Aus Feind mach Freund

Eine neue Zelltherapie kann bei Organstransplantationen eine Abstoßungsreaktion unterdrücken.

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Von
  • Kristin Raabe
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Müdigkeit, Muskelzittern und Übelkeit – diese Nebenwirkungen begleiten manche Organtransplantierte ein Leben lang. Sie sind der Preis dafür, dass der Körper sich nicht gegen das fremde Organ wehrt. Denn die Patienten müssen mehrmals täglich Medikamente schlucken, die ihr Immunsystem praktisch komplett lahm legen. Sie müssen damit auch in Kauf nehmen, dass ihr Körper durch die sogenannten Immunsuppressiva auch Krankheitserreger und gefährliche Krebszellen nicht mehr erkennen und zerstören kann. Und trotz der starken Medikamente kann es auch Jahre nach einer Transplantation noch zu einer lebensbedrohlichen Abstoßungsreaktion kommen.

Deswegen suchen Mediziner weltweit schon seit langem nach sanften aber effizienten Methoden, um den Körper des Empfängers an das Spenderorgan zu gewöhnen. Einen ersten Erfolg konnte nun die Firma Blasticon verzeichnen. Unter der Leitung von Professor Fred Fändrich vom Universitätsklinikum Kiel erprobte sie bei acht Nierentransplantationen eine neue Zelltherapie, die die Einnahme von Immunsuppressiva fast überflüssig machen soll: Die Organempfänger erhielten vom Lebendspender nicht nur eine Niere, sondern auch spezielle Immunzellen, die ihrem Körper signalisieren sollten, das neue Organ anzunehmen.

Die Organspender mussten sich zunächst einer Art Blutwäsche unterziehen, durch die eine bestimmte Sorte von weißen Blutkörperchen – sogenannte Monozyten – herausgefiltert wurden. Diese wurden mit speziellen Wachstumsfaktoren und einem Zytokin behandelt. "Nach fünf Tagen haben sie dann die Eigenschaften, die wir benötigen", berichtet Fändrich. Die Monozyten verwandelten sich in sogenannte Regulator-Zellen – diejenigen Immunzellen, die im Körper des Organempfängers eine Abstoßungsreaktion verhindern sollen. Diese umprogrammierten Spender-Zellen spritzten die Ärzte den Patienten dann vor der Transplantation.

Ihr Ziel: Mit der Zelltherapie die natürliche Abwehrreaktion des Körpers gegen fremdes Gewebe unterbinden. Denn gefährlich für ein Spenderorgan sind vor allem die sogenannten cytotoxischen T-Zellen des Empfängers. Diese Zellen unterscheiden zwischen körpereigenem und körperfremdem Gewebe. Treffen sie auf fremdes Gewebe, etwa eine transplantierte Niere, lösen sie Alarm aus und setzen eine Immunreaktion in Gang, die zur Abstoßung des vermeintlich schädlichen Fremdorgans führt.

Um das zu vermeiden, brachten die Forscher die Regulator-Zellen ins Spiel. Diese Immunwächter verhindern normalerweise im Körper, dass das Immunsystem eigenes Gewebe angreift. Die bei der Transplantation verabreichten Regulator-Zellen des Spenders – so die Hoffnung der Ärzte – sollten die T-Zellen des Empfängers gezielt davon abhalten, gegen die neue Niere vorzugehen. Die Fähigkeit, andere fremde Zellen wie entartete Krebszellen oder Bakterien zu erkennen, sollte erhalten bleiben. Tatsächlich banden die neu programmierten Regulator-Zellen sowohl an die aktivierten T-Zellen der Empfänger, die daraufhin abstarben, als auch an die noch inaktiven – gleichsam untrainierten – T-Zellen, die dadurch selbst zu Regulator-Zellen werden. Weil also immer wieder neue Regulator-Zellen im Körper des Organempfängers zirkulieren, sollte sein Körper das fremde Organ auch noch Jahre nach der Transplantation akzeptieren.

"Das ist die erste klinische Studie mit regulatorischen Zellen weltweit", sagt Fändrich. Im Verlauf von 24 Wochen konnte der Transplantationsmediziner bei allen acht Patienten die normalerweise aus drei Medikamenten bestehende Immunsuppression auf einen Wirkstoff reduzieren. "Und dieses Medikament verabreichen wir in einer therapeutisch nicht nachweisbaren Dosierung", sagt Fändrich. Nebenwirkungen würden die Patienten so gut wie gar nicht verspüren. Die Lebensqualität sei deutlich besser als bei anderen Organtransplantierten, bei denen eine Abstoßungsreaktion ausschließlich durch große Mengen an starken Medikamenten unterdrückt wird.