Facebook 2.0
Ein neuer Look verändert bei dem populären sozialen Netzwerk viel: Anbieter von Anwendungen für die Plattform müssen sich umstellen.
- Erica Naone
Seit dem 20. Juli können Nutzer des sozialen Netzwerks Facebook ein neues Profildesign verwenden. Ein Hauptteil der Neugestaltung scheint dabei darauf abzuzielen, endlich mehr Übersicht in das Angebot zu holen. Wichtiger sind jedoch die Auswirkungen auf die Anbieter von Drittanwendungen, die auf der Facebook-Oberfläche laufen. Das Redesign verhindert künftig unter anderem einige bislang erfolgreiche Tricks, die Nutzerschaft einer solchen "App" schnell und effizient auszudehnen.
Facebook öffnete sich vor etwas mehr als einem Jahr gegenüber Drittanbietern. Die dafür gegründete "Facebook Platform" zog schnell zahlreiche Entwickler an. Diese können ihre Anwendung auf eigenen Servern ablegen und sie über das Facebook-Interface Nutzern verfügbar machen. Die User können sich lange Listen mit verfügbaren Apps ansehen und diejenigen, die sie am interessantesten finden, zu ihrer Profilseite hinzufügen. Dabei erlauben sie den Anwendungen auch, Zugriff auf einige der Informationen im Profil zu erhalten, Nachrichten dort abzulegen und Nachrichten an Freunde zu verschicken. Besonders attraktiv ist diese Plattform auch deshalb, weil Facebook inzwischen mehr als 80 Millionen Mitglieder haben soll.
Der Goldrausch, der daraufhin ausbrach, sorgte jedoch auch für allerlei Übertreibungen. Ein Nutzer, der eine Facebook-Anwendung installiert, hat die Möglichkeit, sie automatisch seinen Freunden zu empfehlen. Doch einige Entwickler machen es bei der Installation schwer, diesen Schritt zu umgehen. Facebook reagierte: Apps wurde verboten, lange Listen mit den Freunden des Nutzers vorzuselektieren, die solche Nachrichten erhalten sollen. Gleichzeitig wurden zwischenzeitlich auch einige beliebte Anwendungen abgeschaltet, weil sie den Datenschutzbestimmungen Facebooks offenbar nicht entsprachen.
Die Neugestaltung der Profile führt diesen Prozess der kleinen und größeren Eingriffe weiter, soll aber gleichzeitig Funktionen bereitstellen, die die Nutzererfahrung verbessern. "Anwendungen von Drittherstellern werden enger in Facebook integriert, damit sie leichter und nahtloser verwendet werden können", heißt es dazu von dem Unternehmen. Nutzer bekommen künftig außerdem die Möglichkeit, mit einer Anwendung zu arbeiten, bevor sie dem Profil hinzugefügt wird und Zugriff auf seine Daten erhält. "Außerdem können sie selbst entscheiden, wo eine App im Profil auftauchen soll."
In der Praxis heißt das, dass die bestehenden Profile in Karteireiter, so genannte Tabs, unterteilt werden. Besonders betont werden dabei die so genannte "Wall", auf der die Freunde des Nutzers kurze, halböffentliche Botschaften hinterlassen können, sowie der "News Feed", der die Aktivitäten der Nutzer auf Facebook darstellt. Für Entwickler von Anwendungen besonders wichtig: Die meisten installierten Apps verschwinden damit von der Hauptseite. Stattdessen landen sie in einem Karteireiter mit der Bezeichnung "Boxes". Um die reduzierte Sichtbarkeit auszugleichen, können Nutzer eigene Karteireiter für ihre Lieblingsanwendungen ergänzen. Entwicklern steht damit künftig potenziell ein ganzer Abschnitt des Nutzerprofils zur Verfügung.
Die Verschiebung der Anwendungen vom Hauptprofil in einen eigenen Karteireiter dürfte große Auswirkungen haben. Obwohl Nutzer weiterhin über den Facebook-Anwendungskatalog nach interessanten Apps suchen können, fällt doch der bisherige Hauptweg der Verbreitung weg: Das Wahrnehmen einer Anwendung im Profil eines Freundes, von dem aus sie dann beim Nutzer installiert werden kann. "Ein sehr großer Anteil der Installationen – über 20 Prozent – kommen derzeit über das Profil anderer", sagt Nick O'Neill, Betreiber der populären Facebook-Weblogs "All Facebook" und Besitzer von Capital Interactive, einer Firma, die im Bereich Social Media berät und Facebook-Anwendungen programmiert. Man müsse deshalb abwarten, wie die Veränderungen sich auf die Wachstumszahlen auswirken.
Das Redesign passt ins Bild aktueller Veränderungen bei Facebook. Im Juni schrieb die Firma in einem Posting in ihrem Entwickler-Weblog, dass die Benutzer niemals mehr "überrascht" davon werden dürften, was eine Aktion in einer Anwendung bewirke. Das Redesign beinhaltet deshalb Kontrollmechanismen, mit denen sich sehr fein einstellen lässt, was eine Anwendung mit einem Profil machen darf und was nicht.
"Die Neugestaltung wird die Anwendungslandschaft bei Facebook komplett verändern", meint Jia Shen, Technologiechef und Mitbegründer des beliebten App-Entwicklers RockYou. "Ich sage immer, dass das Entwickeln für eine Plattform, insbesondere bei sozialen Netzwerken wie Facebook, ein Spiel ist, bei dem sich die Regeln alle paar Monate ändern können. Das betrifft das gesamte bestehende Ökosystem."
Neben der Verbannung von Anwendungen in die "Boxes"-Sektion und das Anlegen von Karteireitern für Lieblingsanwendungen verändert Facebook laut Shen auch die Bestimmungen, wie Anwendungen Benachrichtigungen ins Nutzerprofil einstellen können. Facebook wird von den Nutzern außerdem eine Bestätigung (Opt-in) verlangen, wenn eine Anwendung einen zusätzlichen Zugriff auf Profilinformationen anfordert. Es wird also keinen "Blankoscheckzugriff" direkt nach der Installation mehr geben. Shen erwartet, dass die Veränderungen die Nutzer sensibler dafür machen wird, welchen Anwendungen sie welchen Zugriff erlauben. Er hofft aber, die Ängste zu besänftigen, in dem grafisch dargestellt wird, was den RockYou-Anwendungen damit erlaubt wird. RockYou plane außerdem, die Nutzung von Anwendungs-Karteireitern zu bewerben – in der Hoffnung, hier schneller als die Konkurrenz zu sein. Die ersten Anwendungen, die ihren eigenen Reiter erhalten, hätten künftig einen klaren Vorteil, meint er. Facebook gebe den ersten drei Apps die beste Sichtbarkeit.
Justin Smith, Produktmanager beim Anwendungsentwickler Watercooler, der die Veränderungen der Facebook-Plattform auch mit seinem Blog "Inside Facebook" begleitet, glaubt, dass die Veränderung furchtlosen Programmierern dabei helfen könnte, den bisherigen Status Quo bei populären Apps zu brechen. Einige Entwickler hätten bereits jetzt enorme Probleme, mit den alten Methoden neue Nutzer anzuziehen, nachdem der Hype um Facebook inzwischen etwas abgekühlt ist. "Ich denke, dass es strukturelle Veränderungen im Ökosystem geben wird – darunter auch neue Chancen, weil nicht jeder alte Entwickler sich anpassen kann oder wird." Neue Apps, die die neuen Funktionen sinnvoll nutzen, etwa die neuen Karteireiter, hätten damit eine Chance, die aktuellen Marktführer zu schlagen.
O'Neill von Capital Interactive gibt allerdings zu bedenken, dass Entwickler nicht unbegrenzt leidensfähig sind. "Die echte Frage ist doch, was die Leute wirklich machen, wenn sie Facebook nutzen. Sie schauen sich entweder Profile an oder managen ihre Kontakte. Die anderen dort nutzbaren Funktionen gibt es nicht nur auf Facebook, die gibt es überall im Web, beispielsweise Spiele." Der Experte denkt deshalb, dass Werkzeuge wie Facebook Connect, das Entwicklern bald erlauben soll, Funktionen des sozialen Netzwerks in andere, externe Websites einzubauen, die attraktivere Wahl darstellen. (bsc)