Der Autismus-Indikator

Mit bildgebenden Verfahren haben Forscher das Gehirn von Kindern mit Asperger-Syndrom untersucht, während sie ein Interaktionsspiel spielten. Das Ergebnis ist erstaunlich.

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Von
  • Emily Singer

Wissenschaftler am Baylor College of Medicine haben Jugendliche, die am Asperger-Syndrom leiden, mit bildgebenden Verfahren untersucht – und zwar während sie ein Spiel spielten, in dem soziale Interaktionen eingeübt werden. Dabei stellte sich heraus, dass sich Gehirnprozesse bei dieser milderen Form des Autismus offenbar physiologisch von denen gesunder Menschen unterscheiden.

Die Studie, die im Journal "Neuron" veröffentlicht wurde, könnte Anhaltspunkte für spätere Untersuchungen über die genauen Hintergründe der Krankheit liefern, die sich zunehmend ausbreitet. Auch neue Diagnose- und Behandlungsverfahren wären womöglich drin.

"Ich halte das für einen spannenden Fortschritt", sagt Uta Frith, Professorin am University College London, die eine Vorschau des Papers für "Neuron" schrieb. Die meisten Studien fänden nur geringe Unterschiede zwischen normalen Menschen und Autisten mit normalem Intelligenzniveau. "Es ist ziemlich beeindruckend, dass hier nun derart große Veränderungen festgestellt wurden."

Autismus ist eine komplexe und heterogene Entwicklungsstörung, die sich normalerweise in Form von Problemen bei der Sprache und dem Sozialverhalten von Kindern äußert. Es existieren noch immer keine medizinischen Diagnosetests – typischerweise wird auf Basis von Beobachtungen des Arztes entschieden. Die Wissenschaft sucht schon seit Längerem mit großem Elan nach objektiveren Merkmalen, doch die Identifizierung spezifischer Gehirnanomalien bei Autisten war stets eine Herausforderung.

Die Baylor-Forscher glauben, nun konkrete physiologische Unterscheidungsmerkmale gefunden zu haben. Read Montague, Pearl Chiu und ihre Kollegen führten Gehirnscans bei Jugendlichen mit dem Asperger-Syndrom durch, jener Form von Autismus, die Menschen im Alltag normalerweise noch funktionieren lässt. Mit dem bildgebende Verfahren wurde ins Gehirn geschaut, während die Testpersonen ein so genanntes Vertrauensspiel spielten.

Dabei wird eine Person zum Investor erklärt, der eine fiktive Geldsumme auswählt, um sie dann dem zweiten Spieler, dem Treuhänder, zu übergeben. Unterwegs verdreifacht sich die Summe, und der Treuhänder muss dann entscheiden, wie viel er dem Investor zurückgeben will. Bei normalen Menschen verläuft das Spiel normalerweise immer gleich: Großzügige Gesten des Investors induzieren großzügige Reaktionen des Treuhänders, während egoistische Taten des einen immer auch Egoismus des anderen befördern.

Auch die Gehirnaktivitäten folgen stets einem typischen Muster. Eine Stude von Montague und seinen Kollegen, die 2006 veröffentlicht wurde, erstellte bereits Vergleichscans beider Parteien während des Spiels. Dabei ergab sich ein bestimmtes Signal in einem Teil des Gehirns, das Informationen aus der Hirnrinde und dem Körper miteinander in Verbindung setzt – und zwar immer dann, wenn der Investor darüber nachdachte, wie viel Geld er dem Treuhänder geben möchte. Ein zweites Signal trat stets nur dann auf, wenn der Investor seinen Gewinn vom Treuhänder erhielt. "Wir sehen dabei normalerweise ein Muster in der Form: ich, der andere, ich, der andere", sagt Montague, der das "Human Neuroimaging Lab" seiner Hochschule leitet. "Wir denken, dass das eine unterbewusste Feststellung des Gehirns ist, wem die jeweilige Aktion zugeschrieben werden soll."

Asperger-Betroffene spielen das Spiel auch nicht anders als Menschen ohne Autismus-Neigung. Allerdings fehlt, so stellten die Wissenschaftler jetzt fest, plötzlich das charakteristische "Ich"-Signal im Gehirn. Das passiert bei normalen Testpersonen eigentlich nur dann, wenn sie glauben, gegen einen Computer zu spielen. Autistische Personen sehen ihre Interaktionen mit anderen Menschen also möglicherweise ähnlich, wie dies Gesunde bei Begegnungen mit einem Rechner tun würden. "Diese Theorie erlaubt es uns, einen einigermaßen objektiven Blick auf ein Ding zu werfen, das hoffnungslos subjektiv ist – das Ich-Bewusstsein", sagt John Gabrielli, Neurowissenschaftler am MIT.

Doch so faszinierend diese neuen Erkenntnisse auch sind – was sie wirklich bedeuten könnten, ist noch völlig unklar. Eine populäre Autismus-Theorie lautet ungefähr so: Betroffenen fehlt die Fähigkeit, sich die Gedanken und Aktionen anderer vorzustellen. Ließe sich nun ein konkretes Defizit im Gehirn identifizieren, das mit dem Ich-Bewusstsein zusammenhängt, könnte man die Dinge, die hier schieflaufen, besser einkreisen. "Man nimmt allgemein gerne an, dass Autismus mit einem fehlenden Verständnis dafür zu tun hat, was der andere tut. Doch vielleicht verstehen die Betroffenen im sozialen Austausch auch einfach ihre eigene Rolle nicht", sagt Chiu.

Andere Forscher interpretieren die Ergebnisse noch weitgehender – und glauben gar, dass das Gehirnsignal mit einer Berechnung des Ansehens der eigenen Person gegenüber anderen zusammenhängen könnte. "Als normaler Mensch denkt man beim Investieren seines Geldes stets darüber nach, wie man in den Augen des anderen dabei dasteht", meint Frith. Doch genau das sei es ja, was die bisherige Hypothese des Autismus als Problem dieser Menschen darstelle.

Es gibt auch Autismus-Forscher, die nicht so weit gehen würden. "Ich bin skeptisch, wie viel uns die Baylor-Studie wirklich darüber sagt, welche Fähigkeiten des Menschen bei Autismus intakt bleiben und funktionieren", meint Matthew Belmonte, Forscher an der Cornell University. Er glaube nicht an ein physiologisches Defizit bei diesen Personen. "Vielleicht haben diese Menschen einfach nur eine andere Wahrnehmensstrategie."

Montague und sein Team wollen die gewonnenen Erkenntnisse trotz aller Fragezeichen bald in ein neues Diagnoseverfahren umsetzen. Sie haben dazu das typische Hirnsignal in einen einfachen numerischen Wert umgewandelt, der gut mit anderen klinischen Tests für die Schwere einer Autismus-Erkrankung korreliert. "Wir werden dann eines Tages beispielsweise zeigen können, dass jemand, der hier eine 3 statt einer 14 erhält, zu 80 Prozent ein Asperger-Fall sein könnte", sagt Montague. Ein solches Werkzeug könnte auch später als Test dienen, die Wirksamkeit neuer Verhaltenstherapieansätze gegen die Krankheit zu überprüfen.

Bis dahin liegt jedoch noch viel Arbeit vor den Forschern. "Wir müssen die Untersuchung vereinfachen und auch noch Personen mit einem breiteren Intelligenzbereich überprüfen", meint der Forscher. Die in der ersten Studie getesteten Freiwilligen hatten allesamt einen überdurchschnittlichen IQ. (bsc)