Neue Behandlungsmethoden gegen Fettsucht?

Forscher glauben, dass sie die Neigung zum Übergewicht stoppen können, indem sie Nerven blockieren, die die Verdauung regulieren.

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Von
  • Emily Singer
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Ein Implantat, das mit Hilfe elektrischer Signale den Nervus vagus blockiert, der die Verdauung reguliert, zeigt erste Erfolge in klinischen Studien. Die experimentelle Therapie gegen Ăśbergewicht, die vom Medizintechnikhersteller Enteromedics aus dem amerikanischen St. Paul entwickelt wurde, ist Teil eines wachsenden Trends, Alternativen zum so genannten Magenbypass zu finden, einer oft erfolgreichen, aber dennoch invasiven Therapie, um die Fettsucht zu heilen.

"Wir brauchen einen Ansatz, der sicherer ist als aktuelle Methoden und sich außerdem zügig durchführen lässt", meint Christopher Thompson, Chirurg am Brigham and Women's Hospital, der neue chirurgische Werkzeuge und Methoden gegen Übergewicht testet. Das Problem hat sich in den westlichen Ländern inzwischen zu einer Epidemie ausgewachsen. Auch die Anzahl der Magenbypässe nimmt regelmäßig zu. Dabei wird der Magen chirurgisch auf die Größe einer Zitrone verkleinert. Die amerikanische Gesellschaft für Stoffwechsel- und Übergewichtschirurgie schätzt, dass sich die Anzahl der Eingriffe in den vergangenen fünf Jahren in dem Land verdoppelt hat – von rund 100.000 im Jahr 2003 auf gut 200.000 im Jahr 2007.

Diese Magenverkleinerung führt oft zu drastischem Gewichtsverlust. Dennoch ist nur eine kleine Anzahl der Betroffenen, die dafür geeignet wären (jene, deren Body-Mass-Index (BMI) bei mehr als 35 liegt), auch zu dem Eingriff bereit. Der Grund sind die damit verbundenen Risiken und die Tatsache, dass die Operation sich nicht rückgängig machen lässt. Hinzu kommen nach dem Eingriff notwendige Ernährungseinschränkungen und die Pflicht, ständig Nahrungszusätze zu schlucken. "Viele Menschen, die die Operation eigentlich bräuchten, gehen nicht zum Arzt, weil sie Komplikationen fürchten", sagt Thompson. Genau deshalb behandelt man nur einen kleinen Prozentsatz.

Nun gibt es neue Optionen. Auf einer Neurotechnologie-Konferenz in Boston stellte Enteromedics erste vorläufige positive Ergebnisse aus klinischen Tests in Europa vor, bei denen der Nervus vagus blockiert wird, um die Nahrungsaufnahme zu reduzieren. Die Technologie hört auf den Namen "VBLOC".

Das Implantat nutzt einen elektrischen Anreger, um die Signale im Nervenstrang zu unterbinden. Der Vagus verbindet das Gehirn mit den Organen des Magen-Darm-Bereichs, reguliert Hormone und andere Faktoren, die mit Sättigungsgefühl und Hunger zu tun haben. "Der Nerv kontrolliert, wie sich der Magen ausdehnt, wenn wir zu essen beginnen", erläutert Mark Knudson, Chef von Enteromedics. "Wenn er sich nicht ausdehnt, ist er bereits nach ein paar Bissen voll."

Bei dem Eingriff werden zwei kleine Elektroden mit Hilfe der Laparoskopie neben die Vagus-Nervenfasern oberhalb des Magens platziert. Ein unter der Haut implantierter Regulator sendet dann hochfrequente elektrische Impulse über die Elektroden, von denen man glaubt, dass sie die Signale vom Nervus vagus blockieren können. Noch weiß die Forschung nicht, wie dies genau funktioniert, doch die Enteromedics-Wissenschaftler glauben, dass solche Frequenzen Signale unterdrücken können, die dem Magen normalerweise mitteilen, dass er Nahrung akzeptieren soll. Ebenfalls ausgeschaltet wird dabei ein Impuls, der Verdauungsenzyme und Magensäure anregt, was die Verdauung insgesamt verlangsamt. Viele Patienten fühlten sich im Versuch damit weniger hungrig und nach dem Essen voller, sagt Knudson.

Eine Analyse von neun Versuchspersonen, die unter den ersten waren, die das Implantat erhielten, zeigt, dass sie rund 30 Prozent ihres Übergewichtes innerhalb von neun Monaten abbauen konnten. Vorläufige Daten aus einer größeren Patientengruppe besagen, dass die Patienten nach dem Eingriff im Schnitt 500 Kalorien weniger pro Tag verzehren. "Das ist weniger als das, was man bei einem Magenbypass oder einem Magenband erzielen würde, aber es ist trotzdem ziemlich gut", meint Janey Pratt, Chirurgin am Massachusetts General Hospital in Boston.

Enteromedics will nun Patienten in einem größeren, placebokontrollierten Versuch hineinnehmen, der in den USA und in Australien läuft. Bei zwei Dritteln der Teilnehmer soll das Gerät sofort nach der Implantation eingeschaltet werden, während es bei der Kontrollgruppe mehrere Monate ausgeschaltet bleibt. Dabei sollen Gewichtsverlust und andere Faktoren ständig überwacht werden. Insgesamt wird die Studie vier Jahre laufen, um auch Langzeitauswirkungen zu untersuchen.