Ebene noch längst nicht Standard bei den jährlich 175 000 Neubauten in Deutschland geworden. Noch trüber sieht es bei Altbauten aus – nach Angaben der Deutschen Energie-Agentur dena wird pro Jahr überhaupt nur ein Prozent des Bestandes energetisch saniert. (bs)