Post aus Japan: Wenn Roboter mehr als ein Marketing-Gag sind
Wer noch Zweifel hatte, dass intelligente Automaten den Sprung in den Alltag schaffen, muss derzeit nur nach Nippon schauen.
- Martin Kölling
Wer noch Zweifel hatte, dass intelligente Automaten den Sprung in den Alltag schaffen, muss derzeit nur nach Nippon schauen.
Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus – und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends.
Der Frühsommer 2015 wird in die Geschichtsbücher der Robotik-Community als eine Häufung wichtiger Roboterdebüts eingehen, die zudem allesamt in Japan stattfanden. Starten wir in der Zukunft: Am morgigen 17. Juli wird im Freizeitpark Huis Ten Bosch das erste Hotel eröffnet, dessen Belegschaft teilweise aus Robotern besteht.
An der Rezeption des "Henn na Hotel" begrüßen humanoide Roboter die Kunden. Darüber hinaus transportieren Maschinen das Gepäck und übernehmen die Grundreinigung der Zimmer. Die Hoteliers versprechen Kunden auf der Homepage der Herberge durch die nimmermüden Diener einen ganz besonderen Nervenkitzel: "Sie werden die Wärme spüren, die die Roboter verströmen, wenn Sie mit ihnen sprechen, während die Roboter effizient ihren Aufgaben nachgehen."
Nach einem solchen Satz könnte man das Roboterhotel als Marketing-Gag abtun. Aber es steckt mehr dahinter. Zwar werden zu Beginn des Projekts nur zehn Maschinenwesen dort arbeiten. Aber der Chef des Freizeitparks, Hideo Sawada, hegt weitaus größere Träume: In Zukunft sollen 90 Prozent der Arbeiten in dem Hotel vom Kollegen Maschine ausgeführt werden.
Unermüdlich, rund um die Uhr einsatzbereite Mitarbeiter – die Hotelindustrie schaut sicher mit großem Interesse auf das Projekt. Denn die restlichen zehn Prozent menschliche Arbeitskraft bestehen vielleicht nur aus zum einen Supervisoren, die schauen, ob die Roboter auch brav in den Ecken gefegt haben, und zum anderen aus Soft- wie Hardwaretechnikern, die mit realen und virtuellen Ölkännchen die Angestellten schmieren, warten und bei Bedarf reparieren.
Genauso eng sind heutiges Marketing und künftiger Kommerz bei einem anderen Projekt verbunden, das Anfang Juli angekündigt wurde: Der japanische Hersteller von Roboteranzügen Cyberdyne startet mit dem Tokioter Stadtflughafen Haneda einen großen Robotertest. Eingesetzt wird erstens ein Teil-Exoskelett, das die Beine und die Hüften seines Trägers umfasst, um Arbeitern beim Heben schwerer Koffer zu helfen. Zweitens sollen fünf Reinigungsroboter die Flure fegen und drei Transportroboter Koffer mit bis zu 200 Kilogramm Gewicht durch den Airport rollen.
Cyberdyne-Chef Yoshiyuki Sankei erklärte bei der Vorstellung des Projekts, dass der Flughafen ein weitaus besseres Testfeld als normale Ortschaften darstelle. Denn im öffentlichen Raum bremsten rechtliche Vorschriften den Einsatz von Robotern aus, die in einem Privatunternehmen nicht unbedingt gelten würden.
Gleichzeitig macht er vor internationaler Laufkundschaft Werbung für seine Produkte, die es bereits weltweit zu kaufen gibt. Der Betreiber Japan Airport Terminal denkt sogar in noch größeren Dimensionen. Er hofft, das Robotersystem nach der Tauglichkeitsprüfung in Tokio zuerst national und vielleicht sogar global auf anderen Flughäfen auszurollen.
Ebenfalls zu kaufen gibt es seit dem 1. Juli einen Roboter für den Heimgebrauch: Gestatten – Pepper von Softbank, der erste humanoide Partnerroboter aus Großserienproduktion. Softbank und sein Produktionspartner Hon Hai, besser bekannt als Auftragshersteller Foxconn, wollen bis Ende des Jahres 1.000 dieser sprechenden, tanzenden und "fühlenden" Wesen herstellen und pro Stück für 1.400 Euro Kaufpreis unters Volk bringen (dazu addiert sich allerdings ein 36-monatiger Konnektivitäts- und Wartungsvertrag, der pro Monat weitere 200 Euro kostet).
Ab kommenden Jahr soll die Produktion dann weiter hochgefahren werden, was allerdings noch einiges an Arbeit erfordern wird. Denn der Bau eines Pepper ist komplexer als der eines iPhones, machte Softbank-Chef Masayoshi Son, bei der Ankündigung des Verkaufsstarts im Juni deutlich. "Die Herstellung von Pepper gleicht der Herstellung einer Präzisionsmaschine."
Dieses Verfahren bremst Sons Visionen. Selbst in fünf Jahren rechnet er damit, dass die Robotersparte nur einen geringen einstelligen Prozentanteil am Umsatz des globalen Internet- und Mobilnetzkonzerns ausmacht. Aber in 30 Jahren könnten Roboter vielleicht ein Drittel des Absatzes des Internetkonzerns erzielen, orakelt Son.
Und zu guter Letzt fand im Juni die erste "Roboterhochzeit" Japans statt. Das Ja-Wort gaben sich ein Blechmonster namens Frois, das einem alten Science-Fiction entsprungen zu sein schien, und Yukirin, eine maschinelle Kopie des japanischen Pop-Idols Yuki Kashiwagi.
Noch kann sich das ungleiche und doch so ähnliche Paar nicht darüber aufregen, dass ihre Verbindung rechtlich keine Heirat darstellt. Denn bisher sind sie sich ihrer selbst nicht bewusst, sondern nur programmierte Unterhaltungsautomaten. Aber in ein paar Jahrzehnten könnte das anders aussehen. Vielleicht werden die Roboter der Zukunft mit digitalem Selbstbewusstsein die beiden Wesen als Vorkämpfer für Roboterrechte feiern. Denn eines sollte klar sein: Roboter sind mehr als ein Marketing-Gag. Sie werden Teil unseres Lebens und immer leistungsfähiger werden. ()