Die Evolution der Sprache
Nach mehreren Jahrzehnten Forschung kommen Wissenschaftler einer Antwort auf diese schwierige Frage allmählich näher.
- Jon Cohen
Daniel Geschwind nimmt ein dreidimensionales Puzzle des menschlichen Gehirns aus dem Regal in seinem Büro und fängt an, die Kunststoffstücke zusammenzustecken. Anhand des Modells will der Neurogenetiker von der University of California in Los Angeles die Teile des Denkorgans erklären, die Sprechen und Sprache kontrollieren. Aber er schafft es beim besten Willen nicht, die linke und rechte Hirnhälfte korrekt zu verbinden. „Ich bin räumlich überhaupt nicht begabt, bitte machen Sie sich nicht lustig über mich“, sagt er entschuldigend. Das Plastikmodell mag Geschwind zeitweilig überfordert haben, doch beim Zusammenfügen von Informationen über Gene, die die Entwicklung und Funktionen des Gehirns steuern, hat er sich als Meister erwiesen. Er ist einer der wichtigsten Forscher in einem neuen Gebiet, in dem es darum geht herauszufinden, welche Gene mit der Entwicklung von Sprache zu tun haben – und wie die Spezies Mensch diese einzigartige Fähigkeit erwerben konnte. Forscher wie Geschwind arbeiten an der Schnittstelle zwischen Verhaltensgenetik und Evolutionsbiologie – aus beiden Gebieten kommt derzeit ein ganzer Strom von neuen Erkenntnissen. Um herauszufinden, wie das menschliche Gehirn Worte speichert, benutzt und versteht, untersucht Geschwind nicht nur gesunde Gehirne, sondern auch solche, in denen diese Vorgänge nicht richtig funktionieren. So interessiert er sich auch für die Gene von Familien, in denen Autismus, Leseschwäche (Dyslexie), Schizophrenie und andere Erkrankungen auftreten, die alle mit Sprachstörungen einhergehen. Diese Arbeit könnte dabei helfen, die Diagnose und Behandlung solcher Störungen effektiver zu machen.
Während die Verhaltensgenetik die Gene von Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten vergleicht, geht es bei der Evolutionsbiologie um Genvergleiche bei unterschiedlichen Spezies. Mithilfe solcher Daten bestimmen die Forscher, welche Grenzen die Kommunikationsfähigkeit anderer Arten hat und was unsere eigene so dramatisch verbessern konnte. Geschwinds Streifzüge in die Evolutionsbiologie führten ihn zur Betrachtung der DNA im Gehirn von Menschenaffen wie Schimpansen, anderen Affen und sogar Singvögeln. „Viele Leute denken, dass unser Labor ziellos drauflossucht. Tatsächlich haben wir einen ziemlich ganzheitlichen Ansatz. Sprache ist komplex, und der einzige Weg, einen Treffer zu landen, ist der, wenn zwei oder drei Ergebnisse zur gleichen Stelle zeigen“, erklärt der Neurogenetiker.
Doch obwohl Geschwind und andere Neurowissenschaftler der postgenomischen Ära viele Fortschritte gemacht haben, kratzen sie erst an der Oberfläche dessen, was die relevanten Gene kollektiv zusammenarbeiten lässt. Bislang haben sie erst ein einziges Gen definitiv mit Sprache in Verbindung bringen können. Seine Entdeckungsgeschichte beginnt im Jahr 1990, als Genetiker vom Institute of Child Health in London zum ersten Mal eine Sprachstörung beschrieben, die drei Generationen von Briten – später bekannt geworden als die KEFamilie – betraf. 15 Mitglieder schienen erbliche Probleme mit Grammatik, Syntax und Vokabular zu haben, verbunden mit einer eingeschränkten Kontrolle der Gesichtsmuskeln und Schwierigkeiten mit der richtigen Aussprache.
Der Durchbruch zur Identifizierung der genetischen Ursache bahnte sich aber erst im Jahr 1998 an, als Anthony Monaco und Simon Fisher, beide Genetiker an der Universität Oxford, einen Abschnitt auf dem Chromosom 7 mit den Sprachproblemen der KE-Familie in Verbindung brachten. Die eingekreiste DNA-Region enthielt Dutzende Gene, und die Forscher konnten das problematische darunter zunächst nicht identifizieren. Doch ihre Veröffentlichung veranlasste Jane Hurst, eine klinische... (bs)