Haaranalyse zur Herkunftsbestimmung

Wissenschaftler haben eine Methode entwickelt, die aus dem Wasserkonsum einer Person ihre Reisegeschichte bestimmen kann.

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Von
  • Brittany Sauser

Aufgaben wie die Identifizierung unbekannter Mordopfer oder die Suche nach Serienkillern gehören für Kriminalisten zu den schwersten – insbesondere dann, wenn es nur wenige gerichtlich verwertbare Beweise gibt. Eine neue Methode verspricht nun, eine weitere Waffe im wachsenden Arsenal der Sicherheitsbehörden zu werden: Ein einzelnes Stück Haar kann Aufschluss darüber geben, wo sich eine Person in den letzten Wochen und Monaten aufgehalten hat. Forscher an der University of Utah haben eine Methode entwickelt, die Reisegeschichte eines Verdächtigen aufzudecken – und zwar mit Hilfe der Bestimmung der Sauerstoff- und Wasserstoffisotope im Haar. Die ermittelbare Informationstiefe hängt stets davon ab, wie lang das Haarstück ist.

Die Haare seien wie eine Bandaufnahme der Ernährung eines Menschen, sagt Thure Cerling, Co-Leiter der Untersuchung und Professor für Geologie, Geophysik und Biologie an der Universität. Die Studie ermittelte eine deutliche Beziehung zwischen den Isotopen im Wasser, das eine Person trinkt, und den Isotopen, die sich anschließend im Haar feststellen lassen. "Haarisotope spiegelt das Wasser im Körper wieder und das Wasser im Körper wiederum das, was man getrunken hat", sagt Jim Ehleringer, Professor für Biologie an der University of Utah, der zweite Studienleiter.

Ehleringer und Cerling entwickelten daraus ein Vorhersagemodell, das die geographische Herkunft und/oder eventuelle Reisen einer Person anhand der Isotopenzusammensetzung im Haar ermittelt. Dazu wurden Proben vom Leitungswasser in mehr als 600 Städten in den ganzen Vereinigten Staaten genommen. Gleichzeitig stellten Friseure in 65 Städten in 20 Staaten Teile der beim Barbierbesuch übrig gebliebenen Haarpracht zur Verfügung. "Wir suchten uns dabei insbesondere Friseure in kleineren Städten aus, in denen Reisende eher selten vorbeikommen", sagt Cerling.

Mit Hilfe eines Massenspektrometers wurden dann die Wasserstoffisotope (Wasserstoff-2 und Wasserstoff-1) und Sauerstoffisotope (Sauerstoff-18 und Sauerstoff-16) in Wasser und Haar gemessen und verglichen. Basierend auf der Wechselbeziehung konnten die Forscher dann mehrere Karten erstellen, die die Isotopen-Zusammensetzung im Haar einer Person mit verschiedenen Regionen im Land abgleichen.

"Basierend auf dieser Karte können wir dann die Frage stellen, ob die Isotope im Haar mit der Region übereinstimmen, in der es aufgefunden wurde", sagt Ehleringer. Passt beides nicht zusammen, lässt sich dann ableiten, aus welchem Gebiet eine Person tatsächlich kommt und eventuell ihre Reisegeschichte ermitteln.

Das Haar, das am nächsten zur Wurzel wächst, zeigt an, wo eine Person in letzter Zeit war. Je länger das Haar, desto mehr "historische Daten" können daraus bezogen werden, sagen die Forscher. Haar wächst im Schnitt alle drei Tage um einen Millimeter. Ist das Haar 20 Zentimeter lang, besitzt man also rund 20 Monate an Material, wie Ehleringer erläutert. "Bei mir sind es nur ungefähr sechs Monate", grinst er und zeigt auf seine Locken.

Joe Berry, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung für Geologie des Carnegie Institute of Science, hält die Arbeit für einen Durchbruch, weil sie zeige, dass sich die Technik tatsächlich im praktischen Kriminologeneinsatz verwenden lassen kann. Außerdem sei Ehleringers Labor weltweit führend bei der Untersuchung der Isotopen-Zusammensetzung entsprechender Proben.

Im ersten praktischen Einsatz ist die Methode bereits: Beamte des Salt Lake County Sherriff's Office nutzen sie, um ein Mordopfer zu identifizieren, das im Jahr 2000 in Utah entdeckt wurde. Seit acht Jahren gilt die Frau nur als "Unbekannte A", wie Todd Park, einer der mit dem Fall betrauten Ermittler, sagt. Mit der neuen Technik ließ sich nun feststellen, in welchen Regionen die Frau die letzten zwei Jahre ihres Lebens verbracht hat. Das sei eine große Hilfe, den Fall zu lösen, weil es den Suchradius deutlich einschränke.

Noch kann die von Ehleringer und Cerling aufgestellte Karte keine genauen Orte identifizieren – nur Regionen oder ein langes, enges Band wie das, das von Oklahoma nach Illinois reicht. Einige Regionen sind dennoch sehr klein, etwa die in Nord-Montana oder Wyoming, weil sie sehr spezielle Isotopen-Signaturen aufweisen.

Polizeimann Park glaubt, dass sich die Technik auch in anderen Bereichen nutzen lässt – etwa, um die Wege eines Serienmörders nachzuvollziehen. 2003 gründeten Ehleringer und Cerling deshalb die Firma "IsoForensics", die die Analyse stabiler Isotope im forensischen Bereich vorantreiben soll, um beispielsweise chemische Variationen festzustellen.

Stephen Macko, Professor am Institut für Umweltwissenschaften an der University of Virginia, hält die Arbeit für "äußerst spannend". Noch sei allerdings nicht genau genug bestimmt, wie stark die Aufnahme von Nahrungsmitteln in die Isotopen-Zusammensetzung hineinspiele, die aus anderen Regionen stammten. "Wenn man Orangensaft frisch aus Florida trinkt oder Fleisch einer texanischen Kuh zu Mittag hat, bekommt man auch immer Isotopen-Signale des Wassers dieser Staaten ab", sagt Macko. Doch wie erhält man dann überhaupt eine regional zu bestimmende Signatur? Ehleringer und Cerling betonen, dass Produkte wie Suppe, Kaffee, Cola oder Pasta stets unter Verwendung örtlichen Wassers zubereitet würden. Und genau die lieferten dann die korrekten Isotope. Um dies nachzuweisen, forschen die Wissenschaftler an genau diesen Fragen derzeit weiter. (bsc)