Warum Helio auflegen musste
Ein US-Mobilfunkanbieter, der ein ganz neues Geschäftsmodell an die Kundschaft bringen wollte, steckt in schwerem Fahrwasser.
- Michael Fitzgerald
Es klang alles so schön bei Helio: Das amerikanische Mobilfunk-Start-up wollte sich als virtueller Netzbetreiber mit besonders eleganten Endgeräten und neuartigen Multimedia-Diensten etablieren. Stattdessen wurde das Unternehmen nun für einen Bruchteil des Geldes verkauft, das zuvor Investoren hineingeschossen hatten. Helio ist zu einem weiteren Symbol dafür geworden, wie schwierig das Mobilfunkgeschäft für Neueinsteiger ist. "Wenn man sich den Sektor in seiner ganzen Breite ansieht, hat er sich insgesamt als Geldvernichtungsmaschine für Investoren erwiesen", meint William Frezza, General Partner beim Risikokapitalunternehmen Adams Capital Management in Boston trocken.
Trotz der gigantischen 710 Millionen Dollar, die Helios insgesamt zuflossen, konnte das Unternehmen nur schlappe 170.000 Kunden gewinnen. Riesige Verluste waren die Folge. Das Problem war dabei keineswegs ein Mangel an Innovationen. Der Start im Mai 2006 beinhaltete zwei völlig neue Ideen im US-Markt für virtuelle Netzbetreiber, also Firmen, die ihre Mobilfunkinfrastruktur von anderen mieten: Helios bot High-End-Handys mit speziellen Diensten wie der direkten Integration von populären Internet-Angeboten wie MySpace und YouTube an und ergänzte das alles dann durch die Möglichkeit, mit dem Telefon gleich direkt kleine Beträge zu bezahlen.
Im Gegensatz zu anderen virtuellen Netzbetreibern (kurz auch "Mobile Virtual Network Operators" oder MVNOs genannt) ging Helio zudem nicht in eine unterversorgte Nische hinein, sondern besorgte sich Frequenzen im Netz des groĂźen US-Mobilfunkanbieters Sprint. Die Zielgruppe war also der Mainstream: Junge Leute mit genĂĽgend Geld. Helio hatte neben den Risikokapitalinvestoren dabei noch zwei groĂźe UnterstĂĽtzer: Earthlink, ein erfolgreicher US-Internet Provider, sowie SK Telecom, einen sĂĽdkoreanischen Telekommunikationsriesen. Chef von Helio war wiederum Sky Dayton, der bei Earthlink einst als Wunderkind galt.
Der Hype war groß. Helio begab sich in einen Markt, der sich mitten in einer Spekulationsblase befand: Weniger als ein Jahr zuvor gab sich selbst Sean "Diddy" Combs auf der wichtigsten Branchenmesse CTIA die Ehre und erklärte, er sei jetzt künftig selbst "ein MVNO".
Einer der wenigen virtuellen Netzbetreiber, die in den USA signifikanten Erfolg haben, ist Virgin Mobile USA, das sich Helio nun für knapp unter 50 Millionen einverleibte – 39 Millionen davon in Aktien und nur rund 10 Millionen als Schuldenübernahme. Helio selbst ist damit also noch nicht tot: Virgin Mobile will seine Dienste weiter anbieten. Beobachter glaubt aber, dass der für die Investoren leidlich schlechte Deal zeigt, dass die US-Kundschaft weniger bereit ist, High-End-Handys von Anbietern zu kaufen, die selbst nicht über ihr eigenes Netz verfügen.
"Ein Kapitel für diesen Markt wird gerade zu Ende geschrieben und wir stehen kurz davor, dass ein neues beginnt", meint Chetan Sharma, Präsident des Marktforschungsunternehmens Sharma Consulting. Helio allein habe mindestens eine Million Kunden gebraucht, um profitabel zu werden.
Apples großer Erfolg mit dem iPhone scheint den Problemen, die das Start-up hatte, zu widersprechen. Doch das Geschäftsmodell der Steve-Jobs-Firma ist letztlich ein anderes – der Computerkonzern versuchte niemals, selbst zum MVNO zu werden, wie Lewis Ward, Analyst bei IDC, meint. Apple habe zwar mehr Kontrolle über sein Gerät als jeder andere Hersteller im US-Mobilfunkmarkt, doch verwendet werde es dann im Mobilfunknetz des Riesen AT&T – und dort auch vermarktet. Frequenzen erwarb Apple selbst deshalb nicht. Ward glaubt auch, dass der Verkauf von Helio wahrscheinlich das Ende der Bemühungen markiert, in den USA einen echten High-End-MVNO zu etablieren.
2006 war Helio noch Teil einer kleinen Flut von Firmen, die versuchten, neuartige Mobilfunkangebote und Handys in dem Land zu vermarkten, ohne ihr eigenes Netz zu besitzen. Disney versuchte sich an "Disney Mobile" und der Sportsender ESPN an "Mobile ESPN". Start-ups wie Voce und Amp'd Mobile brachten ganz neue Marken heraus, verbrannten viel Geld. All das funktionierte nicht, kaum ein Anbieter ĂĽberlebte.
Doch noch ist das Geschäft mit der Anmietung von Netzkapazitäten nicht tot. Virgin Mobile und Tracfone sind die größten Player, insgesamt ein Dutzend Firmen verkaufen in den USA Prepaid-Dienste für Nischenmärkte. Solche Firmen hätten insgesamt einen Marktanteil von 8 Prozent, wie Sharma ermittelt hat.
Hohe Gewinne erwirtschaftet man mit diesem Business aber nicht, die Margen beim Verkauf solcher Prepaid-Karten sind eher gering. Tracfone ist mit neun Millionen Kunden Marktführer – und verdient pro Kopf 12 Dollar im Monat. Virgin Mobile liegt mit fünf Millionen Kunden etwas dahinter und erreicht immerhin rund 21 Dollar. Helio hingegen erzielte zwar rund 80 Dollar an Monatsumsatz im Durchschnitt und hatte es damit mit einem wesentlich lukrativeren Markt zu tun – allein, es gab nicht genügend Interessierte. Insgesamt erreichen die MVNOs in den USA laut Angaben von IDC nur zwei Prozent des Gesamtumsatzes im Mobilfunkgeschäft.
Der Mobilfunk-Experte Andrew M. Seybold, der den Markt seit Jahren beobachtet, meint unterdessen, dass die Probleme bei Helio ein Vorbote der Schwierigkeiten sein könnten, die Firmen erwarten, die auf Googles "Android"-Plattform setzen, die mit jedem Netz funktionieren sollen. "Wenn Kunden ihre Handys selbst kaufen und sich dann auf die Suche nach einem passenden Mobilfunkanbieter machen, verdient der Großhändler nichts und auch der Reseller nichts", meint er.
Helio stieß bei Virgin Mobile jedenfalls auf offene Arme. Der Deal war für den Käufer hervorragend – er erhält für kleines Geld Helios Marke, seine Dienste und die Infrastruktur. All das soll in das Virgin Mobile-Angebot einfließen. Hinzu kommen die bereits geworbenen Kunden samt ihrer Verträge sowie gut 85.000 Handys (Helios Läden und Kioske wird Virgin Mobile allerdings schließen). Außerdem erhält das Unternehmen eine zusätzliche Bargeldinfusion über 50 Millionen Dollar, die von der Virgin Group und SK Telecom kommen. 60 Millionen Dollar sind an zusätzlichen Kreditlinien eingeplant. Sparen kann Virgin Mobile außerdem trotzdem: Sprint wird die Gebühren für die Netznutzung senken.
"Das ist für uns ein tolles Geschäft", gibt Virgin Mobile-Sprecherin Jayne Wallace denn auch zu. Helio solle als Brückenkopf in traditionellere Mobilfunkmärkte dienen und mit den High-End-Angeboten traditioneller Mobilfunker konkurrieren. Virgin Mobiles Hoffnung sei außerdem, dass die rund 20 Prozent Kundschaft, die man derzeit an die etablierten Anbieter verliert, künftig bleiben werden, weil modernere Dienste und Handys verfügbar sind. (bsc)