Nicht zum Zischen

In den nächsten Monaten dürften wiederverschließbare Getränkedosen im deutschen Handel zu finden sein. Mit ihnen könnte ein Erfinder das große Los gezogen haben.

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Von
  • Udo Flohr

Erfinder sehen sich hin und wieder mit der Situation konfrontiert, dass es für ein Problem bereits viele Lösungen zu geben scheint. Die besten analysieren kühl und entscheiden, ob die Suche nach der noch besseren Lösung lohnt oder ob sich die Produktidee gut anhört, der Markt aber nicht interessiert ist. Ein Beispiel für letzteren Fall könnten Video-Telefone sein: Obwohl seit Jahrzehnten diverse Lösungen angeboten werden, scheinen die wenigsten Leute ihre Gesprächspartner beim Telefonieren wirklich sehen zu wollen. Ähnliches mag Antonio Perra durch den Kopf gegangen sein, als sich die Frau eines Freundes 2003 im FrankreichUrlaub einen Fingernagel an einer Getränkedose abbrach.

„Wir können zum Mond fliegen, aber keine vernünftige Bierdose konstruieren“, soll sie geflucht haben. Perra, der heute 38-jährige Sohn eines italienischen Einwanderers, beschäftigte damals eine kleine Gruppe von Tüftlern in seiner Heimatstadt Alkmaar bei Amsterdam. Er hatte viel Geld in einen 360-GradFernseher gesteckt, der sein Bild nach allen Seiten zeigt. Auch für solche Displays gibt es seit Jahren Konzepte, aber keine Erfolge. Das von Perra unterschied sich dadurch, dass es Projektoren statt LEDs verwendete. Doch das Glück hatte ihn in der Folge des 11. September 2001 verlassen – sein Investor weigerte sich, das Projekt weiter zu finanzieren. „Wenn man wirklich etwas Neues auf den Markt bringen will, muss man die Dose wiederverschließbar machen“, befand Perra nach dem Urlaubsmissgeschick. Er wusste, dass auch das nicht gerade der Heilige Gral der Getränkeindustrie, aber vielleicht immerhin ein für Verbraucher interessantes Feature wäre. Zwar war schon so manches Patent dafür erteilt worden – allein eine Suche in den US-Patentverzeichnissen ergibt weit mehr als ein Dutzend einschlägige Treffer. Ein wirklich erfolgreiches Produkt gab es aber noch nicht. Und so machte sich Perra daran, die Dose neu zu erfinden.

In Deutschland sind Getränkedosen ausgerechnet nach Einführung der für sie geltenden Pfandregelung fast aus den Regalen verschwunden. Sie wurden abgelöst durch Flaschen aus Polyethylenterephthalat, kurz PET. Doch die Dose hat die besseren Eigenschaften: Vor allem lichtund sauerstoffempfindliche Getränke halten sich in ihr deutlich länger als in PET. Sie ist leicht und schnell zu kühlen und fühlt sich in der Hand kühl an, was Verbraucher laut Umfragen besonders schätzen.

Getränkeabfüllern wiederum gefällt, dass Dosen gut stapelbar sind und durch ein günstiges Gewichtsverhältnis von Inhalt und Verpackung Lagerund Transportkosten sparen. Dank der großen Öffnung sind sie zudem schnell zu befüllen. Europaweit wächst der Absatz von Getränken in Dosen mit jährlichen Raten von durchschnittlich fünf Prozent; 2006 wurden insgesamt etwa 45 Milliarden Stück verkauft.

Perra hatte schon nach relativ kurzer Zeit, wie er sagt, eine neue Lösung gefunden:In den Deckel der Dose wird ein flaches Kunststoffelement eingesetzt, das ein axiales Gewinde nutzt, um ein unteres und ein oberes Element halbkreisförmig gegeneinander zu verschieben. Das innen sitzende Dichtungselement nutzt die vom CO2-Druck herrührende Kraft der Dose, um den Verschluss abzudichten. Die Großbrauerei Heineken zeigte schnell Interesse. „Die sagten: ,Schönes Produkt! Machen Sie uns 20000 davon für eine Veranstaltung‘“, erinnert sich Perra. Seine Antwort: „An 20000 bin ich nicht interessiert. Ich suche nach einem ernsthaften Markt.“ Im nächsten Schritt wandte sich Perra an Ball Packaging, den weltgrößten Getränkedosenhersteller. Er traf sich mit Rob Miles, dem Marketing-Chef bei Ball Europe in Deutschland. Über den landete er bei Robert Jansen, der Balls Innovationszentrum in Bonn leitet.

Perras Idee, den Druck für das Verschließen zu nutzen, sei sehr clever gewesen, sagt Jansen: „Aus Konsumentenbefragungen wussten wir, dass Verschließbarkeit gewünscht wurde. Doch bei den anderen bis dahin angebotenen Lösungen gab es meistens zwei unabhängige Verschluss-Systeme – das erste musste der Abfüller einsetzen, und für den Wiederverschluss wurde dann eine andere Technik benutzt.“ So kam es, dass Perra bereits 2004 einen Vertrag in der Tasche hatte. Jansen baute ein Team auf, das zusammen mit Perras Ingenieuren den Verschluss marktfähig machen sollte. Unter anderem galt es zu prüfen, welcher Kunststoff für den geforderten Innendruck von 6,5 Bar geeignet war. Auch die richtige Steigung des Gewindes war herauszufinden, sodass sich das obere Element des Verschlusses nicht von allein verdreht.

Das seit Anfang 2008 marktreife Produkt „Ball Resealable End“ ist ein Aluminiumdeckel, in den der flache Öffnungsmechanismus aus Kunststoff integriert ist. Durch eine Drehbewegung gibt er die Trinköffnung frei. Perras Lösung erhält dadurch die Vorteile einer herkömmlichen Getränkedose: Stapelbarkeit, Haltbarkeit, hohe Abfüllgeschwindigkeit, recycelbar. Nach dem Verschließen baut sich der Druck, der sie abdichtet, durch leichtes Schütteln oder in einigen Stunden von allein auf – die Dose soll so auch „handtaschengeeignet“ sein, versprechen Jansen und Perra. Ein zusätzlicher Vorteil: Der Deckel kann nicht verloren gehen.

Der etwas teurere Verschluss wäre verschwendet bei Getränken, die zum „Zischen“ gedacht sind; wer bei heißem Wetter eine Dose Bier oder Cola in wenigen Zügen austrinkt, braucht diese Funktion nicht. Folgerichtig hat Balls erster Kunde Coca-Cola – nach einigen Tests in Deutschland – als erstes Getränk einen hochpreisigen Energy Drink auf den französischen Markt gebracht. „Burn“, das ein wenig wie Farbstoff mit Kirschsaft schmeckt, ist dort seit Ende März in einer 500-Milliliter-Dose zu haben. Spätestens Anfang 2009 will Ball den Mehrfachverschluss auch in Deutschland einführen. Perra selbst darf sich für die nächsten Jahre auf Lizenzzahlungen bis zu einer Obergrenze von 250 Millionen Euro freuen. Eine Äußerung darüber brachte ihm gleich Platz 84 in einer Liste der 500 reichsten Niederländer im Wirtschaftsmagazin „Quote“ ein, mit dem er seitdem im Clinch liegt.

Denn für den Maximalbetrag wären Absatzzahlen im Milliardenbereich nötig – nicht undenkbar, aber längst noch nicht erreicht. Den Durchbruch mit der Dose hat Perra jedenfalls genutzt, um eine Ideenschmiede rund um Verpackungsdesign mit dem Namen 4Sight Innovation aufzubauen. Ball hat zurzeit einen Exklusivvertrag mit CocaCola. Doch für Konkurrenten wie Pepsi gibt es Hoffnung: Ende April wurde bekannt, dass Willi Weber, bekannt als Manager des Rennfahrers Michael Schumacher, ein Patent für eine weitere wiederverschließbare Dose lizensiert hat und es jetzt mithilfe von FraunhoferForschern zur Marktreife weiterentwickeln will.

Weber solle bei seinen Autos bleiben, sagt Perra dazu, denn dessen Verschluss sei nicht dicht: „Wenn Sie Herrn Webers Dose in ihrem Auto auf den Kopf stellen, passiert etwas, was Sie wirklich nicht wollen.“ Ball-Manager Jansen allerdings scheint das etwas anders zu sehen: Auf Nachfrage räumt er ein, dass er schon Gespräche mit Weber führt. Man dürfe ein fertiges Produkt nicht mit einem Konzept wie dem von Weber vergleichen; dieses habe außerdem den Vorteil, dass es ohne Kunststoff-Komponenten auskommt, erklärt Jansen und sagt etwas über seinen vermeintlichen Traumpartner, das dem nicht gefallen dürfte: „Herr Perra ist eben kein Experte, was Dosen-Verschließsysteme angeht.“ (nbo)