Verriss des Monats: Das Endo ist nah

Die Körperöffnungsmikroskopie wird zum neuen Modetrend: Die ersten Beauty-Endoskope sind endlich verfügbar.

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Von
  • Peter Glaser

Die Technik ist erstaunlich alt. Schon 1860 machte der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt Johann Nepomuk Czernak in Paris fotografische Aufnahmen von seinem Schlund. 1926 präsentierten die Wiener Ärzte Porges und Heilpern eine kleine, verschluckbare Schlauchkamera, die im Körperinneren 16 Fotos schießen konnte (hier ein Zeitungsartikel von 1934). Das Ganze blieb allerdings vorerst ein exotisches beziehungsweise nicht besonders beliebtes Verfahren der Selbstwahrnehmung. Wie immer waren es Künstler, die sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten vorgestastet haben in das, was heute profan und wellnessgängig wird – oder es zumindest werden soll.

1992 schuf der der australische Hightech-Performancekünstler Stelarc anläßlich der Australian Sculpture Triennale in Melbourne eine Stomach Sculpture – eine Kapsel, die in seinem Magen untergebracht wurde und die Licht und Töne aussandte. Der Magen war der Ausstellungsraum, die Kapsel das Kunstwerk. Klänge und Lichtpulse wurden über ein Endoskop sichtbar und hörbar gemacht.

"Was kann man noch mehr zeigen?", hatten sich angesichts der immer näher heranrückenden Kameraaugen des pornografischen Films die französischen Philosophen Pascal Bruckner und Alain Finkielkraut bereits 1977 in ihrem Buch "Die neue Liebesunordnung" gefragt. 1993 fand ein englisches Paar darauf die Antwort: Innenaufnahmen der Ejakulation des Mannes und der weitere Weg der Spermien im Körper einer Frau, beobachtet mit Hilfe einer winzigen Endo-Kamera. Über drei Wochen ließen die beiden menschlichen Versuchskaninchen ihr Liebesspiel akribisch im Dienste der Wissenschaft aufzeichnen. Die Aufnahmen wurden alsbald einer zwar empörten, aber dennoch sehr interessierten britischen Fernzuseheröffentlichkeit vorgeführt.

1995 wurde die aus Beirut gebürtige britische Künstlerin Mona Hatoum für ihre Videoarbeit "Corps Etranger" ("Fremder Körper"), einer endoskopischen Fahrt durch die Körperöffnungen der Avantgardistin, für den renommierten Turner-Preis nominiert. Die von Atemgeräusch eingeleitete Reise beginnt an der Körperoberfläche, wo man mit unwirklich vergrößerten Haaren, Zähnen und Pupillen konfrontiert wird. Dann geht es begleitet von Herzschlägen in das pulsierende Innere des menschlichen Körpers.

Nie war der Wunsch, zu sehen und gesehen zu werden so ausgeprägt und obsessiv wie heute. Zentral und erstaunlich ist diese rätselhaft tiefgehende Lust, sich zu entblößen. Einer auch informatischen Nacktheit zu frönen – Stichwort schutzlose Nutzerdaten –, die genauso ungezwungen daherkommt wie FKK. Alle packen aus, alles öffnet sich. Und so bewegen wir uns auch in der digitalen Öffentlichkeit zunehmend im Brandungsrauschen intimster Dinge.

Nun möchte die Gerätschaft jenseits von Kunst und Wissenschaft ein gewöhnlicher Haushaltsartikel werden, irgendwo zwischen Mittel sensorischer Selbstwahrnehmung, Hygieneartikel und kuriosem Kosmetik-Gadget. Dank der Miharu Intraoral Endoskopkamera ("Endlich auch für den Privatanwender!"), der kleinen Schwester der drahtlosen Intraoral-Kamera "Einstein ver.2", lassen sich Live-Übertragungen aus dem Mund via Fernseher oder Computer ab sofort supergünstig durchführen. "Zahnbelag wird durch den Plaque-Modus sichtbar ... supereinfache Bedienung. Nur ein Knopf zum Umschalten zwischen Plaque-Modus und normalem Bild." Hersteller RF System Lab hat das zur Supernähe passende Firmenmotto: "The nearest place to the future that we all dreamed of." Dass sich die Technologie mit Unterhaltungsformen wie etwa Karaoke verbinden läßt, kann man anhand einer YouTube-Dokumentation erahnen, in der die Stimmbänder einer Opernsängerin in Aktion zu bewundern sind.

Auch in den Ohren kann jeder nun auch technisch hochwertig bohren. Für 329 Dollar verhilft einem das Beauty Video-Endoskop Ear Scope TV der japanischen Firma Coden dazu, dass einem Hören und Sehen nicht mehr undokumentiert vergeht: "Schauen Sie sich selbst in Ihre Ohren wenn Sie sie reinigen! ... Ear Scope TV kann genutzt werden im Ohr, zum Betrachten der Kopfhaut, in der Nase, in der Mundhöhle und an den Zähnen oder im technischen und Hobby-Bereich." Das Set kommt "inklusive japanischer Lichtleiter-Ohrenstäbchen, einem japanischen Leucht-Ohrenlöffel und einem Extra-Spezial-Lichtleiter für andere Verwendungen im technischen Bereich". Die Endoskopbeleuchtung ist dimmbar. Schmalziges bleibt auch im 21. Jahrhundert attraktiv. Bühne frei für den Gehörgang. (bsc)