Früherkennung für Augenkrankheiten

Ein neues Testverfahren könnte helfen, dank rechtzeitiger Behandlung den Verlust der Sehkraft zu verhindern.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Anna Davison

Forscher an der University of Michigan nutzen neue bildgebende Verfahren, um Erkrankungen der Sehorgane frühzeitig zu erkennen. Dazu untersuchen sie die Zellen des Auges direkt. Mit der Technik könnte es bald möglich werden, ernste Probleme wie den so genannten grünen Star früh genug zu behandeln, bevor es zum Verlust der Sehkraft kommt. Die Methode der Wissenschaftler untersucht dabei Veränderungen im Stoffwechsel der Zellen von Netzhaut und Sehnerv, die krankhafte Züge tragen. Diese Phänomene treten normalerweise bereits auf, bevor es zu ersten echten Symptomen kommt.

Mit Hilfe eines Kamerasystems auf dem neuesten Stand der Technik und einer speziell angepassten Software konnten das Team um Victor Elner, Augenarzt und Pathologe an der Universität, bereits leichte Veränderungen in den Augen von Patienten feststellen, die an einer Hirnerkrankung littet, die Auswirkungen auf den Sehnerv hat. Aber auch andere Gefahren für das Augenlicht sind frühzeitig feststellbar. "Wir glauben, dass dies für eine Reihe von Krankheiten nützlich sein könnte", meint Elner.

Der neue Test benötigt bereits mit den jetzigen Prototypen weniger als sechs Minuten. Der Forscher glaubt deshalb, dass sich darauf basierend eine Anlage herstellen lässt, die man problemlos in Augenarztpraxen oder Zentralkrankenhäusern aufstellen kann.

Sollten sich die Ergebnisse als tatsächlich konsistent erweisen, "könnte das System in der Praxis als Frühwarnsystem dienen, ob Zellen erkrankt sind", meint Joseph Rizzo, Augenarzt am Spezialhospital "Massachusetts Eye and Ear Infirmary". Ärzte könnten dann eine aggressive Behandlung starten, bevor es zu einer Erblindung kommt. Fortschreitende Augenerkrankungen wie der grüne Star lassen sich verlangsamen und in ihrer Zerstörungswirkung eindämmen, wenn man sie frühzeitig angeht – und das Augenlicht damit bewahren. "Das könnte potenziell zu einer wunderbaren Sache werden", meint Rizzo.

In ihrer Studie untersuchten Elner und vier Kollegen von der University of Michigan die Technik bei sechs Frauen, die kürzlich mit einem Pseudotumor cerebri (PTC) diagnostiziert wurden, einer Krankheit, bei der ein erhöhter Druck im Gehirn Symptome hervorruft, die an einen Tumor erinnern. Bei einigen PTC-Patienten kann der Druck auf den Sehnerv derart hoch sein, dass sie erblinden.

Bei ihrem Experiment prüften die Forscher die Versuchspersonen zunächst mit Standard-Sehtests ab. Die Sehschärfe war dabei noch gut. Sehfeldtests, die messen, welchen Bereich das Auge erfassen kann und die routinemäßig bei grünem Star verwendet werden, zeigten jedoch bereits subtile Veränderungen bei einigen der Frauen.

Elner und seine Kollegen setzten dann ihr neues bildgebendes Verfahren ein, um die Gesundheit der Zellen in den Augen der Frauen zu überprüfen. Dabei wurde blaues Licht auf ihre Retina gestrahlt und anschließend nach einer grünen Fluoreszenz gesucht, die von oxidierten Proteinen in absterbenden Zellen abgegeben wird. Bei der Messung der Intensität dieser Fluoreszenz ergab sich, dass sie im von der Krankheit am stärksten betroffenen Auge deutlich höher lag – um bis zu 60 Prozent. Solche Unterschiede gab es in der Kontrollgruppe nicht. "Krankheiten erfassen selten beide Augen gleichzeitig. Wir können deshalb normalerweise eine Asymmetrie feststellen", sagt Elner.

Die neue Technik erwies sich als mindestens genauso genau oder sogar genauer als Standardsehtests, die bei den Versuchspersonen durchgeführt wurden. Elner und seine Kollegen untersuchen den Ansatz auch bei Patienten mit grünem Star sowie bei diabetischer Retinopathie, die mit Veränderungen der Blutgefäße in der Netzhaut einhergeht. Ergebnisse hierzu wurden allerdings noch nicht publiziert.

"Diese Idee ist faszinierend", meint Sunil Srivastava, Dozent für Augenheilkunde am Augenzentrum der Emory University. "Ich sehe viel Potenzial." Nun müssten allerdings erst einmal wesentlich mehr Daten bei Patienten mit weitergehenden Krankheitsstadien gewonnen werden, um dem Verlauf folgen zu können.

Weil das neue bildgebende Verfahren zur Untersuchung von Veränderungen im Stoffwechsel der Augenzellen verwendet wird, glaubt Elner auch an Einsatzmöglichkeiten bei der Suche nach neuen Medikamenten. Die Auswirkungen neuer Wirkstoffe könnten so innerhalb von Wochen verfolgt werden, ohne dass man Monate warten müsse, um zu sehen, ob sich Veränderungen bei der Sehkraft oder der Struktur des Auges ergäben. "So lassen sich Medikamententests schneller vornehmen", meint der Forscher. Eine andere Einsatzmöglichkeit betrifft die ärztliche Praxis: Behandelnde könnten den Test verwenden, um sicherzustellen, dass die Therapie ihrer Patienten tatsächlich anschlägt. (bsc)