"Wie jeder normale Sportler auch"
MIT-Gutachter Hugh Herr über hochmoderne Prothesentechnologien - und warum ein amputierter Läufer künftig gleichwertig an Wettbewerben nichtbehinderter Athleten teilnehmen darf.
- Brittany Sauser
Mitte Mai erhielt der Paralympics-Läufer Oscar Pistorius die Erlaubnis, sich einen Lebenstraum zu erfüllen: Er bekommt die Chance, sich für die Olympiade zu qualifizieren. Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) im schweizerischen Lausanne gab seiner Klage auf Gleichbehandlung mit Nichtbehinderten Recht. Der Südafrikaner hatte zuvor gegen eine gegenläufige Entscheidung des Welt-Leichtathletikbundes IAAF Berufung eingelegt, der ihm genau das nicht zugestehen wollte. In der CAS-Entscheidung heißt es, die IAAF habe keine ausreichende Beweise vorgelegt, dass Pistorius "irgendwelche seinen Stoffwechsel betreffende Vorteile oder andere biomechanische Auswirkungen" durch die von ihm verwendeten Prothesen genieße. Mit anderen Worten: Der Mann ist Nichtbehinderten ebenbürtig.
Pistorius lebt mit einer Doppelamputation, ihm fehlen durch einen Gendefekt beide Wadenbeine. Stattdessen hat er zwei J-förmige Prothesen aus Kohlefasern, die so genannten Cheetah Flex Foots des Herstellers Össur aus Island. Nachdem Pistorius 2007 mit gutem Ergebnis bei einer regulären Veranstaltung gegen Nichtbehinderte angetreten war, hatte die IAAF Bedenken vorgebracht, dass die Cheetah-Prothesen ihm womöglich unfaire Vorteile verschaffen. Es folgte ein Verbot so genannter "technischer Geräte" wie Rädern oder Federn in Wettkämpfen der Organisation. Pistorius' Fall wollte die IAAF nochmals einzeln entscheiden.
Es folgte eine zweitägige wissenschaftliche Untersuchung der Prothese, die der deutsche Biomechanik-Professor Gert-Peter Brüggemann durchführte. Aus den sich daraus ergebenden Daten schloss die IAAF schließlich tatsächlich, dass Pistorius "unfaire Vorteile" gegenüber Nichtbehinderten habe. Er müsse "25 Prozent weniger Energie" als diese aufwenden.
Überrascht von diesem Ergebnis wandten sich Pistorius' Anwälte an den MIT-Professor Hugh Herr und baten ihn, die wissenschaftliche Stichhaltigkeit der IAAF-Studie zu überprüfen. Herr ist Direktor der Biomechatronik-Gruppe am MIT Media Lab und außerdem Dozent an der MIT-Havard Devision of Health Sciences and Technology. Er stellte ein Team aus Experten der Bereiche Biomechanik und Physiologie zusammen, die von sechs Universitäten stammten. Seine Untersuchung half Pistorius schließlich, vor dem Sportgerichtshof doch noch Recht zu bekommen.
Im Interview mit Technology Review spricht Herr über seine Untersuchung – und welche Auswirkungen der Fall auf den Sport haben könnte.
Technology Review: Welche Kernbehauptungen hat die IAAF in ihrem wissenschaftlichen Bericht aufgestellt, die Sie zu ĂĽberprĂĽfen hatten?
Hugh Herr: Die erste hatte mit der Stoffwechselenergie zu tun, die Oscar aufwenden muss, um zu laufen. In der Studie heißt es, dass er wegen seiner Cheetah-Prothesen 25 Prozent weniger Energie bei Sprint-Geschwindigkeit benötige. Zweitens meinte die IAAF, dass die Prothesen unter diesen Bedingungen eine höhere Energiemenge freisetzten als der Fuß-Sprunggelenk-Komplex des Menschen. Damit habe Oscar einen "künstlichen Vorteil".
TR: Wie kam die IAAF zu ihrem ersten Schluss mit der geringeren notwendigen Energie und welche wissenschaftlichen Beweise konnten Sie vorlegen, dies zu widerlegen?
Herr: Bei Sprint-Geschwindigkeit nutzt der Körper zwei Energiequellen – die aeroben und die anaeroben. Das Problem dabei ist, dass man eine dieser Energiequellen messen kann, die andere aber nicht. Anaerobe Energie kann von niemandem genau bestimmt werden – nicht in den USA, nicht in Deutschland, das geht einfach nicht. Die IAAF behauptete, dass sie das könnte und gab dazu auch noch eine genaue Ziffer an: 25 Prozent Energievorteil bei der Geschwindigkeit eines 400-Meter-Rennens. Das ist ein Fehler, weil sich die Energie bei solchen Geschwindigkeiten gar nicht spezifizieren lässt. Es kann also auch niemand ermitteln, ob es einen Vorteil oder einen Nachteil hätte, mit Prothesen unterwegs zu sein.
TR: Wie hat die IAAF die anaerobe Energiequelle denn dann gemessen, wenn sie dennoch zu einem solchen Ergebnis kam?
Herr: Sie nahmen Blutlaktatmessungen vor. Aber um es noch einmal zu wiederholen: Wer das aktuelle wissenschaftliche Verständnis des anaeroben Stoffwechsels kennt, weiß, dass man aus solchen Untersuchungen nicht auf die anaeroben Kapazität schließen kann.
Bei niedrigeren Laufgeschwindigkeiten lässt sich die aerobe Komponente feststellen, in dem man überwacht, wie viel Sauerstoff eine Person konsumiert und wie viel CO2 von ihr abgegeben wird. Wir machten also folgendes: Wir führten einen energetischen Test bei geringeren Geschwindigkeiten durch, bei denen man noch feststellen kann, wie viel Gesamtenergie zum Laufen benötigt wird. Bis zu einer bestimmten Geschwindigkeit (und darunter) stellt die aerobe Energieversorgung die Gesamtenergiequelle dar. Wir nahmen bei Oscar und anderen Topathleten mit intakten Beinen diese Werte und konnten keine signifikanten Unterschiede feststellen.
Hätte die IAAF ihre Studie in einem Peer-Review-Prozess überprüfen lassen, bevor sie sich entschloss, Oscar zu sperren, wäre das wohl aufgefallen.