Jungbrunnen oder frĂĽher Killer?

Kleinwüchsige Menschen in Ecuador sollen Forschern dabei helfen, das Rätsel des menschlichen Wachstumshormons zu lösen.

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Von
  • Emily Singer

Das Wachstumshormon hat in der Welt der Lebensverlängerungsforschung ein gemischtes Image. Während einige Wissenschaftler glauben, dass sie mit seiner Hilfe die innere Uhr zurückdrehen können und dafür auch erste Indizien auffahren, laut denen eine Hormonbehandlung beim Menschen fettreduzierend und muskelaufbauend wirkt, zeigen ihre Kollegen im Tierversuch an Mäusen das genaue Gegenteil – die Nager leben ohne Wachstumshormon erkennbar länger und scheinen gar gegen Krebs geschützt.

Valter Longo, ein Forscher an der University of Southern California in Los Angeles, hofft nun, dass er dieses Rätsel lösen kann, in dem er eine ungewöhnliche Personengruppe in Ecuador genauer untersucht – sie besitzt eine genetische Mutation, die sie unempfindlich gegen Wachstumshormone macht. "Diese Menschen sind die größte Bevölkerungsgruppe auf der Welt mit diesem Merkmal", sagt Longo. Ihre Untersuchung könnte wertvolle Hinweise darauf liefern, ob sich Wachstumshormone tatsächlich zur Lebensverlängerung eignen. Außerdem soll Longos Studie dabei helfen, Medikamente gegen Alterserkrankungen zu entwickeln, ohne dass es zu unerwünschten Nebenwirkungen kommt.

Das Wachstumshormon ist ein wichtiges Protein, das von der Hypophyse produziert wird und Wachstum und Zellteilung steuert. Menschen, denen das Hormon fehlt (oder deren Körper nicht korrekt darauf reagiert), sind normalerweise extrem kleinwüchsig. Außerdem gilt: Geht das Hormonniveau bei Menschen mittleren Alters herunter, weil sie beispielsweise eine Verletzung der Hypophyse zu beklagen haben, erhöht sich das Risiko von Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Bei Mäusen scheint die Hormondefizienz hingegen positiv zu wirken: "Dort ergeben sich starke und auffällige Veränderungen in die andere Richtung", sagt Andrzej Bartke, Biologe an der Southern Illinois University in Springfield, der auf dem Gebiet forscht. "Die Tiere scheinen dann vor Krebs geschützt zu sein und in verschiedenen Bereichen ein verlangsamtes Altern zu genießen." Es gäbe allerdings bislang so gut wie keine Beweise dafür, dass fehlendes Wachstumshormon beim Menschen ähnlich wirkt.

Die Gruppe, die Longo nun untersuchen will, lebt in der ländlichen Provinz Loja im Süden Ecuadors. In diesen entlegenen Bergdörfern existiert eine auffällige Häufung einer sonst sehr seltenen Mutation, die sich Laron-Zwergenwuchs nennt. Betroffenen fehlt ein funktionierender Rezeptor zur Anbindung des Wachstumshormons. Die Menschen sind klein und meist fettleibig. Über ihre Lebenserwartung mit der Mutation existieren allerdings bislang nur wenige Daten.

Kinder mit dem Syndrom leiden offenbar stärker an Erkrankungen wie Lungenentzündung oder krankhaftem Durchfall, die in armen Regionen der Welt häufig vorkommen – sie sterben bis zu zwei Mal häufiger wie ihre normalwüchsigen Geschwister. Erwachsene Betroffene leiden dagegen nicht selten an einem hohen Cholesterin- und Triglycerid-Spiegel, beides Herz-Risikofaktoren. Einige sterben daran, was im ländlichen Ecuador aufgrund der Ernährung sonst äußerst selten vorkommt. Ersten wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge sind Laron-Menschen jedoch zumindest vor der Arterienverkalkung geschützt. Noch spannender: Es könnte sogar sein, dass sie weder Krebs noch Typ-2-Diabetes bekommen, zumindest existieren hierzu erste Einzelberichte. "Das scheint mir eine Balance zu sein – reduziert man das Krebsrisiko, erhöht sich das von Herzkrankheiten", meint Steven N. Austad, Biologe am "University of Texas Health Sciences Center".

Um zu bestimmen, wie das Wachstumshormon Alterserkrankungen beeinflusst, will Longo nun Vergleichsdaten erfassen, wie oft Krebs, Herzkrankheiten und Diabetes bei dem kleinwüchsigen Bergvolk vorkommen – und wie alt die Menschen werden. Getestet werden sollen Menschen mit einer oder zwei Kopien des betroffenen Gens und ihre gesunden Verwandten. Diejenigen, die nur eine funktionierende Kopie des Wachstumshormon-Rezeptors in sich tragen, wirken auf den ersten Blick normal – sollten sie auch gegen Krebs geschützt und weder fettleibig noch herzkrank sein, würden sie wohl in Sachen Hormonaufnahme die goldene Mitte bilden. Longo hat bereits 300 Menschen genotypisiert – 100 besaßen zwei Kopien der Mutation, 200 waren Verwandte und Kontrollgruppen.

"Wenn die Blockade des Wachstumshormons mit einer Verbesserung oder gar einem Schutz beim Thema Krebs einhergeht, gäbe es durchaus Werkzeuge, die wir Ärzte nutzen können, um dies nachzuvollziehen", meint Pinchas Cohen, Endokrinologe an der University of California in Los Angeles, der Laron-Kinder behandelt hat. Wirkstoffe, die die Absonderung des Hormons verhindern oder seine Wirkung stoppen, existieren nämlich bereits. Erste Pharmafirmen testen die Unterdrückung eines Moleküls, das tiefer die Befehlskette hinab wirkt – IGF-1. Das könnte gegen Krebs wirken. Sollte das wirklich stimmen, müsste sich noch herausstellen, wie eine medizinisch-praktische Anwendung aussehen könnte. Etwa als Präventivmaßnahme für Personen aus Familien, in denen es häufiger zu Krebserkrankungen kam? Oder gleich als direkte Krebsbehandlung durch die Blockade von IGF-1 oder dem Wachstumshormon an sich?

Nicht alle Forscher sind allerdings optimistisch, dass die starke Wirkung der Wachstumshormonblockade bei Mäusen auch beim Menschen funktioniert. "Wachstumshormone bei uns sind ganz anders als die bei den meisten Säugetieren", meint der University of Texas-Forscher Austad. Die Funktion ist beim Menschen in der Tat breiter und scheint sich sehr schnell fortentwickelt zu haben, seit wir uns von unseren Säugetiervorfahren getrennt haben. "Noch weiß niemand, warum das so ist", sagt Austad. Ergo: Irgendetwas muss passiert sein, das dafür gesorgt hat, dass das menschliche Wachstumshormon so anders ist. (bsc)