Verriss des Monats: Geballter Unsinn

Der "Fortuneball" liefert eine bis zu 30 Tage ins Morgen hinausreichende Vorausschau des Schicksals [--] vermittels eines “computerisierten Prognosesystems”, das Astrologie, Numerologie, das I Ging und den Biorhythmus einbezieht.

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Von
  • Peter Glaser

Auf Messen und Vergnügungsparks gab es früher neben Spiegelkabinett und Schießbuden oft einen Glaskasten, in dem sich ein orientalischer Oberleib befand. Wer eine Münze in den Apparatismus warf, erhielt von der gerne Turban-tragenden Büste ein Kärtchen, auf dem ihm die Zukunft geweissagt beziehungsweise sein Charakter erhellt wurde.

Dank Computertechnik wird das Prognostizieren, von der Materialhaltbarkeit bis zur Wettervorhersage, immer zuverlässiger. Also dürfen sich auch die Hellseher nicht lumpen lassen. Aus England, wo es bekanntlich eine reiche Tradition an Schloßgespenstern, esoterischer Exzentrik und eine prosperierende Kornkreisindustrie gibt (Abendunterhaltung in der Art spirititistischer Seancen jedoch bereits mit der Einführung des elektrischen Lichts und der damit verbundenen Einsichten wieder aus der Mode gekommen sind), erreicht uns nun der Fortuneball.

Eine bis zu 30 Tage ins Morgen hinausreichende Vorausschau des Schicksals verspricht der Hersteller dieser Hellsehhilfe, und zwar vermittels eines “computerisierten Prognosesystems”, das Astrologie, Numerologie, das I Ging und den Biorhythmus einbezieht und alles via Geburtsdatum und -zeitpunkt mit dem Individuum verknüpft. Für schlappe 81,56 Euro erwirbt man “die Kristallkugel des 21. Jahrhunderts”, eine Art kugelförmiger Maggiwürfel (Quadratur des Kreises!) der Anti-Aufklärung, in den alles gestopft worden ist, was der Markt an astralen und ätherischen Ansätzen bereithält, bis hin zu Feng Shui-Prinzipien. Während deshalb hierzulande vor allem Damen gern umdekorieren und sich atmende Ambientlampen und pieselnde Zimmerbrünnlein in die linke Raumecke stellen, nutzen die pragmatischen Asiaten das Phänomen zur weltlichen Wertsteigerung - Grundstücke in Hongkong, denen Experten “gutes Feng Shui” attestieren, steigen deutlich im Preis. Da die zur “Messung” nötige kosmische Kompaßscheibe (“Li Pan”) auffällig groß ist, schicken Immobilieninteressenten ihre Feng Shui-Tester oft insgeheim und mit einer modernen Li Pan-Version in Armbanduhrgröße zu einem Grundstück.

Dass nüchtern anmutende Technologie nicht automatisch das Bedürfnis nach Vernunft anwachsen läßt, belegt nicht nur die Schwemme an Schicksalsdeuterinnen, die nachts durchs Fernsehen geistern und Geld dafür verlangen, dass man ihnen dabei zusehen darf, wie sie in ihrer Astrologiesoftware herumklicken. Während die chinesische Astrologie - die sich auf völlig andere Sternbilder bezieht als die westliche -, keine Wahrsagerei kennt und Aussagen über die Charaktereigenschaften eines Menschen zu treffen versucht, liebt man es hierzulande, die Verantwortung für sein Leben aus der Hand geben zu können und sich von außen oder von oben etwas vermeintlich Vorbestimmtes zuraunen zu lassen.

Dass wissenschaftliche Untersuchungen Lehren wie Biorhythmus oder astrologische Vorhersagen widerlegen, ist für dem Humbug hingeneigte Menschen kein Grund zur Traurigkeit. "Wir blicken so gern in die Zukunft”, wußte schon Goethe, “weil wir das Ungefähre, was sich in ihr hin und her bewegt, durch stille Wünsche so gern zu unseren Gunsten heranleiten möchten." Der Fortuneball möchte deshalb Auskünfte geben über künftige Entwicklungsrichtungen in Sachen Gesundheit, Reichtum und Liebesleben, wobei die “detailreich gravierte Kristallkugel in verschiedenen Farben glüht”, um anzuzeigen, was in den unterschiedlichen Lebensbereichen zu erwarten sei und wie man die Herausforderungen des Lebens meistern könne - “Sie werden sich stärker und orientierter fühlen. Der Fortuneball wird Ihnen im Stillen helfen, Entscheidungen selbstbewußter zu treffen und zu mehr Glück und Erfolg zu finden.”

Nachdem man sich bei Astro-TV und Anverwandtem vom “Gratis-Team” nur als “Erstanrufer” wahrsagen lassen kann und fortan knackige Minutenpreise für wolkigen Unsinn bezahlen muß, repräsentiert der Glücksball, wenn man so will, immerhin eine Art von Fortschritt. Man kann ihn als etwas wie eine interaktive spiritistische DVD ansehen, die man sich jederzeit und nach Bedürfnis reinziehen kann, ohne immer neu bezahlen zu müssen - sozusagen DRM-freie Zukunftsdiagnose. Nach Investmentbankern, Musikern und Print-Journalisten werden nun also auch Hellseher und Horoskopistinnen arbeitslos. Wir machen das in Zukunft selber. Wer’s gern dauerhaft gratis möchte, der kann im übrigen das Google-Orakel befragen. (wst)