"Risse in der geschlossenen Decke..."

Die Mozilla-Chefin Mitchell Baker spricht im Technology Review-Interview über die neuesten Ideen des Open-Source-Browser-Projekts.

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Von
  • Kate Greene

Es gibt eigentlich keinen Zweifel daran, dass es leichter wird, mit mobilen Geräten ins Web zu gehen. Dank Apples iPhone und dem darauf laufenden Browser Safari haben Millionen von Nutzern inzwischen das Gefühl, das Internet erstmals wirklich "in der Tasche" zu haben. Doch es gibt noch viel Arbeit zu leisten, bis die Innovationen des traditionellen Web wirklich auch in den Mobilbereich geholt werden, glaubt Mitchell Baker, Chefin des Mozilla-Projektes, wo man unter anderem am populären Firefox-Browser arbeitet.

Baker war die entscheidende Person beim Aufbau der Open-Source-Gemeinschaft, die der Welt schließlich Firefox gab – eine populäre Alternative zu kommerziellen Desktop-Browsern wie dem Internet Explorer und Safari. Nun konzentriert sich Mozilla auf das mobile Web: Im Oktober des vergangenen Jahres kündigte die Stiftung eine Initiative an, die den ersten, vollständig offenen Web-Browser für Mobilgeräte schaffen soll. Als Open-Source-Projekt wird der Browser mit Code hergestellt, der von Programmierern auf der ganzen Welt stammt. Die Hoffnung: Mozilla will Innovationen in eine Industrie zu holen, die berüchtigt dafür ist, Entwickler zu beschränken. Technology Review unterhielt sich mit Baker in San Francisco über ihre Vision eines mobilen Internet.

Technology Review: Frau Baker, welche Fortschritte wurden gemacht, seit dem Sie letzten Herbst Ihre mobile Firefox-Initiative angekündigt hatten?

Mitchell Baker: Das erste, was wir getan haben, war, sicherzustellen, dass sich die Speicherplatz- und RAM-Vorgaben unseres Programmcodes für Handys und andere mobile Geräte besser eignen als früher. Wir hatten uns darauf in den letzten Jahren nur wenig konzentriert. Wir arbeiteten vor allem an der Nutzerschnittstelle und am Entwickler-Ökosystem und sorgten dafür, einen möglichst flexiblen Browser herzustellen. Die Leistungsanforderungen der Codebasis, auf der Firefox inzwischen läuft, haben sich in den letzten sechs Monaten dramatisch verändert. Sie entsprechen denen eines mobilen Browsers und sind sogar, je nach Test, besser als die Konkurrenz. Wir haben viel harte, softwaretechnische Grundlagenarbeit leisten müssen. Das ging gar nicht anders.

Außerdem wurde mit der Prototypenentwicklung begonnen. Es gibt ein Projekt namens "Fennec", eine andere Art von Fuchs. Hier wurden Vorabversionen veröffentlicht, keine fertigen Produkte. Das ist die klassische Art, wie Mozilla entwickelt: "Release early, release often" – frühe Versionen, oft aktualisiert.

TR: Wann wird der fertige mobile Firefox der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen?

Baker: Mit einer Variante, mit der die Öffentlichkeit spielen kann, ist noch in diesem Jahr zu rechnen. Ich bin mir nicht sicher, ob es schon ein vollständig poliertes Produkt sein wird, aber es wird sich in einem benutzbaren Zustand befinden.

TR: Warum ist ein mobiler Firefox so wichtig? Es gibt zahlreiche andere Browser, darunter Apples Safari, die das mobile Web deutlich vorangebracht haben.

Baker: Safari zeigt, dass man einen guten Browser auch auf einem Handy haben kann und sich das Web damit in das mobile Segment holen lässt. Gut für Apple. Das iPhone ist ein fantastisches Werkzeug, um zu zeigen, welche Funktionen wir künftig haben könnten. Safari und das iPhone zeigen aber auch die Geschlossenheit der Apple-Welt und die Einschränkungen eines Ansatzes, der an den von Verkaufsautomaten erinnert. Mit Safari erhält man Safari, nicht die Erweiterungen oder die grenzenlose Kompatibilität zu anderen Anwendungen. Man erhält eine ganze Reihe von wichtigen Dingen nicht und unter den Lizenzbedingungen von Apple ist es sogar verboten, das zu ändern.

Firefox bedeutet mehr Wahlmöglichkeiten für den Kunden, Innovationen für Entwickler, ein Geschäftsmodell für neue Firmen und jene Explosion der Möglichkeiten, wie wir sie im Web in den letzen paar Jahren gesehen haben. Also ja, es gibt andere Browser da draußen. Sie sind nur alle geschlossen, nicht offen.

TR: Welche Innovationen erwarten Sie, wenn es einen mobilen Firefox gibt? Welche verrückten Ideen existieren bereits da draußen, von denen Sie wissen?

Baker: Da gibt es ein Bequemlichkeitsfeature, das uns derzeit sogar auf dem Desktop noch fehlt. Ich glaube, dass es das geben wird, noch bevor verrücktere Ideen umgesetzt werden. Also: Man sollte keine fünf Versuche benötigen, eine Site wieder zu finden, auf der man bereits war. Das muss leichter werden. Wir wissen bereits, wie wir das in Firefox umsetzen können – und das wird dort sehr nützlich werden.

Solche und ähnliche Funktionen werden wir als erstes sehen – Features, die helfen, die Einschränkungen mobiler Geräte zu umgehen. Und ich bin mir sicher, dass wir sie dann später auch auf den PC-Desktop holen werden.

TR: Die Mobilbranche gilt deshalb als so schwierig, weil die Netzbetreiber und Handyhersteller außenstehende Entwickler normalerweise daran hindern, Veränderungen an der Technologie vorzunehmen oder nicht autorisierte Software zu ergänzen. Wie will Mozilla mit diesem Problem umgehen?

Baker: Ich denke, dass die Hardwarehersteller zunehmend daran interessiert sind, den Usern die Nutzererfahrung zu geben, die sie haben wollen. Schwieriger sind da schon die Netzbetreiber. Manchmal denke ich, wir vergessen, dass die Welt nicht nur so ist wie die USA. Es gibt Teile der Erde, die hier wesentlich offener sind als wir. Ich bin nicht davon überzeugt, dass die USA das führende Land bei mobilen Innovationen sind. Wenn wir verreisen, sind wir stets schockiert zu sehen, was eigentlich geht.

Ich denke aber, dass sich das gesamte Umfeld verändern wird und dass entweder erste Risse in der geschlossenen Decke auftauchen werden oder es einen Ort geben wird, an dem gezeigt werden kann, was wirklich möglich ist. Diese Demonstrationen sind mächtiger, als die meisten Leute annehmen, selbst wenn sie klein sind. Wenn man den Kunden die Möglichkeiten aufzeigt, dann kann man ein Verständnis und eine Nachfrage aufbauen.

TR: Wie werden Mobiltelefone in drei Jahren aussehen? Was erwarten Sie?

Baker: Ich bin mir nicht sicher, ob das dann noch Telefone sein werden. Manchmal will ich mit jemandem "von Stimme zu Stimme" sprechen. Manchmal aber auch gar nicht. Ein Gerät, das ich mit mir herumtrage, sollte nicht nur ein Handy sein, an dem andere Funktionen kleben. Ich will, dass es viel flexibler wird. (bsc)