Weltweiter Standortvorteil oder Technologie-politischer Irrweg?
Seit Monaten wird erbittert über Sinn oder Unsinn der Solarförderung in Deutschland gestritten.
- Eicke Weber
- Manuel Frondel
Nach einigem Streit im Vorfeld hat die Regierungskoalition Anfang Juni eine Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) verabschiedet. Demnach sinkt die über 20 Jahre garantierte Einspeisevergütung für Photovoltaik-Strom in den Jahren 2009 und 2010 um 8 Prozent, ab 2011 dann um 9 Prozent. Sollte der Zubau an neuen Anlagen bestimmte Schwellenwerte überschreiten, sinkt die Vergütung im Folgejahr um einen weiteren Prozentpunkt, ist der Zubau zu gering, wird sie um einen Prozentpunkt erhöht. Wir haben einen ausgewiesenen Befürworter dieser Regelung, Eicke R. Weber, und einen erklärten Gegner, Manuel Frondel, gebeten, ihre Haltung zur Solarförderung zu erklären.
Pro: "Weltweiter Standortvorteil"
Von Eicke R. Weber
Die Schere zwischen der Nachfrage nach Öl von heute circa 89 Millionen Fass pro Tag und der Förderung von circa 86 Millionen Fass pro Tag (nach IEA-Daten) wird sich immer weiter öffnen, und es wird auch keine Obergrenze von 200 Dollar pro Fass für den Ölpreis geben. Gleichzeitig erfordert die sich anbahnende Klimakatastrophe drastische Maßnahmen, um den weiteren Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu begrenzen.
Daher sind wir uns sicher einig, dass die schnellstmögliche Begrenzung und schließlich Verringerung des jährlichen globalen Ausstoßes von CO2 und anderen Klimagasen das Gebot der Stunde ist.
Dazu sind die bestmöglichen Anstrengungen zur Energieeinsparung in Transport, Gebäuden und industrieller Produktion erforderlich, sowie die schnellstmögliche Umstellung auf erneuerbare Energien. Kernenergie wird ohne CO- Ausstoß produziert. Die endliche Reichweite der Uranvorräte und die inhärenten Gefahren der Herstellung großer Mengen des hochgiftigen Waffenstoffes Plutonium, der Endlagerung hochradioaktiver Abfälle sowie des großen Schadpotenzials bei terroristischen Angriffen schließen eine langfristige, nachhaltige Zukunft für diese Technologie allerdings aus.
Wir sollten daher alle erneuerbaren Energien wie Wasser, Wind, Geothermie sowie Biomasse aus Abfällen optimal nutzen. Aber nur die Sonne bietet eine praktisch unbegrenzte Energiequelle. Daher ist der schnellstmögliche Ausbau der Solarenergie zu fördern. Dazu gehört die Photovoltaik (PV), heute noch die teuerste erneuerbare Energie. Doch ihre Kosten folgen einer rasch sinkenden Lernkurve: Mit jeder Verdopplung der installierten Kapazität lässt sich für die vergangenen 20 Jahre eine Kostensenkung um circa 20 Prozent nachweisen, und ich sehe keinen inhärenten Grund dafür, dass sich diese Entwicklung nicht fortsetzen lässt. In wenigen Jahren bereits werden die Erzeugungskosten von Solarstrom in Deutschland unter den Kosten für Haushaltsstrom liegen. Es gibt auch keine ernsthafte Begrenzung bei der Ressource Silizium.
Zur Kostensenkung werden außer den Rationalisierungsvorteilen größerer Produktionsvolumina auch die auf den Markt kommenden Dünnschichtmodule beitragen. Deren geringere Effizienz bedeutet, dass bei vorgegebener Fläche ein geringerer Stromertrag realisierbar ist, aber der günstigere Preis pro installiertem Watt wird sicher einen heilsamen Druck auf die Preise der PV aus kristallinem Silizium ausüben. Im Bereich der SiliziumTechnologie kommt es außerdem bereits im nächsten Jahr zum ersten Einsatz von billigerem „dirty silicon“, also Silizium mit deutlich mehr Verunreinigungen als bei dem in der klassischen Halbleiterindustrie eingesetzten Material. Diese Zellen werden fast dieselben Effizienzen wie Zellen aus hochreinem Silizium aufweisen, bei gleicher Langzeitstabilität.
Es bleibt die Frage, ob sich der Einsatz erheblicher Fördermittel zur Einführung dieser Zukunftstechnologie lohnt. Die Abschätzung dieser Zuschüsse wird dadurch erschwert, dass die in Rechnung zu stellende Erhöhung der Preise konventioneller Energie schwer zu prognostizieren ist. Die verbleibenden Beträge, die in den nächsten 30 Jahren akkumuliert auch über 50 Milliarden liegen können, sollten aber mit den dreistelligen Milliardenbeträgen für die Entwicklung der Nukleartechnologie sowie der Erhaltung einer Rest-Kohleförderung verglichen werden. Inflationsbereinigt haben die Verbraucher weitgehend klaglos circa 180 Milliarden Euro für den Steinkohlepfennig aufgewendet. Es ist nicht einsehbar, dass wir für die beschleunigte Einführung von Photovoltaik sowie für die damit er- reichte weltweite Technologieführerschaft und die neuen Arbeitsplätze besonders im „Solar Valley“ Mitteldeutschland nicht einen halb so hohen Betrag bereitstellen sollten.
Das in Deutschland entwickelte Instrument des Einspeisetarifs hat sich weltweit als das effektivste Mittel zur beschleunigten Einführung erneuerbarer Energien erwiesen. Der Grund ist einfach: Nur dieses Instrument erlaubt es kleinen und großen privaten Investoren, durch den Bau von Solaranlagen eine attraktive Rendite zu erreichen – ein stärkerer Antrieb als die Einsicht, dass unserem Planeten durch eine Reduktion der privaten CO2-Produktion durch Einsparungen und Bau von Solaranlagen geholfen werden kann.
Der in Berlin erreichte Kompromiss zur Novellierung des EEG wird der PV-Industrie sicher große Schwierigkeiten bereiten, da der Kostensenkung durch rationellere Produktion die Preiserhöhungen der für die PV erforderlichen Materialien entgegenstehen. Es wird sich im nächsten Jahr erweisen, wie stark das Nachlassen der Nachfrage durch den geringer werdenden finanziellen Anreiz sein wird. In wenigen Jahren wird es allgemein erkennbar werden, dass Deutschland sich durch die Bereitstellung eines immer größeren Teils der Energieproduktion aus eigenen, erneuerbaren Quellen angesichts der schnell steigenden Preise konventioneller, importierter Energie einen weltweiten Standortvorteil verschafft hat.
Professor Eicke R. Weber hat ein Physikstudium absolviert. Er ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme und Inhaber des Lehrstuhls für Angewandte Physik/ Solarenergie der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.
Contra: "Technologie-politischer Irrweg"
Von Manuel Frondel
Keine Frage: Den Erneuerbare-Energie-Technologien, insbesondere der Nutzung solarer Strahlungsenergie, gehört die Zukunft. Wegen der tendenziell immer weiter steigenden Preise für fossile Energieträger werden diese – bislang zumeist noch stark unwirtschaftlichen – Technologien über kurz oder lang die Wettbewerbsfähigkeit erreichen. Strittig ist allerdings, wie der Weg dahin gestaltet werden soll.
Um die Kosten für die Bereitstellung von Energie mithilfe dieser Technologien zu senken und diese damit aktiv an die Wettbewerbsfähigkeit heranzuführen, gibt es im Prinzip zwei unterschiedliche Vorgehensweisen. Zum einen die staatliche Förderung von Forschung und Entwicklung (F&E) dieser Technologien, die Deutschland im Wettlauf um die beste Technologie die Chance gibt, vorn zu landen.
Zum anderen kann man die flächendeckende Verbreitung der vorhandenen Technologie subventionieren. Die damit einhergehende Massenproduktion, so die Hoffnung, führt zu erheblichen Kostensenkungen, während technischer Fortschritt eher als Nebenprodukt abfällt. Während die staatlichen Mittel für F&E im Bereich erneuerbare Energien im vergangenen Jahrzehnt kaum substanziell erhöht wurden, hat sich Deutschland mit der Einführung des EEG für die ebenso kostenintensive wie technologiepolitisch unglückliche Vorgehensweise entschieden.
Allein für die zwischen 2000 und 2007 in Deutschland installierten Photovoltaikanlagen werden den Stromverbrauchern Kosten aufgebürdet, die sich auf insgesamt rund 26,5 Milliarden Euro (in Preisen von 2007) belaufen. Wäre die derzeitige Regelung einer jährlichen Degression der Einspeisevergütungen um 5 Prozent bis 2015 beibehalten worden, wäre mit real rund 120 Milliarden Euro an Kosten für die PhotovoltaikFörderung zu rechnen. Dies sind zwei der wesentlichen Ergebnisse einer Studie, die das RWI Essen kürzlich im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie durchgeführt hat. Diese hohen Summen, bei denen der Wert des Solarstroms in Form von Börsenpreisen berücksichtigt wurde und die somit die Nettokosten für die Verbraucher reflektieren, sind Resultat der für 20 Jahre in jeweils unveränderter Höhe garantierten Einspeisevergütungen für Solarstrom, die derzeit bei knapp 47 Cent/kWh liegen.
Damit ist Photovoltaik die mit Abstand teuerste Möglichkeit zur Stromerzeugung. Zum Vergleich: Windenergiestrom wird mit rund 9 Cent/kWh vergütet, an der Börse kostet Strom derzeit rund 6,5 Cent/kWh.
Auch die für 2009 vorgesehene EEG-Novelle wird nicht verhindern können, dass die Kosten längst einen dreistelligen Milliardenbetrag erreicht haben werden, bevor die stärkere Senkung der Solarvergütung zu einem Gleichziehen mit den Haushaltsstrompreisen („Grid Parity“) führt. Damit tritt die Photovoltaik-Förderung unweigerlich in die Fußstapfen der Steinkohlen-Subventionierung, einem vom RWI Essen in den vergangenen Jahren auf das Heftigste kritisierten Paradebeispiel einer verfehlten staatlichen Politik.
Einhergehend mit den hohen Vergütungen bildet die Solarstromerzeugung die bei Weitem ineffizienteste Möglichkeit, Klimaschutz zu betreiben: Die Vermeidung einer Tonne Kohlendioxid kostet hier laut der Internationalen Energieagentur rund 1000 Euro – die durch den Emissionshandel ausgelösten Maßnahmen zur Treibhausgasreduktion sind beim derzeitigen Zertifikatpreis von rund 25 Euro pro Tonne für einen Bruchteil zu haben. Kein Wunder, dass der renommierte Umweltökonom Joachim Weimann in seinem kürzlich erschienenen Buch die Förderung von Photovoltaik als das „größte Desaster der deutschen Klimaschutzpolitik“ bezeichnet.
Somit war das EEG ohne Zweifel effektiv, indem es zum starken Ausbau der Photovoltaik in Deutschland geführt hat. Aber es war alles andere als effizient, weder beim Klimaschutz noch bei der Schaffung von Beschäftigung – auch wenn wegen umfangreicher Importe viele Arbeitsplätze in Asien geschaffen wurden – noch bei der Technologieförderung. Entgegen dem Ziel, die Kosten für regenerativ erzeugten Strom zu senken, verharrten die Preise für Photovoltaik-Anlagen in den letzten Jahren auf beinahe demselben Niveau. Grund dafür war die durch hohe Vergütungssätze verursachte hohe Nachfrage.
Und wenn das EEG weiterhin das Wachstum ausländischer Hersteller in derart starker Weise wie bislang fördert, konterkariert dies das damit angestrebte Ziel, den deutschen Produzenten Vorsprünge bei der Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, denn es fördert im Ausland produzierte Module in genau demselben Maße wie solche aus dem Inland. Zur Verbesserung der Wettbewerbssituation deutscher Anbieter ist vielmehr eine weitaus stärkere gezielte Förderung von F&E notwendig.
Schließlich erobert man den Weltmarkt nur mit einer überlegenen Technologie, die andere nicht zur Verfügung haben. Hier gilt es, die Pole Position einzunehmen, und nicht bei der Höhe der gesellschaftlichen Kosten.
Dr. Manuel Frondel ist Diplom-Physiker und Diplom-Wirtschaftsingenieur. Er arbeitet seit Oktober 2003 als Forschungskoordinator und Leiter des Kompetenzbereiches Umwelt und Ressourcen fĂĽr das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI Essen. (nbo)