Vom Video zum Foto
Eine kostengünstige, hochauflösende Kamera soll traditionelle Einzelbildaufnahmen überflüssig machen.
- John Borland
In der Welt der Digitalfotografie braut sich ein Kulturkampf zusammen: Er hat mit der Frage zu tun, ob hochauflösende Videokameras klassische Einzelbildgeräte langsam überflüssig machen könnten.
In einem Segment, in dem die Traditionalisten noch immer argumentieren, klassisches Fotomaterial sei besser als die digitale Bilderfassung, geht eine solche Diskussion natürlich kaum ohne Tohuwabohu ab. Eine Anzahl von ambitionierten Fotografen experimentiert bereits mit HD-Camcordern, um professionelle Fotos zu schießen – und die ersten Ergebnisse werden inzwischen sogar auf den Titelseiten einiger Zeitungen publiziert.
Im April kündigte das Start-up Red Digital dann eine "Pocket Professional"-Kamera mit sehr hoher Auflösung an, was die Debatte nochmals verstärkt hat. Mit einer Pixelanzahl, die deutlich höher liegt als bei heute üblichen HD-Camcordern, und einem Basispreis, der unter 3000 Dollar landen dürfte, könnte das "Scarlet" genannte Gerät den Weggang von den traditionellen Einzelbildkameras beschleunigen.
"Danach lecken wir uns bereits die Finger", meint Richard Koci Hernandez, Fotograf bei der Silicon Valley-Zeitung "San Jose Mercury News" und einer der journalistischen Vorreiter bei der Verwendung von HD-Videotechnik im Newsroom. "Die Technologie gelangt an einen Punkt, an dem es möglich wird, dass sie jeder bedienen kann."
Im Sinne des technischen Fortschritts erscheint die Hochzeit von Standbild und Video eigentlich zwingend. Die bewegten Bilder, egal ob mittels digitaler Videokamera oder Filmmaterial aufgenommen, bestehen schließlich nur aus einer Reihe von Einzelbildern.
Dennoch gibt es große technologische und praktische Unterschiede zwischen Einzelbild- und Videokameras. Einzelbildgeräte sind darauf optimiert, qualitativ hochwertige Einzelbilder zu schießen – mit großen Bildsensoren. Sie fangen hohe Lichtmengen und enorme Details ein. Digitales Video muss dagegen eine Balance zwischen hoher Auflösung und den massiven Datenmengen finden, die Bewegtbilder mit sich bringen.
So bietet der so genannte "Full HD"-Standard, den heutige hochauflösende Fernseher nutzen, mit 1920 × 1080 Pixel eine Auflösung von nur rund 2,1 Megapixel an – diese Bildpunktzahl wird bereits von den primitivsten Einzelbilddigitalkameras geschlagen. Die meisten Handheld-HD-Camcorder verwenden eine ähnliche Auflösung, einige von ihnen können aber auch Einzelbilder mit höherer Pixelzahl schießen. So können Nutzer des Sony High-End-Consumer-Gerätes HDR-SR12 Einzelbilder mit zehn Megapixel erfassen, doch Framegrabs, also Einzelbilder aus dem Videobilderstrom, haben die wesentlich geringere Full-HD-Auflösung.
Fotoreporter haben diese technologische Barriere inzwischen leichter überbrückt als andere Profis – Zeitungsaufnahmen haben eine relativ geringe Auflösung, wenn man sie mit professionellen Drucken oder Magazinfotos vergleicht. Hinzu kommt, dass viele journalistische Fotografen inzwischen gezwungen sind, neben Fotos auch noch Videos für ihre Kunden zu liefern, die dann auf der Website landen – ein Camcorder ist bei ihnen inzwischen stets dabei.
Kein Wunder also, dass einige Profis damit begannen, mit Framegrabs als zeitsparender Alternative zu regulären Fotos zu experimentieren – Standbildern aus den HD-Videoskameras eben. David Leeson, Fotoreporter der "Dallas Morning News", gilt als einer der Pioniere dieses Trends, aber auch diverse andere Fotografen und Zeitungen erproben den Ansatz seit dem vergangenem Jahr.
Der Trend ist auch einer der Gründe für das große Interesse der Foto-Community an der Scarlet von Red Digital. Das auf der NAB-Messe in Las Vegas angekündigte Profigerät wird im Frühjahr 2009 erhältlich sein. Es ist in erster Linie ein Videowerkzeug, doch seine Gestaltung ist unwiderlegbar fotografenfreundlich.