Tierisch billig
Biotech-Medikamente sind hilfreich, doch teuer und aufwendig zu produzieren. Vor diesem Hintergrund bahnt sich eine Revolution an: die Gewinnung von Wirkstoffen mittels genmanipulierten Tieren.
- Sascha Karberg
Ein Taxi fährt über die staubige Straße, hält am Stall und heraus springen die Fahrgäste – laut blökend. Die Ziegen auf der Farm der Biotech-Firma GTC Biotherapeutics in der Nähe von Charlton im Hinterland von Massachusetts haben ihren eigenen Chauffeur, der sie von einem Gehege zum nächsten fährt. Denn für einen gewöhnlichen Viehtrieb über die 180 Hektar große Anlage sind zumindest 400 der 1500 hier untergebrachten Tiere viel zu wertvoll. Jedes von ihnen ist eine wandelnde Medikamenten-Fabrik: Ihr Erbgut ist gentechnisch so verändert, dass ihre Milch menschliche Proteine enthält, die als kostbare Wirkstoffe gegen Bluterkrankheit, Krebs oder Infektionen dienen können.
Damit stehen die Ziegen – zusammen mit Hühnern, Kühen oder Kaninchen – für eine Revolution in der Herstellung von Biotech-Medikamenten: Etwa seit den 1970er-Jahren produzieren Unternehmen wie Amgen, Biogen Idec oder Genzyme solche Mittel, indem sie Bakterien und Zellkulturen die dafür nötigen Gene einpflanzen. Daraus ist längst ein Milliardengeschäft geworden (siehe TR 6/07). Doch diese Art der Produktion ist nicht nur enorm teuer, sondern für manche Wirkstoffe schlicht ungeeignet. Die tierischen Fabriken sollen es besser machen – und obendrein auch noch die Bedingungen für die Entwicklung neuer Wirkstoffe verbessern.
Harry Meade, Forschungschef von GTC, ist einer der Pioniere der Technologie, die in Anspielung auf die Worte „Pharma“ und „Farm“ auch „Pharming“ genannt wird. Die Idee, Wirkstoffe von Säugetieren produzieren und in der Milch deponieren zu lassen, kam dem Biologen schon 1984, spätnachts in einem Labor der Bostoner Biotech-Firma Biogen. „Ich wollte ein bestimmtes menschliches Protein von Streptomyceten-Bakterien machen lassen, aber es wurde immer wieder zerstückelt“, erzählt Meade. Erst ärgerte er sich nur, doch dann erinnerte er sich an Mäuse, denen 1982 das Gen für ein menschliches Wachstumshormon eingesetzt worden war, sodass sie größer wurden als normalerweise. Aber wie lässt sich so ein menschliches Hormon aus der Maus am einfachsten isolieren? „Aus der Milch“, durchschoss es Meade, der selbst auf einer Milchfarm aufgewachsen ist.
Er stellte seine Idee den wissenschaftlichen Beratern Biogens vor – mit den Nobelpreisträgern Phillip Sharp und Walter Gilbert eine Art Who’s who der frühen Biotech-Szene. Die zeigten Interesse und ließen Meade an dem Projekt arbeiten. Damals, Ende der 80er-Jahre, hatten Forscher gerade gelernt, beliebige DNA-Stücke ins Erbgut von Tieren zu schleusen... (kd)