Das große Geschenk der Geschichte

Darth Vader oder Gandhi: Ist Technik eine dunkle, fremde Macht, die das moderne Leben beherrscht – oder eine Voraussetzung für Freiheit und moralischen Fortschritt? Ein Essay von Kevin Kelly.

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Von
  • Kevin Kelly
Inhaltsverzeichnis

Neue Technologien und Technik im Allgemeinen beherrschen mehr denn je den Diskurs über die Zukunft: Einerseits werden sie als unerlässliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Standortpolitik im globalen Wettbewerb propagiert, andererseits als Grundlage einer möglichen Dystopie von umfassender Kontrolle und Manipulation kritisiert. Gleichzeitig wird Technik meist als etwas Gegebenes, Sekundäres hingenommen, werden ihre Grundlagen und Entwicklungsspielräume selten ausreichend reflektiert.

In der TR-Essay-Reihe zur Technik versucht der US-amerikanische Autor und Techniktheoretiker Kevin Kelly zu ergründen, was Technik ist und was sie uns bringt. Ist sie eine dunkle, fremde Macht, die das moderne Leben beherrscht - oder eine Voraussetzung für Freiheit und moralischen Fortschritt?

Das Wort „Technik“ klingt nach Zeug. Dingen aus Atomen. Hartes Zeug. Dampfloks, Eisenhütten, Telefone, Computer, Chemikalien und Silizium-Chips. Als sich dieser Ozean der Dinge vor Jahrhunderten zum ersten Mal auftat, sahen wir ihn als Werkstoff-Revolution. All diese Veränderungen kamen jedoch dadurch zustande, dass wir auf Kommando Energie handhaben konnten. All das harte Zeug war magisch, weil es Energie speichern, übertragen oder darstellen konnte – entweder auf einen Wink hin in kleinen Mengen (Signale) oder nach unserem Willen in großen, unfassbaren Ausbrüchen (Kalorien). Belebtes Zeug gewissermaßen, ein neuer Stoff, den wir Technik nannten. Sein Geist war fremd und furchteinflößend. Seitdem ist es der Schwarze Mann, den wir bewundern oder hassen.

Als wir dieses Zeug verfeinerten, verlor es an Masse. Wir fingen an, die harte, kalte Erscheinung der Technik zu durchschauen und sie in erster Linie als Aktion zu begreifen. Heute denken wir bei Technik eher an Software, Gentechnik, Virtuelle Realität, Bandbreite, Überwachung und Künstliche Intelligenz. Nichts, was weh tut, wenn es einem auf die Füße fällt. Technik wurde eine Macht. Ein Verb, zu dem es kein Substantiv gibt. Ein vitales Etwas, das uns vorwärts treibt, uns bedrängt. Nicht nur uns, sondern auch die biologische Welt, die wir für unsere Natur halten. In ihren Auswirkungen entpuppte sich die Technik als so stark, fast wie ein Lebewesen, dass uns heute wie eine fremde Supermacht vorkommt, die wir anklagen, wenn etwas schief läuft.

In Wirklichkeit ist Technik Zeug und Macht gleichermaßen, und noch mehr als das. Technik ist alles, was wir erschaffen. Literatur, Kunst, Musik, sie sind alle Technologien, ebenso wie Bibliotheken, doppelte Buchführung, bürgerliches Recht, Kalender, Uhren, Institutionen, Wissenschaft. Nicht anders als der Pflug, die Kleidung, das Abwassersystem, medizinische Untersuchungen, Familiennamen oder der Sicherheits-PIN unserer Kreditkarte. Gibt es irgendetwas, das nicht Technik ist? Nein – alles, was unserem Geist enspringt, ist Technik.

Das ist für viele wohl zu weit gefasst. Wie kann ein Sonett von Shakespeare oder eine Fuge von Bach in einem Atemzug mit der Atombombe oder dem Walkman genannt werden? Nichts leichter als das: Wenn tausend Zeilen einer Nachricht eine Technologie sind – etwas als HTML-Code –, dann sind tausend Zeilen aus dem „Hamlet“ es ebenfalls. Technik lässt sich nicht aus dem „Herrn der Ringe“-Film herauslösen. Die inhaltliche Umsetzung der Romanvorlage ist im wahrsten Sinne des Wortes ebenso technisch wie die digitale Umsetzung all der phantastischen Wesen und Schauplätze. Beide sind Werke der menschlichen Vorstellungskraft, und beide berühren das Publikum gleich stark.

Technik ist eine Art des Denkens. Eine Technologie ist ein Gedanke, den man äußert. Das ausgeklügelte Rechtssystem westlicher Gesellschaften könnte man als Software-Variante betrachten: ein komplexer Code, der auf Papier statt auf Rechnern läuft und (im Idealfall) behutsam Fairness und Ordnung berechnet. Sowohl Recht als auch Software-Code sind Zeugnisse menschlichen Denkens und deshalb Technologien. Wenn der Technikkritiker Wendell Barry fragt: „Wie soll eine Dampfmaschine den Menschen besser machen?“, hat er auf den ersten Blick ins Schwarze getroffen. Mensch und Maschine scheinen nichts gemeinsam zu haben. Die Antwort auf seine Frage ist aber eine Gegenfrage: „Verglichen womit?“ Gibt es irgendwo Zeugnisse menschlichen Denkens, die uns besser machen?

Vielleicht. Während ein Laserschwert aus „Star Wars“ und Gandhis ziviler Ungehorsam beide der menschlichen Phantasie entspringen und damit beide technisch sind, unterscheiden sie sich dennoch. Nicht alle Gedanken sind gleich. Einige sind besser als andere. Mehr noch: Manche sind dumm oder verquer, aber als Teil von etwas Größerem haben sie durchaus Sinn, ja sind sogar die Voraussetzung für bessere Gedanken. Gedanken haben verschiedene Werte, je nach Kontext.

Dasselbe gilt meines Erachtens für Technik.

Eine Antwort, die auch Wendell Barry akzeptieren könnte, wäre, dass die Technologie des Rechts uns Menschen besser macht. Ein Rechtssystem zwingt Menschen zur Verantwortung, unterdrückt nicht wünschenswerte Impulse, erzeugt Vertrauen und so weiter. Und doch gibt es gute und schlechte Gesetze, und manche Rechtssysteme sind besser als andere. Die richtige Antwort auf schlechtes Recht ist nicht, auf Recht zu verzichten. Die richtige Antwort auf eine schlechte Idee ist nicht, das Denken sein zu lassen. Die richtige Antwort auf schlechte Technik ist nicht, Technik aufzugeben – sondern bessere Technik.

Der nächste logische Schritt ist dann die Frage: Wie verbessern (oder schaffen) wir ein Verfahren, um den Wert spezieller Technologien zu ermitteln? Wie kann Technik uns helfen, bessere Menschen zu werden? Ja, wie machen wir bessere Technik? Wenn wir unter Technik dasselbe verstehen wie Wendell Barry – kaltes, hartes, fieses Zeug wie Dampfmaschinen, Chemikalien oder Hardware –, wird uns diese Frage nicht weiterbringen, weil das, was er meint, nicht weit genug geht. Barrys Vorstellung von Technik ist verengt – eine kleinmütige Vorstellung. Nach meinem Schema ist die Summe aller Technik die Zivilisation. Die Zivilisation ist Technik, die gesammelten Werke menschlicher Phantasie und Erfindungskraft.

So gesehen muss Barrys Frage dann lauten: „Wie kann die Zivilisation/Technik helfen, Menschen besser zu machen?“ Oder: „Welches Geschenk hält Technik für uns bereit?“