"Ein exponentielles Wachstum der Komplexität"

MIT-Finanzmarkt-Forscher Andrew Lo warnt vor der Anfälligkeit der Märkte gegenüber globalen Kettenreaktionen und plädiert für eine nationale Überwachungsbehörde für die Börse.

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Von
  • David Talbot

Ende Januar, nur eine Woche, nachdem die französische Bank Societe Generale zugeben musste, dass ein einzelner, unrechtmäßig operierender Börsenhändler Verluste in Höhe von 7,2 Milliarden Dollar angehäuft hatte, sagte der Chef der Bank von Frankreich einen erstaunlichen Satz: "Keine der Kontrollinstanzen innerhalb der Societe Generale scheint so funktioniert zu haben, wie sie sollte."

Doch hinter diesen scheinbar extremen internen Problemen eines einzelnen Instituts liegen weit größere Schwierigkeiten im globalen Finanzsystem. Es sei möglich, dass die Taten des 31-jährigen Jerome Kerviel massive globale Aktienverkäufe ausgelöst hätten, meint Andrew Lo, Direktor des "Laboratory for Financial Engineering" am MIT. Und genau das deute auf ein systemimmanentes Risiko der immer komplexeren Börsen hin, so der Finanzmarkt-Forscher im Interview mit Technology Review.

Technology Review: Herr Lo, was wissen wir bereits an Konkretem ĂĽber das Versagen der internen Kontrollmechanismen bei der Societe Generale?

Andrew Lo: Man versucht derzeit noch, die verschiedenen von Kerviel verwendeten Methoden herauszufinden. Doch es sieht danach aus, dass er sich besonders gut mit der internen Infrastruktur der Bank auskannte und so die Kontrollen umging. Berichten zufolge hatte er nicht nur Zugriff auf die internen Finanzdatenbanken und konnte die gespeicherten Posten der von ihm verwalteten Handelskonten verändern, sondern umging auch alle Methoden, mit denen diese Daten abgeglichen und auf Korrektheit überprüft werden. Zwar scheinen die standardmäßigen Abgleichprozesse gelaufen zu sein, doch Kerviel konnte die Daten vor und nach diesen Routinen wohl verändern. So flog er nicht auf und behielt gleichzeitig sein Portfolio in der Hand.

TR: Können wir nicht einfach bessere Software entwickeln, die ein erneutes Auftreten solcher Katastrophen verhindern?

Lo: Ja. Allerdings gibt es überall dort, wo eine Schnittstelle zwischen Technologie und menschlichem Verhalten besteht, immer auch das Potenzial für Betrug. Systeme bauen sich ja nicht selbst – Menschen programmieren sie. Ein Ereignis wie dieses kommt nur gelegentlich vor, und dann sagen die Leute plötzlich, dass man mehr Geld und Zeit in die Verbesserung der Systeme stecken müsste. Dann werden sie auch besser gemacht. Doch genau das ergibt wieder ein falsches Bild von Sicherheit, und die Leute werden schließlich selbstzufrieden. Dann kommt es zu einem schlimmen Erwachen, wenn das nächste Unglück geschieht. Ergo: Es ist einfach unmöglich, diese Dinge mit 100-prozentiger Sicherheit zu vermeiden.

TR: Also werden weiterhin problematische Dinge geschehen. Liegt die größte Gefahr ihrer Meinung nach in globalen Kettenreaktionen, die dadurch ausgelöst werden könnten?

Lo: Genau. Das Finanzsystem wird insgesamt immer komplexer. Marktteilnehmer benötigen ausgefeilte Systemarchitekturen und Kommunikationslösungen für die verschiedensten Geschäftspartner und Marktbereiche. Die Anzahl der Teilnehmer, die Art der Transaktionen und das Marktvolumen, das mit dem Wachstum weiter zunimmt – all das entwickelt eine Dynamik, die zu einem exponentiellen Wachstum der Komplexität führt. Kein einzelner Mensch kann die noch verstehen. Doch mit der zunehmenden Komplexität kommt es zu einem wohlbekannten Phänomen – die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Schock durch das gesamte System ausbreiten kann, steigt. Systemimmanente Katastrophen werden wahrscheinlicher. Heutzutage werden wir schon durch relativ selten auftretende Ereignisse stark gefährdet.

TR: Auf welche Art entsprach der Fall Societe Generale einem solchen Schock des Systems?

Lo: Eine mögliche Hypothese wäre, dass der globale Kursrutsch eine direkte Konsequenz aus dem Bemühen der Bank war, die faulen Geschäfte Kerviels rückgängig zu machen. Dafür gibt es aber keine stichhaltigen Beweise. Aber völlig ins Reich der Fantasie gehört eine solche Vorstellung aufgrund der angegebenen Größe des Skandals auch nicht. Laut Societe Generale wurde das Problem am Samstag entdeckt, dann begann die Bank, die Positionen zum erstmöglichen Zeitpunkt abzuwickeln. Wenn dieser Vorgang im Bereich einer Milliarde Dollar oder mehr lag, wäre es durchaus plausibel, dass dies einen globalen Aktienabverkauf startete – erst in Asien, dann in Europa, dann in den USA.

TR: Also könnte eine Person, in diesem Fall der Societe Generale-Händler Kerviel, das gesamte globale Finanzsystem beeinflussen?

Lo: Das wäre die größere Variante eines Ereignisses, das wir im August 2007 gesehen haben. Eine große Zahl quantitativ vorgehender Hedge Fonds verlor simultan viel Geld an insgesamt drei Tagen, obwohl es kein Marktereignis gab, auf das man als Begründung für diese Gleichzeitigkeit verweisen könnte. Aufgrund einiger kleinerer Indizien konnten wir am MIT aber einen Ablauf zusammensetzen, laut dem einer diese Fonds sich entschied, sein Portfolio abzuwickeln – aus Gründen, die wir nicht kennen, die aber wahrscheinlich mit Kreditproblemen im Subprime-Hypotheken-Sektor zusammenhingen. Weil hier ein großer Fonds seine Papiere zu Geld machen musste und dies offenbar schnell, dürfte es negative Auswirkungen auf ähnlich aufgestellte Fonds gegeben haben – und zwar große. Da gab es dann einen Schneeballeffekt. Alle rennen zur gleichen Zeit zum Ausgang, und es kommt zum Crash. Aber im August 2007 kam es eben nicht zum Absturz des Gesamtmarktes, sondern in einem Bereich mit Teilnehmern, die ähnlich strukturiert waren wie der Fonds, der die Lawine lostrat.

TR: Wie lassen sich diese breiten Risiken minimieren?

Lo: Der wohl beste Weg wäre, den Investoren mehr Transparenz über deren Wahrscheinlichkeit und Schwere zu bieten. Dann könnten sie entscheiden, ob sie dieses Risiko tragen wollen. Dies ließ sich wohl am besten erreichen, wenn die Regierung eine staatliche Behörde wie das National Transportation Safety Board (NTSB) schafft, die in der Luftfahrt Unglücke aufklärt – nur eben für den Finanzmarkt.

Die müsste dann jede Krise und jeden Crash genau analysieren und dann von der Öffentlichkeit einsehbare Berichte erstellen, die die wahre Natur dieser Ereignisse, ihre genauen Umstände und erste Vorschläge enthält, wie man so etwas in Zukunft verhindern kann. Ähnlich wie die "Absturzdetektive" jede Unglücksstelle durchkämmen und ihre Erkenntnisse dann vorlegen. Das würde den Kapitalmarkt genauso sicherer machen wie die Luftfahrt. Gleichzeitig wären die Risiken bestimmter Investments endlich sichtbar. Mit der Zeit würden die gesammelten Informationen dieses "Capital Markets Safety Board" dann mehr Licht auf globale Finanzmarktkatastrophen werfen können, inklusive den systemimmanenten Risiken. (bsc)