"Menschen sind Erzählmaschinen"
Ein neues Internet-Angebot will aus dem Web 2.0 bekannte Funktionen auf den Gesundheitsbereich ĂĽbertragen.
- Lissa Harris
Seit Mitte Juni ist mit Trusera ein neuer amerikanischer Web 2.0-Dienst online, der sich auf den Bereich Gesundheit konzentriert. Das Angebot ist als soziales Netzwerk konzipiert und enthält neben einer Online-Gemeinschaft auch noch auf den Nutzer zugeschnittene Gesundheitsinformationen. Zudem lassen sich User gegenseitig bewerten, um die Verlässlichkeit der eingestellten Inhalte zu garantieren.
Das Thema Web-Gesundheitsdienste kocht in den letzten Monat verstärkt hoch, nachdem mit Google Health und Microsoft Healthvault zwei besonders bedeutende Anbieter in den Ring gestiegen sind. Ihre Dienste erlauben es Patienten, ihre Krankenakten an einem Ort im Netz zu sammeln und digitale Kopien nach Wunsch mit Ärzten und anderen Gesundheitsversorgern zu teilen.
Trusera funktioniert allerdings anders: Statt harte Patientenfakten und Testergebnisse zu verwalten, setzt der Anbieter auf den Aspekt der sozialen Vernetzung. Nutzer sollen die Möglichkeit erhalten, anderen ihre Geschichte zu erzählen. So soll eine Gemeinschaft entstehen, bei der die User voneinander lernen und sich Rat holen können.
Das Motto des Angebotes lautet "The power of been there" – die Kraft, die sich aus den persönlichen Erfahrungen speist. "Das ist für uns der Schlachtruf", sagt Firmengründer Keith Schorsch, der zuvor beim E-Commerce-Riesen Amazon im Management gearbeitet hat. Jeder habe schließlich eigene Geschichten zum Thema Krankheit und Gesundheit. "Was wir wollen, ist eine Kombination all dieser Erfahrungen auf eine Art, die das Individuum, aber auch die Gemeinschaft, weiter bringen."
Ganz neu sind solche Ideen allerdings nicht. Andere innovative Gesundheitsangebote wie PatientsLikeMe, ein bereits 2006 gestartetes Angebot, erlauben es Menschen mit chronischen Krankheiten, ihre Geschichten und Gesundheitsdaten auszutauschen – untereinander und mit Forschern. DailyStrength wiederum ist ein Dienst, der als zentraler Anlaufpunkt für Hunderte von Selbsthilfegruppen im Netz dient – ebenfalls seit zwei Jahren online. Caring.com, 2007 gegründet, ist schließlich ein Spezialangebot für Menschen, die mit der Seniorenversorgung zu tun haben. Auch hier wird diskutiert und erzählt.
Im Gegensatz zu den meisten anderen "Consumer-to-Consumer"-Angeboten (C2C) will Trusera seine Benutzer aber nicht anhand ihrer persönlichen Probleme in Gruppen einordnen. Zwar lassen sich Informationen über bestimmte Erkrankungen über eine Suche nach Schlüsselbegriffe auffinden. Doch die Verbindung zwischen den Nutzern solle eben nicht nur durch eine ähnliche Diagnose entstehen, meint Schorsch. Auch gemeinsame Interessen im Bereich der persönlichen Gesundheit sollen als Anlaufpunkt dienen. Trusera, seit Dezember 2007 im Betatest, soll für die Nutzer kostenlos sein und sein Geld über Werbung verdienen.
Wie fast jedes andere Thema im Web leidet auch der Bereich der Online-Gesundheitsinformationen unter dem Problem des Grundrauschens. Es gibt riesige Quellen an lesenswerten Angeboten zum Thema, doch befinden die sich oft tief im Netz vergraben. Um sie aufzufinden, muss sich der Nutzer erst durch ein Meer an irrelevanten Informationen kämpfen, die mitunter sogar falsch sind, was schnell gefährlich werden kann.
Gleichzeitig verwenden immer mehr User das Netz für solche Recherchen. Laut einer Statistik der Marktforschungsfirma iCrossing aus dem vergangenen Januar nutzten zu dieser Zeit mehr Amerikaner das Internet zum Auffinden von Gesundheitsinformationen als je zuvor – mehr noch, als sich beim Arzt informierten. Diese Informationen stammen nicht nur von Gesundheitsportalen, Behörden oder anderen "offiziellen" Kanälen, sondern zunehmend von anderen Betroffenen, aus Blogs, Diskussionsforen und informellen Netzen von Menschen, die an der gleichen Krankheit leiden.
Schorsch hatte die Idee für Trusera, als er sich bei einer Reise an die Ostküste Amerikas im Jahr 2004 mit Borreliose ansteckte. Drei Monate lang ging er in seiner Heimatstadt Seattle von Arzt zu Arzt. Eine Diagnose fand sich nicht, obwohl sich sein Zustand ständig verschlechterte. Ein Freund von der Ostküste gab ihm schließlich den Tipp, sich auf Borreliose testen zu lassen. Während dieser Odyssee erkannte Schorsch, dass Ärzte nicht immer die vertrauenswürdigste Quelle für Gesundheitsinformationen waren. Stattdessen lernte er, dass andere Kranke mit ähnlichen Symptomen oftmals wichtige Ratschläge hatten.
Diejenigen, die nun bei Trusera mitmachen, sind zumeist ganz normale Bürger – viele von ihnen leiden an chronischen Krankheiten. So schreibt etwa "Pickel", eine Mutter eines fünfjährigen Kindes mit einer Entwicklungsstörung ganz offen über ihre Probleme – von den Erfahrungen mit bestimmten Medikamenten bis hin zu Tipps bei der steuerlichen Geltendmachung von Gesundheitsausgaben für Eltern mit behinderten Kindern. Es mag merkwürdig sein, medizinische Informationen von jemandem zu erhalten, den man nur unter einem mehr oder minder merkwürdigen Pseudonym kennt – doch genau dieses Problem will Trusera mit einem Inhaltebewertungssystem angehen. Die Plattform ist so aufgebaut, dass die Mitglieder Glaubwürdigkeit untereinander aufbauen können. So lassen sich "Popularitätspunkte" für besonders nützliche Beiträge und vertrauenswürdige Nutzer vergeben.
"Menschen sind Erzählmaschinen. Tabellen und Diagramme aus der Krankenakte sind die eine Sache, echte Erfahrungen eine andere. Wir konzentrieren uns auf letzteres", sagt Schorsch. Die Analyse und Katalogisierung all dieser zunächst unstrukturierten Daten sei enorm viel versprechend, meint er. (bsc)