Digitaler Untergrund

Das Internet ist ein mächtiges Werkzeug - sowohl für legale Geschäfte wie auch für Verbrechen. Mittlerweile hat sich im Netz eine gut organisierte kriminelle Subkultur entwickelt, die Milliarden verdienen dürfte und selbst Mittätern Angst macht.

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Von
  • Gordon Bolduan

Man könnte ihn fast beneiden: Der Mann ist aus Deutschland in die beste Wohnlage von Amsterdam übergesiedelt, seine Dienste sind international gefragt, und für einen einzigen Tag Arbeit auf seinem Spezialgebiet kann er bis zu 10000 Dollar verlangen - selbst Journalistenfragen will der 34-Jährige nur gegen eine Gebühr von 750 Euro beantworten. Seinen Namen aber hätte er auch dafür ebenso wenig verraten wie die Adresse, denn er hat Angst vor seinen eigenen Kunden - nicht etwa, weil er schlechte Arbeit abliefern würde, sondern weil er in einem Geschäft tätig ist, in dem Indiskretion den Tod bedeuten kann: Die Kunden kommen aus Russland und gehören zum organisierten Verbrechen.

Diese Informationen stammen nicht von dem Dienstleister selbst, sondern von einem alten Bekannten. Der hat ebenfalls mit Internet-Kriminalität zu tun und will seinen Namen lieber nicht in der Zeitung sehen. Aber er hat sich für die andere Seite entschieden - statt Kriminellen bei ihren Angriffen hilft er lieber Unternehmen bei der Verteidigung. Auch dafür gibt es gutes Geld um den Preis der Gewissheit, sich auf einem gefährlichen Feld umzutun. "Etwa die Hälfte der ehemaligen Hobby-Hacker geht in reguläre IT-Jobs, die andere Hälfte in den Untergrund", sagt der freiberufliche Sicherheitsberater mit dem abgebrochenen Elektrotechnik-Studium.

Die beiden anonymen Computerexperten stehen für eine heikle Entwicklung im Internet: Schon immer hat das konsequent offen angelegte Netz der Netze auch Leute angezogen, die wissen wollten, welche Schwächen es hat und wie die sich für Schabernack aller Art ausnutzen lassen. Parallel dazu gab es frühe Spammer, die ganz ohne weitere Tricks das neue Medium E-Mail nutzten, um unerbetene Werbebotschaften in Millionen elektronische Postfächer zu stopfen - lästig, aber kaum gefährlich. Zuletzt aber sind die beiden Linien zusammengelaufen: Erkenntnisse über neue Sicherheitslücken werden verkauft statt veröffentlicht, und dann dafür benutzt, um fremde Rechner zu kapern oder die Server von Unternehmen lahmzulegen, die kein Schutzgeld zahlen wollen. So hat sich im Netz eine weltweit operierende Untergrund-Wirtschaft etabliert, die eindeutig Züge organisierter Kriminalität trägt und jährlich Milliarden damit verdient.

Der auf der sauberen Seite gebliebene Berater, der in diesem Artikel nur "Ben" heißen möchte, hat seine langen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, im rechten Ohr steckt der Ohrstöpsel seines Smartphones. "Keiner hackt mehr heute zum Spaß, das ist knallhartes Business geworden"... (bs)