Die große Zinsauktion

Das Start-up NeoSaej entwickelt Algorithmen, mit denen Anleger und Finanzdienstleister zueinanderfinden sollen.

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Von
  • Erica Naone

Das Start-up NeoSaej aus dem amerikanischen Burlington hat eine neuartige Online-Auktions-Strategie entwickelt, die Anlegern helfen soll, bessere Zinsen bei Banken und Finanzdienstleistern zu erhalten. Die proprietären Algorithmen des Unternehmens führen dazu im Hintergrund einen komplexen Wettstreit zwischen verschiedenen Online-Angeboten durch, bevor das Ergebnis dann dem Kunden präsentiert wird.

Wer beispielsweise 20.000 Dollar in Form von Einlagezertifikaten (CDs) für sechs Monate anlegen möchte, gibt dies auf der NeoSaej-Website ein. Die Banken, die Mitglieder im Lieferantennetz der Website sind, können dann je nach ihrem geschäftlichen Ziel für diesen Auftrag bieten – beispielsweise, wenn sie schnell frische Mittel benötigen oder ein bestimmtes Produkt verkaufen wollen. Bevor der Kunde die Angebote sieht, werden die besten Deals der ersten Runde an das NeoSaej-Netzwerk zurückgeschickt, um zu prüfen, ob es keine Gegengebote gibt. Dieser Prozess setzt sich automatisch fort und erzielt immer bessere Gebote, bis schließlich nur noch eine Bank übrig bleibt, die das beste Angebot repräsentiert. Das System wird anfangs für CDs und hochverzinsliche Sparkonten angeboten, soll aber später auch umgekehrt im Kreditbereich funktionieren.

Firmenchef Mukesh Chatter glaubt, dass der Prozess wesentlich effizienter sei als heutige Formen des Online-Marketings. Banken bezahlten für Web-Werbung in Suchmaschinen und Inhalteangeboten inzwischen viel Geld, doch nur ein bis zwei Prozent der Nutzer, die dann auf die Website der Institute gelangten, eröffneten auch ein Konto oder nähmen Kredite auf. So koste es zwischen 400 und 1000 Dollar, im Netz nach neuen Kunden zu fischen – pro Person, versteht sich. Solche Ausgaben spiegelten sich dann in reduzierten Zinsen für Sparkonten und höheren Zinsen für Kredite wider, meint Chatter.

NeoSaejs Angebot soll noch in diesem Frühling unter dem Markennamen "MoneyAisle" starten und Geld mit dem Einsammeln einer kleinen Vermittlungsgebühr verdienen – und die sei bei jeder erfolgreich abgeschlossenen Transaktion "deutlich kleiner", als die heutigen Marketing-Kosten der Geldinstitute. "Unser Geschäftsmodell lautet: Wir werden erfolgsabhängig bezahlt." Das sei das gleiche Prinzip wie das von großen Online-Auktionen wie eBay (wo zuletzt die Listing-Gebühren reduziert wurden). NeoSaej setzt aber auf eine andere Reihenfolge: Der Verkäufer, in diesem Fall die Bank, muss seine Bedingungen ständig anpassen, um die geschäftlichen Ziele zu erreichen, die Konkurrenten zu schlagen und auf die Märkte zu reagieren. Auch Priceline, eine Seite für Flugreisen und Hotelbuchungen, bei denen der Kunde einen gewünschten Preis nennt und verspricht, bei entsprechenden Angeboten auch wirklich zuzuschlagen, funktioniert anders. Denn: NeoSaej-Kunden müssen laut Chatter sich nicht auf ein Angebot festlegen, bevor sie nicht die besten Konditionen vorgelegt bekämen.

Das Start-up konzentriert sich auch deshalb auf Banken, weil deren Einlagensicherung Kunden bei der Suche nach Anlagemöglichkeit ein ruhigeres Gefühl gibt. Andere Finanzprodukte sind aber ebenfalls angedacht. Robert Freund, Professor für Management an der MIT Sloan School of Business, der im Beratergremium des Unternehmens sitzt, glaubt gar, dass die Firma das Potenzial habe, "die Art, wie im Internet Geschäfte gemacht werden", gänzlich zu verändern. Mit 25 Mitarbeitern und 3,5 Millionen Dollar Risikokapital will man das nun versuchen. (bsc)