Aufbruch in die Wolke
Ein neues Start-up hofft, den ĂĽberlaufenen Markt fĂĽr Web-Services zu erobern, in dem die eigene Infrastrukturplattform als Open-Source-Software offengelegt wird.
- Erica Naone
Ende Juli gab das Start-up 10gen eine Vorschau auf seine Infrastrukturlösung für Web-Anwendungen. Damit begibt sich die junge Firma in ein umkämpftes Gebiet, in dem sich bereits diverse andere Neugründungen sowie Riesen wie Google (Google App Engine) oder Amazon (Amazon Web Services) tummeln. 1,5 Millionen Dollar Frühphasenfinanzierung vom New Yorker Risikokapitalunternehmen Union Square Ventures konnte 10gen dafür immerhin einsammeln.
Web-Anwendungen liegen im Trend – vom Multiplayer-Spiel bis zur Textverarbeitung läuft immer mehr Software direkt im Browser des Nutzers. Damit das technisch auch zuverlässig funktioniert, wenden sich die Anbieter zunehmend an Spezialfirmen zur Betreibung der notwendigen Infrastruktur. Entsprechende Lösungen sind kein einfach zu bewältigendes Technikproblem: Es bedarf schon mehr als nur der Erfahrung bei der Programmierung von Internet-Software. Das Thema Skalierung ist eine Überlebensfrage für Web-Anwendungs-Start-ups: Bei zu schlechter Vorbereitung kommt es zu Ausfällen, wenn ein Produkt plötzlich besonders stark nachgefragt wird; investiert man hingegen zu viel und die Nachfrage kommt nicht, wirft das hohe Folgekosten auf.
Große Firmen wie Amazon und Google sind deshalb in dieses Geschäft eingestiegen, um ihre entsprechenden Erfahrungen auch anderen Firmen anzubieten. Sie liefern eine Infrastruktur "in der Wolke", die dann auf Abruf eingesetzt werden kann – Cloud Computing nennt sich das. 10gen-Chef und Gründer Dwight Merriman, der zuvor Technologiechef beim Internet-Werbespezialisten DoubleClick war, hofft, dass seine Firma hier mithalten kann, in dem sie eine offene Infrastrukturlösung anbietet. 10gen soll in eine Lücke springen, die die Großen im Markt noch lassen. So biete Amazon Web Services zwar Rechenleistung und Speicherplatz ganz nach Bedarf, sei aber vom Administrationsaufwand und Anwendungsmanagement her sehr komplex. Google App Engine habe wiederum eine leicht bedienbare Applikationssteuerung, sei aber nicht offen.
Merriman nennt den Bereich der Datenbanksysteme als Beispiel. Diese sind für die Skalierung von Web-Diensten enorm wichtig, weil ein Großteil der Effizienz einer Applikation davon abhängt, wie schnell sie Daten aus einer potenziell riesigen Informationsmenge auslesen und wieder in sie hinein speichern kann. Google App Engine ist so gestaltet, dass Dritte auf die von Google verwendete proprietäre Datenbanktechnologie "BigTable" zugreifen können, die laut dem Suchmaschinenkonzern speziell dafür gedacht ist, "Petabytes an Daten über Tausende kostengünstige Server" zu verteilen. 10gen hat seine eigene Datenbank namens Mongo geschaffen, die ebenfalls darauf ausgerichtet ist, gut zu skalieren.
Im Gegensatz zu Google wird die Technologie dahinter allerdings als Open-Source-Software bereitgestellt. Daraus ergibt sich laut Merriman unter anderem, dass eine Firma, die ihre Web-Anwendung zu einem anderen Infrastrukturanbieter portieren will, dies deutlich leichter umsetzen kann. "Wenn man BigTable nutzt, nutzt man das, wozu diese Plattform besonders gut geeignet ist. Will man seine Technik dann zu einem anderen Anbieter verlagern, funktioniert das aber nicht", sagt Merriman. "Würde man die 10gen-Datenbank nutzen, sieht das anders aus. Auch hier hätte man grundsätzlich ähnliche Probleme. Der Hauptvorteil liegt aber darin, dass man einfach die ganze Datenbank mitnehmen kann, wenn man das möchte."
Albert Wenger, Partner bei Union Square Ventures, sagt, dass seine Firma lange darüber nachgedacht hat, wie wettbewerbsfähig 10gen ist, bevor man sich zu einer Investition entschloss. "Wir glauben, dass Cloud Computing eine tiefgehende Veränderung in der IT darstellt, dass das aber nicht von heute auf morgen geschieht." Angesichts dieser Tatsache sei 10gens Potenzial, eine eigene Entwicklergemeinschaft zu bilden, die eine offene Infrastruktur in der Cloud schaffe, besonders attraktiv. Wenger stellt sich ein Open-Source-System vor, das es jedermann einfach macht, für seine Web-Anwendung auf eine passende Infrastruktur zuzugreifen. Das ermögliche Fortschritt.
10gen hat für sein System eine neue Technologie entwickelt. Ähnlich wie BigTable und die von Amazon verwendete Datenbank verabschiedet sich das Start-up von traditionellen relationalen Datenbanken. Die hätten bei Standardoperationen bereits Probleme, wenn Daten auf einer großen Anzahl von Maschinen abgelegt werden müssen. Stattdessen setzt Mongo auf eine objektorientierte Datenbank: Das heißt, dass Informationen anhand der von ihnen repräsentierten Objekte organisiert sind und nicht anhand der Beziehungen zwischen den Objekten. Merriman glaubt, dass dieses Design hervorragend mit vielen Programmiersprachen funktioniert, die für Web-Anwendungen verwendet werden – tatsächlich ist dies ein wichtiger Trend.
10gen hat sich entschlossen, eine eher ungewöhnliche Programmiersprache zu unterstützten: Während Google App Engine auf Python setzt und viele Webserver mit Ruby oder PHP programmiert werden, verwendet 10gen anfangs nur Javascript. Obwohl die Skriptsprache zur Programmierung von Clients häufig verwendet wird (beispielsweise direkt im Browser), wird sie serverseitig noch eher selten verwendet. "Wir dachten: Lass uns einfach vergessen, was die Leute heute benutzen. Was wäre der ideale Weg, eine Web-Anwendung zu schreiben?" Da die meisten Firmen zumindest einen Teil ihres Codes in Javascript vorliegen haben, entschied sich 10gen dazu, das gesamte System in Javascript zu erstellen und dann die passenden Werkzeuge zu bauen, um alle notwendigen Routinen zu unterstützen. Die Firma will später auch andere Sprachen wie Ruby unterstützen – experimentell funktioniert das bereits.
Ray Valdes, Forschungsdirektor für Web-Dienste beim IT-Analystenhaus Gartner, findet einige der Ideen von 10gen durchaus interessant, bleibt insgesamt aber skeptisch. Die Firma habe zwar nette Vorschläge wie die Verwendung von Javascript und die objektorientierte Datenbank gemacht. Doch zumindest letztere habe viel Konkurrenz. Zudem sei das Versprechen, das System quelloffen zu veröffentlichen, auch sicher davon motiviert, den Kunden seine Stabilität zu beweisen. "Jede kleine Firma im Plattformgeschäft braucht diesen Aspekt, weil es das Risiko für die Kunden reduziert." 10gen befinde sich in einem von zahlreichen Start-ups überlaufenen Markt. Nur einige dieser Firmen könnten letztlich überleben, dazu böten sich vor allem Nischenbereiche an.
10gen arbeitet unterdessen noch an seinem Geschäftsmodell. Merriman erwartet, dass die Firma zunächst mit Hosting-Anbietern zusammenarbeiten wird. Die eigene Software wird dann die dort bereits vorhandene Hardware überlagern, um es der Kundschaft zu erleichtern, Web-Anwendungen aufzubauen und zu managen. (bsc)