"Wenn niemand etwas verliert, ist es keine Revolution"
Wir leben in einem neuen Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Das habe gute wie schlechte Seiten, schreibt Ex-Bloggerin Emily Gould in einem Vergleich der Philosophien Walter Benjamins mit denen des Internet-Experten Clay Shirky.
- Emily Gould
In den ersten Kapiteln von "Here Comes Everybody: The Power of Organizing without Organizsations" (Penguin Press, 336 Seiten), erinnert der Internet-Forscher Clay Shirky seine Leser daran, dass unsere heutige Zeit des schnellen, technologisch beförderten sozialen Wandels nicht ohne historisches Vorbild ist. Die hundert Jahre andauernde, so genannte "chaotische Periode", die der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern folgte, sei noch viel verwirrender für die Menschheit gewesen, schreibt der Dozent an der New York University, der seinen Ruf als Internet-Experte unter anderem gewinnbringend Unternehmen wie Nokia, Procter & Gamble oder der News Corporation andient. An einer Stelle seien die Dinge so merkwürdig geworden, dass ein Abt sein flammendes Plädoyer zum Erhalt der handschriftlichen Schreibtradition habe drucken lassen, um es möglichst billig und schnell zu verbreiten. Die Schreiber, deren Existenzgrundlage der Gottesmann so eloquent verteidigt hatte, gingen leer aus.
Was würde der arme Abt wohl sagen, wenn er wüsste, dass das, was die gute alte Druckerpresse heutzutage ausspuckt, in den letzten Monaten oft genug Fachbücher sind, die sich intensiv mit der Technologie beschäftigen, die das Ende eben jener beweglicher Lettern im Anschluss an eine über 400jährige Erfolgsgeschichte heraufbeschwört?
Natürlich wurden Werke aus totem Holz, die die Nutzung der vielen Möglichkeiten des Netzes bei gleichzeitiger Umgehung seiner potenziellen Gefahren versprechen, schon in dessen Anfangstagen gedruckt. Doch aktuell ist die Auswahl bedeutender Internet-Titel im Nonfiction-Regal schlicht unüberblickbar. Da wäre "Send" aus dem letzten Jahr, das den "N00bs" (den Neulingen, Ihr N00bs!) versprach, ihnen die Feinheiten der E-Mail-Korrespondenz zu erklären. Oder Jonathan Zittrains breite Warnung vor den Gefahren von "Anwendungen mit Kopierschutz-Fesseln" wie Apples iPhone. Da war Lee Siegels angefressen klingende Polemik gegen "Blogofaschismus" oder Naomi S. Barons linguistische Warnung vor dem Verfall der Sprache durch Online-Chats. Und zu guter Letzt versuchte Daniel Solove auch noch, unsere dank YouTube & Co. gefährdete virtuelle Reputation über mehrere Hundert Seiten zu retten.
Ergo: Da scheinen also einige Verleger zu glauben, dass wir, wenn wir nicht gerade dabei sind, unser Leben wegzutwittern oder uns per Facebook vernetzten, noch Lust darauf haben, populärwissenschaftliche Analysen zu lesen, warum wir das tun. Wer sonst sollte diese Bücher denn bitteschön kaufen?
Außer mir vielleicht. Ich kaufe all die Titel schon deshalb, weil ich nach Antworten suche, die ich noch nirgendwo gelesen habe. Wie ein Auswanderer, der jedes Buch lesen muss, das in seiner alten Heimat spielt, lese ich Bücher über das Internet, um mich an die Zeit zurück zu erinnern, in der ich selbst hauptsächlich dort arbeitete und lebte. Um meine Erinnerungen mit den Eindrücken der Autoren abzugleichen und zu sehen, wer recht hat. In den Beschreibungen Shirkys, wie Web-basierte Vernetzungswerkzeuge das Geschäftsleben, soziale Gemeinschaften und Beziehungen verändern, erkenne ich ein mir bekanntes Bild. Auch Shirky weiß, wovon er schreibt – er hat auch dort gelebt. Man bekommt allerdings das Gefühl, dass er es irgendwie geschafft hat, die dunklen Ecken zu umgehen. Auch die stinkenden Müllhaufen des Netzes sieht er nicht.
Natürlich können Internet-Bücher nur zwei Dinge sein: Entweder sind sie Cheerleader der Ideen der Vernetzung – oder sie sind ihre Gegner. Shirky ist ein Cheerleader. Er legt auch gute Argumente vor, warum Dinge wie Blogs, Wikis und Social Networking unser Leben bereichern. Auch die dabei schnell verloren gegangenen persönlichen Freiheiten ignoriert er nicht. "Wenn niemand etwas verliert, ist es keine Revolution", heißt sein Kernsatz.
Er beschreibt sogar gleich drei Arten von Verlierern der Internet-Ära: Die Arbeitnehmer, deren Industrien von der freien Verbreitung der Informationen verdrängt werden, die sie einst kontrollierten, die Journalisten, die, ähnlich wie die Schreiber im Mittelalter, ihre berufliche Identität und ihr Prestige verlieren und die Menschen, die zu Schaden kommen, wenn es "bösen Gruppen" erleichtert wird, ihre Informationen einfacher an die breite Öffentlichkeit zu bringen. (Shirkys apolitisches und deshalb harmloses Beispiel sind "Pro-Ana"-Unterstützungsforen, in denen sich Hungerfans sammeln.) Generell jedoch scheint Shirky kein wirkliches Problem damit zu haben, dass jemand vom Aufstieg des Internet und des damit verbundenen sozialen Wandels in Mitleidenschaft gezogen wird.