Die Zukunft mobiler sozialer Netzwerke

Der neue Smartphone-Dienst Whrrl kombiniert Echtzeit-Lokalisierungsdaten mit Empfehlungen, was der Nutzer vor Ort alles tun könnte.

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Von
  • Kate Greene

Das iPhone erhält in diesen Tagen eine neue Funktion: Nutzer können sich aus dem so genannten "App Store" neue Anwendungen herunterladen und Apples viel gehyptes "Wunderhandy" so nach Belieben erweitern. Eine der Firmen, die gerne ganz vorne auf dem Smartphone mit dabei sein würde, heißt Pelago, ein Start-up, das kürzlich 15 Millionen Dollar an Risikokapital aufnehmen konnte – darunter auch Mittel von der renommierten Venture-Capital-Firma Kleiner Perkins.

Die Neugründung will ihre Software namens Whrrl baldmöglichst für das iPhone anbieten. Sie ermögliche, erklärt Technologiechef Darren Erik Vengroff, eine neue mobile Nutzererfahrung. Pelago nennt seine Idee "Social Discovery" – das Entdecken neuer Dinge unter Zuhilfenahme sozialer Komponenten. Ganz praktisch heißt das, dass Whrrl dem Nutzer anhand der im iPhone verfügbaren Karten- und Lokalisierungsfunktionen und seiner persönlichen Vorlieben Vorschläge unterbreitet, was er als Nächstes in seiner Umgebung tun könnte.

"Wenn man sich sein tägliches Leben betrachtet und schaut, wie man die interessantesten Dinge und wichtigsten Orte um sich herum entdeckt, dann hat das doch immer damit zu tun, dass Freunde einem Tipps geben", meint Vengroff. Whrrl mache es nun möglich, seine Umgebung "mit den Augen seiner Freunde" zu sehen und Plätze zu entdecken, die potenziell interessant sein könnten. Die Software startet dabei mit einer Kartendarstellung des Nutzers auf dem iPhone und gibt ihm zahlreiche Möglichkeiten, wo er sich in seiner Umgebung hinbegeben könnte. Haben Freunde des Nutzers diese Orte besucht und bewertet, wird dies ebenfalls angezeigt. Die Karte gibt auch an, wo sich Freunde in der Nähe befinden, sollten sie diese Funktion aktiviert haben.

Whrrl könnte Experten zufolge bei der aktuellen Welle ortsbasierter Anwendungen ganz vorne sein – und Teil einer größeren Bewegung. "Ich denke, dass wir noch ziemlich viele Mitspieler in diesem Sektor sehen werden", meint Kurt Partridge, Forscher am Palo Alto Research Center, der an einem ähnlichen Projekt namens "Magitti" arbeitet. "Ein Grund dafür liegt darin, dass GPS oder andere Technologien zur Lokalisierung inzwischen breit verfügbar sind. Die standen Programmierern früher einfach nicht zur Verfügung." Das iPhone und Nokias N95 sind zwei Beispiele von Smartphones, die solche Funktionen besitzen und entsprechende Daten für Anwendungshersteller bereitstellen. (Das iPhone besitzt in seiner ersten Version noch keine Satellitennavigation, kann den Ort aber über WLAN-Stationsdaten auffinden, was besonders in Großstädten gut funktioniert.) Googles kommendes Handy-Betriebssystem Android setzt ebenfalls auf ortsbasierte Technik und könnte dabei helfen, solche Anwendungen populär zu machen.

Die Grundidee von Community-basierten Bewertungsplattformen für Orte ist natürlich nicht neu. Web-basierte Dienste wie Yelp oder Qype in Deutschland nutzen bereits jetzt Google Maps. Auch das Konzept, Freunde mit Hilfe des Handys zu lokalisieren, existiert bereits seit mehreren Jahren – Loopt, ein Dienst, der auf Handys des US-Netzbetreibers Sprint läuft, ist hier ein Beispiel. Whrrl, das auch für die Plattformen Blackberry (Pearl, Curve) und Nokia N95 bereitsteht, ist mit all diesen Angeboten vergleichbar.

Der Hauptunterschied sei vor allem, dass Aspekte von beiden Diensteformen kombiniert werden können, betont Vengroff. Laut der Firma enthält die Datenbank inzwischen detaillierte Informationen zu Restaurants, Bars, Geschäften, Museen und anderen interessanten Orten aus 17 Städten. Das erlaube es dem Nutzer, die ortsbezogene Suche genau auf sich selbst abzustimmen. So kann man etwa auswählen, dass ein Cafe über Sitzplätze vor der Tür verfügen soll oder ein Restaurant vegetarische Speisen führt, gleichzeitig aber von mindestens einem der eigenen Freunde empfohlen wurde.

Trotz all dieser Möglichkeiten ist noch völlig unklar, ob ein solcher Dienst wirklich die Masse der Nutzer ansprechen kann. Technische Probleme existieren noch in vielerlei Hinsicht. So könnten die Ortsangaben nicht genau genug sein, was dann zu Fehltreffern führen würde. (Das iPhone setzt derzeit wie erwähnt noch auf WLAN-Ortung, GPS wäre viel genauer.) Außerdem funktioniert Whrrl nur dann, wenn genügend Nutzer mitmachen und wirklich alle Freunde mit dabei sind, die den User interessieren. Und bei weitem nicht alle werden über Smartphones verfügen und motiviert genug sein, Kritiken zu besuchten Orten zu verfassen.

Die größte Herausforderung bleibt aber das Thema Schutz der Privatsphäre. Laut Vengroff lässt sich feinstufig kontrollieren, wen man als Freunde betrachtet, wer die eigenen Kritiken lesen kann und wer die eigenen Ortsdaten angezeigt bekommt. Die Software besitzt außerdem ein Unsichtbarkeits-Feature, das es erlaubt, sich vollkommen vom Whrrl-Netzwerk abzukoppeln.

"Normalerweise ist es so, dass die Leute eher bereit sind, an etwas teilzunehmen, wenn sie mehr Kontrolle in die Hand bekommen", meint Tanzeem Choudhury, Expertin für mobile Dienste am Dartmouth College. Einigen Nutzern sei es jedoch nicht geheuer, wie langfristig Firmen Informationen wie Ortsdaten speicherten. Dementsprechend würden Dienste der ersten Generation vermutlich nur von kleineren Gruppen aus "Early Adoptern" genutzt, denen die Risiken bewusst seien und die die Firmen dann dazu drängen könnten, solche Probleme zu beseitigen.

Choudhury und andere Forscher halten von neuen, ortsbasierten Angeboten wie Whrrl aber dennoch grundsätzlich viel. In Zukunft seien ähnliche Dienste mit ganz neuen Technologien zu erwarten, etwa Vorhersagemodellen, sagt Choudhury. Statt dann gezwungen zu sein, eine eigene Kritik zu einem Lieblingsrestaurant zu verfassen, wäre die Software von sich aus in der Lage, es entsprechend zu markieren, wenn man nur häufig genug hingeht. "Ich glaube, dass die Zukunft bei Software liegt, die weiß, wie die Belastung des Nutzers reduziert werden kann." Nutzer-Input bleibe zwar wichtig, Automatisierung werde aber immer bedeutsamer. (bsc)