Telekosmos, Version 2008

George Gilder, einer der führenden Figuren hinter dem Telekommunikationsboom der Neunzigerjahre, könnte mit seinen einst vollmundig formulierten Theorien schließlich Recht behalten.

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Von
  • Mark Williams
Inhaltsverzeichnis

Ende Februar trafen sich 12.000 Mitglieder der vermutlich wichtigsten Technologieindustrie des Planeten im Kongresszentrum des damals bereits frühlingshaften, südkalifornischen San Diego. Seit 2005 hört die dort jährlich stattfindende Veranstaltung auf den sperrigen Namen "Optical Fiber Communication Conference and Exposition / National Fiber Optic Engineers Conference". Die Abkürzung der Konferenz ist ebenso unaussprechlich: "OFC/NFOEC".

Was dort besprochen wird, betrifft uns allerdings alle: Die nahezu einen Terameter lange Glasfaserinfrastruktur (1000 Millionen Kilometer) dieses Planeten ist zum zentralen Nervensystem der Menschheit geworden – sie trägt den Internet-Datenverkehr und die gesamte internationale Telekommunikation inklusive Sprachtelefonie, die inzwischen in Form digitaler Datenpakete übertragen wird. Der Traffic, den das alles verursacht, verdoppelt sich alle zwei Jahre. Der Branchenbeobachter Robert X. Cringely glaubt, dass der einzige Grund, warum die immer beliebter werdenden Videodienste das US-Internet 2007 nicht überlasteten, an heimlichen Bandbreitenbeschränkungen lag, die die Breitband-Provider vornahmen, ohne es zuzugeben. Die Voraussage, dass das Internet bald zusammenbrechen würde, ist allerdings fast so alt wie das Netz selbst. Dennoch ist ein rein rechnerische Potenzial vorhanden: Würden alle YouTube-Benutzer sich entschließen, ihre Videos künftig in HD hochzuladen, würde das wohl den US-Internetverkehr verdoppeln und es wäre wohl schnell Schluss mit der Zuverlässigkeit.

Ich fuhr nach San Diego, um mir ein genaueres Bild der Lage des globalen Telekosmos des Jahres 2008 zu verschaffen. Was ein Telekosmos ist? Als ich am dritten Morgen der Veranstaltung in das Konferenzzentrum trat, traf ich einen älteren, bebrillten Herrn in blauem Blazer und beigen Chinohosen, der ziemlich entnervt versuchte, in den Hauptsaal zu gelangen. "Sie sind doch George Gilder", sagte ich, als ich ihn erkannte. Mit mürrischer Miene knurrte er mir eine Bestätigung. "Das ist wirklich furchtbar", sagte er mir. "In diese Richtung", zeigte ich – und verließ ihn. Es war ein fast melancholischer Moment: Nur vor wenigen Jahren hätten die Konferenzbetreiber wohl eine Limousine geschickt und stets einen Saaldiener parat, um Gilder zu seinem Sitzplatz zu geleiten. Damals war er ein reicher, viel geehrter Technologie-Prophet. Kurz bevor im Jahr 2000 die Aktien der Kommunikationskonzerne und Infrastrukturlieferanten einbrachen, hatte er ein Buch namens "Telekosmos" veröffentlicht, dessen ursprünglicher Untertitel "Wie unendliche Bandbreite unsere Welt revolutionieren wird" lautete. In jenen Tagen erlebte jede Firma aus dem Bereich der Breitbandvernetzung, die in Gilders monatlichem Newsletter erwähnt wurde, den so genannten "Gilder-Effekt": Ihr Börsenwert zog teils kräftig an.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Technologie-Cheerleadern jener Tage war Gilder ein interessanter Typ mit ganz eigener Geschichte. Er fing in den Sechzigerjahren als Redenschreiber an – für prominente Kunden wie Richard Nixon. In den Siebzigerjahren schrieb er dann den antifeministischen Schocker "Sexueller Selbstmord", was dazu führte, dass ihn das "Time"-Magazine "zum führenden männlichen Chauvinistenschweineautoren der Nation" erklärte. Nach einer Periode als Lobbyist für die Angebotspolitik der Reagan-Ära etablierte sich Gilder dann als Technologieexperte: Er schrieb 1989 das Buch "Microcosm", in dem er die Microchip-Revolution betrachtete und 1990 schließlich "Life after Television", in dem er so genannte "Teleputer" vorhersagte – Geräte, die dank Glasfaserverbindung das klassische Fernsehen ersetzen würden. Gilder hatte damit nicht nur zur rechten Zeit das gesehen, was wirklich kommen würde – er vergrub sich auch derart in der tatsächlichen technologischen Materie, das ihn auch Profis ernst nahmen.

Gilder argumentierte damals, dass genauso wie der Mikroprozessor eine bislang unvorstellbare Rechenleistung in die Hand jedes Einzelnen brachte, auch der Boom beim Aufbau der Glasfasernetze eine ganz neue Welt ins Leben rufen würde. In jenem Telekosmos gäbe es dann eine Kommunikation ohne Verzögerung und eine unendliche Bandbreite. Gilder sagte voraus, dass damit "die CPU an die Peripherie, das Netzwerk in die Mitte" rücke – und dass es damit jedem Menschen möglich werde, ein neues Produkt, eine Firma oder eine politische Bewegung zu begründen. Doch auf jeden Boom folgt automatisch auch ein Niedergang und der Crash der Telekommunikationsindustrie erwies sich, als er dann kam, als schlimmer als das Platzen der Dot-Com-Blase. Mehr als 500 Milliarden Dollar gingen in wenigen Jahren verloren. Zwischen 2001 und 2004 mussten 216 Telekommunikationsfirmen Insolvenz anmelden – darunter Giganten wie Worldcom, einst 104 Milliarden Dollar wert. Firmenboss Bernie Ebbers wurde gar zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt – für den größten Buchhaltungsbetrug in der US-Geschichte. Währenddessen zitterten auch einstige Branchenriesen wie AT&T. Unglücklicherweise hatte Gilder seine High-Tech-Firmen so sehr geliebt, dass er auch sein eigenes Geld in sie investiert hatte – und riet das auch anderen.