Wetter kontra Ethanol
Regen und Überflutungen in den großen Maisanbaugebieten des Mittleren Westens der USA könnten die Kosten für Biosprit in die Höhe treiben - und für Lebensmittel.
- Kevin Bullis
Schwere Regenfälle, Überflutungen und allgemein sehr kühles Wetter im Mittleren Westen der USA werden in dieser Saison mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer geringeren Maisernte führen – insbesondere im Vergleich zur Rekordernte des Jahres 2007. Das amerikanische Agrarministerium reduzierte seine Erntevorhersage bereits von 12,1 Milliarden auf 11,7 Milliarden Bushel Mais – das sind immerhin 390 Millionen weniger als ursprünglich geplant. Sollte die Vorhersagen eintreten, dürfte das Maisangebot für das nächste Jahr das niedrigste seit der letzten großen Erntekrise Mitte der Neunzigerjahre werden. Das könnte den bereits auf Rekordniveau angesiedelten Maispreis noch weiter in die Höhe treiben. Der war in den vergangenen Monaten nicht zuletzt aufgrund der erhöhten Nachfrage aus der Biospritproduktion angezogen.
Die Mais-Futures bilden die Krise bereits ab. Die Kontrakte liegen bereits bei sieben Dollar pro Bushel, während man im Januar noch weniger als vier Dollar zahlte. Selbst das war schon ein hoher Wert: Noch vor zwei Jahren kostete Mais gerade einmal zwei Dollar pro Bushel. Der hohe Maispreis sorgt bereits dafür, dass die Margen der Ethanol-Produzenten weiter sinken. Beim heutigen Stand der Dinge bilden die Kosten für den Rohstoff bereits 76 Prozent der Gesamtkosten für den Biotreibstoff ab.
Steigen die Maispreise weiter – es gibt Vorhersagen, die gar von acht Dollar pro Bushel ausgehen – könnte es zu ernsten Problemen in der Branche kommen. Wallace Tyner, Professor für Agrarökonomie an der Purdue University, hält Werksschließungen für realistisch. Ethanol-Produzenten in der Vereinigten Staaten stellten im vergangenen Jahr insgesamt 24 Milliarden Liter Ethanol her, zu großen Teilen aus Mais. Sind die Ernteausfälle schwer genug, könnte die Produktion um bis zu 3,7 Milliarden Liter absinken, wie Tyner meint. In Bereichen, die bereits jetzt stark auf Ethanol setzen, würde dies die Treibstoffkosten weiter erhöhen.
Bis jetzt konnte der starke Ölpreis den Kostenschub beim Mais für die Ethanolproduzenten noch kompensieren: Die Nachfrage stieg deutlich an. Douglas Tiffany, Research Fellow an der University of Minnesota, schätzt, dass zumindest einige der großen Ethanolproduzenten einen Maispreis von 9,5 Dollar pro Bushel überleben könnten, sollte der Ölpreis bei über 130 Dollar bleiben.
Agrarexperten fürchten, dass die Auswirkungen auf die Fleischwirtschaft in den USA noch schwerwiegender sein könnten als auf die Ethanolproduzenten. In dem Land wird Mais als Hauptfutter verwendet – und die Bauern können sich nicht leisten, dafür Mondpreise zu zahlen. Die Befürchtung, dass die verstärkte Ethanolproduktion sichtbare Auswirkungen auf die Lebensmittelwirtschaft haben könnte, würde damit bestätigt.
Hohe Maispreise bedeuten auch ohne die vorhergesagten Ernteausfälle, dass die US-Viehwirtschaft leidet – die Verluste liegen inzwischen bei Hunderten Dollar pro Tier, wie David Anderson, Professor für Agrarökonomie an der Texas A&M University, sagt. Ein Schub bei den Maispreisen, der sich aus den Wetterproblemen ergibt, macht die Lage nur noch schlimmer. Er erwartet, dass Weiden geschlossen werden und Bauern mit kleineren Herdegrößen arbeiten müssen. Letztlich bedeutet das, dass der Preis für Fleisch in den USA deutlich steigen wird, wahrscheinlich um mindestens zehn Prozent, wie Anderson meint.
Das Wetterproblem im Mittleren Westen zeigt auch ein weiteres Defizit auf, das Biotreibstoffe neben den negativen Auswirkungen auf die Lebensmittelproduktion haben können: Ihre Anfälligkeit für Ernteausfälle. Aktuell besteht nur noch eine kleine Chance, dass es in diesem Jahr nicht soweit kommt, meint University of Minnesota-Experte Tiffany. "Es müsste schon ab jetzt alles perfekt sein." Doch derzeit sähe es eher danach aus, dass schlechte Zeiten bevorstünden – und schuld sei das Wetter. (bsc)