Für jeden Tumor das passende Medikament
Eine klinische Studie zeigt erste Möglichkeiten einer auf den Patienten zugeschnittenen Krebsbehandlung auf.
- Courtney Humphries
Seit Jahren schon gilt die so genannte personalisierte Medizin, bei der die Behandlung auf den jeweiligen Patienten mittels genetischer Profile maßgeschneidert wird, eher als Hype-Begriff denn als praktische Realität. Eine der ersten Krankheiten, bei denen man sich mit der neuen Technik Fortschritte erhoffte, war der Krebs, weil dieser in zahlreichen unterschiedlichen Varianten auftritt. Eine neue Studie der Harvard Medical School-Dozentin Lecia Sequist demonstriert nun erstmals, wie sich eine Krebstherapie an das genetische Profil eines Tumors ausrichten lässt.
Die Onkologin am Massachusetts General Hospital Cancer Center führte eine kleine klinische Studie an Patienten mit Lungentumoren durch. Dabei wurden die Betroffenen zunächst genetisch untersucht, um herauszufinden, welche sich am besten für eine zielgerichtete Therapie eigneten. Diejenigen, die anschließend einen Wirkstoff erhielten, der sich an ihrem Krebs orientierte, zeigten größere Fortschritte als sie üblicherweise bei der Standard-Chemotherapie zu beobachten sind.
"Das ist wirklich ein großer Schritt nach vorne", meint William Pao, ein Krebsforscher am Memorial Sloane-Kettering Cancer Center. "Das Endziel ist es, den molekularen Fingerabdruck eines Tumors zu nehmen und dann basierenden auf molekularen Defekten eine Behandlungsstrategie zu entwickeln."
Standard-Krebsmedikamente sind so gestaltet, dass sie bevorzugt Krebszellen angreifen. Sie wirken jedoch oft auch toxisch auf normales Gewebe. Krebsforscher arbeiten deshalb an Therapieformen, die präzise molekulare Ziele bei Tumoren treffen sollen und gleichzeitig weniger gefährlich für gesunde Zellen sind.
So gibt es eine aggressive Lungenkrebs-Variante, die bislang vor allem mit Chemotherapie behandelt wurde. In den vergangenen Jahren wurden hier aber auch neue Medikamente genutzt, die spezifische Moleküle bei den Krebszellen angreifen: Rezeptoren namens EGFR. Der Wirkstoff, den Sequist testete, nennt sich Iressa – und es war der erste EGFR-Hemmer, der 2003 auf den Markt kam. Nach größeren Studien ergab sich allerdings, dass sich damit die Überlebenschance für Patienten in den Vereinigten Staaten nicht erhöhen ließen. Derzeit werden EGFR-Inhibitoren deshalb nur nach der Chemotherapie verwendet, nicht als ihr Ersatz.
Forscher glauben inzwischen, dass Krebs sich aus unterschiedlichen genetischen Mutationen ergibt. Dies bedeutet auch, dass Tumoren Schwachpunkte haben können, die sich von Person zu Person unterscheiden. Weitere Forschungsarbeiten, die sich mit speziellen EGFR-Mutationen beschäftigten, ergaben, dass bestimmte Tumoren stärker für die Hemmstoffe angreifbar sind. Bei diesen Patienten könnte sich der Einsatz also lohnen.
Bei der Sequist-Studie, die vom Pharmaunternehmen AstraZeneca finanziert wurde, untersuchte das Team zunächst Patienten mit Lungenkrebs, der bereits Metastasen gebildet hatte, auf EGFR-Mutationen – und gaben denjenigen, bei denen sie sich feststellen ließen, die Möglichkeit, zu Iressa statt zur Chemotherapie als erste Behandlungsform zu greifen. "Wir wollten damit einen ersten Beweis erbringen, dass das Konzept funktioniert. Außerdem ging es uns darum, herausfinden, ob personalisierte Medizin und eine Krebstherapie, die auf den Genbereich setzt, Erfolg haben können."
Von den 31 Patienten, die Iressa verabreicht bekamen, ließ sich bei 55 Prozent eine deutliche Tumorverkleinerung in einer CT-Untersuchung feststellen. Beim Rest der Betroffenen wuchs der Tumor mindestens einen Monat nicht. Nur zwei Patienten zeigten gar keine Reaktion. Die mittlere Zeitdauer, die Patienten ohne Krebsfortschritt zusätzlich überlebten, lag bei rund neun Monaten. Laut Sequist liegt die Erfolgsrate im Vergleich dazu bei Chemotherapien bei 20 bis 30 Prozent, die Dauer der Lebensverlängerung nur bei vier Monaten.
"Wir haben eine deutliche Verbesserung gegenüber einer "One-size-fits-all"-Behandlung feststellen können", sagt sie. Weil Iressa eine Pille ist, die man täglich schluckt, umgingen die Patienten die giftigen Nebenwirkungen der täglichen intravenösen Chemotherapie. Bei den zwei Patienten, bei denen die Krankheit schlimmer wurde, ergab sich später, dass sie eine EGFR-Mutation hatten, die eine Resistenz gegen den Iressa-Wirkstoff darstellte – diese Unterscheidung war vor der Studie nicht bekannt gewesen.
Iressa-Hersteller AstraZeneca stellte die Vermarktung des Medikaments in den Vereinigten Staaten ein, noch während die Studie lief – der Grund waren die schlechten Ansprechraten in klinischen Untersuchungen. Ein ähnliches Medikament namens Tarceva ist aber noch verfügbar und soll ähnliche Wirkungen bei Patienten haben.
Frances Shepherd, Lungenkrebsforscher am Princess Margaret Hospital in Toronto, schrieb zu Sequists Studie, sie habe gezeigt, dass die molekulare Untersuchung von Tumoren vor der Behandlung durchführbar sei. Allerdings fehle es noch an soliden Belegen dafür, dass EGFR-Hemmstoffe vor der Chemotherapie angewendet werden sollten. Shepherd verweist auf Studien, die zeigen, dass Patienten mit EGFR-Mutationen auch bei der Standard-Chemotherapie länger überlebten als solche ohne – die Therapieform sei also womöglich relativ egal. Die Erkenntnis, ob das Medikament wirklich besser als eine Chemotherapie ist, würde einen Zufallstest der beiden Behandlungsformen bei dieser Patientengruppe bedingen. Eine Studie, die derzeit in Spanien läuft, untersucht diese Frage.
Experte Pao meint, dass die Sequist-Untersuchung zwar nicht definitiv zeige, wie man EGFR-Hemmstoffe nutzen könne, doch sei sie ein wichtiger Schritt in Richtung einer personalisierten Krebsbehandlung. "Die Studie ist eine der ersten Versuche, Krebspatienten vor der Behandlung genetisch zu untersuchen, bevor eine Entscheidung getroffen wird." Bislang verlaufe das noch umgekehrt – der Nachweis erfolge nach der Behandlung. (bsc)