Ein ganz normales Ohr
Vollständig implantierbare Hörhilfen sorgen dafür, dass die Träger ihr Defizit nur noch selten wahrnehmen. Die Technologie ist bereits weit gekommen.
- Michael Chorost
Ein Hörgerät ist eigentlich eine klare Sache: Ein Mikrofon nimmt den Ton auf, eine Elektronik verstärkt ihn und ein kleiner Lautsprecher schickt ihn dann in eine Röhre, die im Ohrkanal platziert wurde. Die dafür notwendige Energie stammt aus einer austauschbaren Batterie. Es gibt da nur ein Problem: Die meisten Leute hassen das technische Hilfsmittel. Man verliert es häufig. Man kann es im Schlaf kaum tragen. Es darf nicht nass werden. Hunde fressen es gerne. Und auch beim Sex ist es eher unangenehm.
Ich selbst habe kein Hörgerät, dafür aber ein Cochleaimplantat. Die sind für solche Menschen bestimmt, die so taub sind, dass selbst die stärkste Hörhilfe nicht mehr hilft. Ein Prozessor, den ich an meinem Ohr trage, nimmt die Töne auf, digitalisiert sie und überträgt sie dann per Funk an einen Empfänger, der in meinem Schädel implantiert ist. Der Empfänger schickt dann wiederum Impulse an Elektroden, die an meinem Hörnerv sitzen.
Eigentlich müsste das Gerät Semiimplantat heißen, weil die eine Hälfte außen sitzt. Es lässt mich hören, was ich natürlich toll finde, aber es hat eben auch die gleichen Nachteile wie normale Hörgeräte. Ich muss mich also jeden Morgen sprichwörtlich "zusammenbauen". Mehr als das: Mein Cochleaimplantat ist so etwas wie ein Teil meines Körpers geworden. Natürlich hätte ich gerne einen Körper, der sich auch ohne das Anbringen irgendwelcher Geräte ganz und vollständig anfühlt. Einen Körper, der es mir erlaubt, auch einmal ins Wasser zu springen, ohne die Fähigkeit zu verlieren, das Lachen meiner Freunde zu hören.
Bis jetzt hat noch niemand ein vollständig implantierbares Cochleaimplantat gebaut. Doch zwei vollständig implantierbare Hörgeräte befinden sich derzeit in klinischen Tests, werden also von der US-Gesundheitsbehörde für untersuchungswürdig befunden, sind kommerziell aber noch nicht zugelassen. Die eine Hörhilfe, genannt "Esteem", wird vom Anbieter Envoy Medical aus Minnesota gebaut. Die andere namens "Carina" stammt von Otologics aus Boulder. Die Hoffnungen sind groß, dass es sich bei beiden Geräten um die ersten kommerziell erfolgreichen Implantate handeln wird. Die Herstellung ist eine große Herausforderung. Wo kommt das Mikrofon hin? Wie wird der verstärkte Ton in das Ohr geschickt? Welche Batterie wird benutzt? Und wie kann sie im Körper belassen werden, ohne auszulaufen?
Ich war neugierig zu erfahren, ob die Geräte genauso gut funktionieren wie herkömmliche Hörhilfen - aber noch neugieriger, ob die Technologie sich eines Tages auch für Cochleaimplantate eignet. Otologics war so freundlich mir den Ansatz zu erklären. Brian Conn, der technischer Direktor des Unternehmens, brachte einen Schädel mit. Mir wurde erst nach einem mulmigen Blick klar, dass es sich um einen echten handelte. Das Gerät sah überhaupt nicht nach einer Hörhilfe aus. Es besteht aus vier miteinander verbundenen Segmenten, die so gestaltet sind, dass sie sich im Schädel versenken lassen.
Der erste Teil der Hörhilfe, das Mikrofon, sitzt hinter dem Außenohr. Seine Empfindlichkeit fällt um den Faktor 10 geringer aus als bei herkömmlichen Modellen, weil es unter der Haut begraben liegt - um dies zu kompensieren, besitzt das Otologics-Produkt eine 10 Mal größere Oberfläche als Mikrofone herkömmlicher Hörhilfen. Die Größe entspricht somit der eines Fingernagels. Das aufgenommene Signal wird dann an die größte Komponente weitergeleitet, die so genannte Verarbeitungseinheit. Deren Hülle enthält auch eine aufladbare Lithium-Ionen-Batterie.
Dieses Aufladen geschieht, erklärte mir Conn, mit der dritten Komponente: Einer induktiven Spule. Sie wandelt Funkwellen in Elektrizität um. Ein bis zwei Stunden pro Tag muss man dazu einen kleinen Sender an die Spule anlegen. Da sowohl Spule als auch Sender Magnete enthalten, bleiben sie auch durch die Haut hindurch vereint. Man kann also herumlaufen und die Ladeeinheit tragen, bis die Batterie voll ist.