Hoffnung für Alzheimer-Patienten?

Ein entzündungshemmender Wirkstoff, der sonst zur Behandlung von Gelenkrheumatismus eingesetzt wird, scheint bei einigen Kranken erstaunliche Erfolge zu zeigen. Doch noch sei es zu früh für Jubel, meinen Neurologen.

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Von
  • Anna Davison

Ein Medikament, das normalerweise zur Behandlung von Gelenkrheumatismus verwendet wird, kann laut einem Bericht kalifornischer Ärzte zu dramatischen und erstaunlich schnellen Verbesserungen des Gesundheitszustandes von Alzheimer-Patienten führen. Unumstritten ist dieser Erfolg allerdings keineswegs: Experten bemängeln, dass es sich bei der Untersuchung nur um Tests mit wenigen Patienten handelte, die zunächst nicht unabhängig bestätigt wurden. Ihre Angst: Alzheimer-Patienten und ihren Familien könnte schlicht zu früh Hoffnung gemacht werden.

Der verwendete Wirkstoff nennt sich Etanercept und wird in den USA und anderswo unter dem Handelsnamen Enbrel vertrieben. Alzheimer-Patienten, denen das Medikament auf eine bestimmte Art injiziert wurde, sollen deutliche Verbesserungen bei ihrer Gehirnleistung gezeigt haben – und zwar innerhalb von Minuten, wie Edward Tobinick, Direktor des privaten Instituts für neurologische Studien in Los Angelas und klinischer Dozent für Medizin an der University of California, Los Angeles, behauptet.

"Man kann im wahrsten Sinne des Wortes zusehen, wie sich die Erfolge einstellen", sagt Tobinick, der vor drei Jahren erstmals Etanercept bei einer Patientengruppe einsetzte. Er verwendet dazu eine ungewöhnliche Methode: Der Stoff wird stets in der Nähe der Wirbelsäule injiziert. 2006 berichtete der Forscher über erste positive Anzeichen bei einer wöchentlichen Behandlung, die 15 Personen über sechs Monate verabreicht wurde. In einer Fallstudie für das "Journal of Neuroinflammation" zeigte Tobinick nun zusammen mit dem Arzt Hyman Gross aus Santa Monica, wie sich Verbesserungen bereits nach zehn Behandlungsminuten einstellten und kognitive Tests schon nach zwei Stunden deutliche Verbesserungen im Vergleich zum Ursprungszustand ergaben. Diese schnellen Erfolge seien typisch bei Patienten, denen er Etanercept auf diese Art injizierte, sagt Tobinick. Neben der wöchentlichen Behandlung setzt er auch längere Abstände ein.

"In jedem Fall war die Versuchsperson wacher, ruhiger, aufmerksamer und blieb stärker bei der Sache", sagt Sue Griffin, Forschungsdirektorin am "Donald W. Reynolds Institute on Aging" an der University of Arkansas for Medical Sciences, die mehrere Behandlungen miterlebt hat. Sie sei vorher skeptisch gewesen, doch dies habe sich nach dem Versuch geändert: "Es war einfach erstaunlich, etwas, das ich so noch nie bei einem Alzheimer-Patienten erlebt habe."

Minuten vor der Behandlung konnte der Patient aus der Fallstudie weder das Jahr noch den US-Bundesstaat nennen, in dem er sich befand. Zehn Minuten später kamen korrekte Antworten. Als Teil des kognitiven Tests vor der Behandlung musste der Patient einen Tag zuvor Uhren malen, die bestimmte Zeiten anzeigten. Er zeichnete nur ein Quadrat. Zwei Stunden nach der Injektion malte er runde Zifferblätter mit beiden Zeigern aufs Blatt, die auch die ungefähren Zeiten darstellten.

William Thies, Vizepräsident für medizinische und wissenschaftliche Angelegenheiten beim US-Verband Alzheimer's Association, hält den Bericht über die schnelle Verbesserung bei dem Versuchspatienten für mindestens "interessant": "Wir brauchen allerdings mehr Informationen, bevor dieses Ereignis zu etwas wird, über das sich die Leute zu sehr freuen."

David Standaert, Direktor des "Center for Neurodegeneration and Experimental Therapeutics" an der University of Alabama in Birmingham, sieht "einige Körner guter Wissenschaft" in dem Bericht, warnt aber, dass es noch nicht genügend Beweise gäbe, dass die Technik außerhalb von solchen Experimenten anwendbar sei.

Etanercept wird seit 1998 vertrieben – vor allem zur Behandlung des erwähnten Gelenkrheumatismus. Es wird normalerweise in Schenkel, Bauch oder Oberarm gespritzt. Eine Einstichstelle im Hals, in der Nähe der Wirbelsäule, ist laut Tobinick aber geeignet, dass das Medikament auch das Gehirn erreichen kann. Einfach sei diese Methode nicht: Nur der Fachmann beherrsche sie. "Niemand sollte denken, dass Alzheimer-Patienten einfach Enbrel einnehmen könnten und es ihnen dann plötzlich besser geht", sagt er.

Seit Jahrzehnten brüten Forscher darüber, wie die Krankheit ihre massiven Schäden im Gehirn anrichten kann. Ein Merkmal sind Protein-Klumpen, die sich im Schädel bilden. Es gäbe zunehmend Anzeichen dafür, dass ein Teil der Schädigungen im Denkapparat auch durch die Immunreaktion des Körpers auf diese Fremdkörper erfolge, meint Standaert. Deshalb wurden auch bereits verschiedene Entzündungshemmer getestet, doch die Ergebnisse blieben bislang enttäuschend.

Etanercept reduziert Entzündungen durch die Blockade eines Proteins namens Tumor-Nekrose-Faktor (TNF), der eine wichtige Rolle in der Immunantwort spielt. TNF kommt natürlich im Gehirn vor, doch Studien fanden heraus, dass erhöhte Werte bei Alzheimer-Kranken vorzuherrschen scheinen.

TNF könnte auch die Aktivität der Synapsen regulieren, die die Gehirnzellen verbinden und es erlauben, dass elektrische Signale weitergeleitet werden. Bei Alzheimer-Patienten könnte ein Zuviel an TNF diese Verbindungen stören, spekuliert Tobinick. "Selbst wenn die Nervenzellen noch funktionieren, arbeiten dann die Verbindungen zwischen ihnen und den verschiedenen Bereichen des Gehirns nicht mehr richtig."

Etanercept reduziert nun die TNF-Werte im Gehirn von Alzheimer-Patienten, wie Tobinick meint. Die Verbindungen würden dadurch auf ihr Normalniveau gebracht, so dass sich eine sofortige kognitive Verbesserung feststellen lasse. Der Forscher arbeitet laut eigenen Angaben nun mit Partnern an weiteren Universitäten, um einen größeren Versuch seiner Behandlungsform zu starten. Sonia Fiorenza, Sprecherin des Enbrel-Herstellers Amgen, gibt sich allerdings wenig interessiert. Der Pharmakonzern werde solche Untersuchungen nicht mitfinanzieren. Man glaubt, es gäbe noch nicht genügend Beweise dafür, dass das Mittel bei Alzheimer wirklich helfe.

Einige Forscher wollen außerdem zunächst noch gänzlich unabhängige Studien sehen – auch weil Tobinick selbst angab, Amgen-Aktien zu besitzen und ein Patent hält, dass die Nutzung von Enbrel und anderen TNF-Blockern gegen Alzheimer abdeckt.

Es ist allerdings nicht ungewöhnlich, dass ein Forscher ein finanzielles Interesse an dem hat, was er untersucht, meint Thies. "Das hält ihn ja nicht davon ab, gute Wissenschaft zu betreiben." Trotzdem müsse eine unabhängige Bestätigung seitens Dritter schon sein.

"Die Studien müssen doppelblind und Placebo-kontrolliert durchgeführt werden – und zwar von Leuten ohne ein finanzielles Interesse", meint J. Wesson Ashford, leitender Forscher am "VA Aging Clinical Research Center" in Stanford. "Ich würde wirklich gerne daran glauben, aber ich habe zu oft gesehen, dass Leute A sagen und sich dann B herausstellt." Das Thema sei etwas, das man sich ansehen müsse, meint Griffin, die dem Versuch beiwohnte. "Ich hoffe, die Forschung stellt ihm genügend Aufmerksamkeit und Geldmittel bereit." Ein echtes Heilmittel sei der Ansatz zwar nicht. Doch es sei schon beeindruckend gewesen, als ein Patient, der sich zuvor nicht einmal mehr selbst anziehen und ernähren konnte, plötzlich viel selbständiger und ruhiger zu sein schien. "Das ist toll." (bsc)