Internet-Gentests: Jedem seine DNA

Wie sinnvoll sind online bestellbare Genomanalysen? Während viele Wissenschaftler und Mediziner sie für nutzlos oder gefährlich halten, hat Misha Angrist, Dozent am "Institute for Genome Sciences and Policy" der Duke University eine etwas andere Meinung.

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  • Misha Angrist
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Misha Angrist doziert am "Institute for Genome Sciences and Policy" der Duke University in Kalifornien, wo er zuvor als wissenschaftlicher Redakteur arbeitete. Er nimmt derzeit selbst an einem groß angelegten Genom-Forschungsprojekt teil. In einem TR-Kommentar argumentiert er, dass der aufstrebende Gentest-Sektor trotz möglicher Gefahren nicht überreguliert werden sollte.

Im April schmiss das Start-up Navigenics in Manhattan eine ausschweifende Party, um einen jener neuen "Personal Genomics"-Dienste zu feiern, über die in der Presse in letzter Zeit so viel zu lesen ist. Sein ganz persönliches Risiko für 21 komplexe Krankheitszustände, die teilweise durch mehrere Gene mitbestimmt werden, soll man mit Hilfe des bei der Neugründung bestellbaren Gentest erhalten – von Diabetes bis Herzinfarkt. Ich selbst durfte mich über eine Gratis-Genotypisierung, die sonst 2500 Dollar kosten würde, freuen. Allerdings: Ohne dass die Anwesenden das wussten, hatte einige Tage zuvor das Gesundheitsministerium des Staates New York einen Warnbrief an Navigenics und 22 andere konkurrierende Firmen geschickt. Darin stand, dass sie, um ihre Dienste im Staat überhaupt anbieten zu dürfen, eine Genehmigung bräuchten. Dementsprechend durften die New Yorker Besucher der Navigenics-Party dann auch keine Genanalyse an sich vornehmen lassen.

In der Tat pfeift Navigenics und seinen Hauptkonkurrenten, das unter anderem von Google mitfinanzierte Start-up 23andMe und das isländische Unternehmen deCode, derzeit ein kalter Wind um die Ohren. Gesundheitsexperten und die zuständigen Behörden finden die angebotenen Dienstleistungen gar nicht komisch. Alle drei Firmen nutzen eine Genchip-Technologie, um das Genom des Kunden zu scannen – zu Preisen zwischen 1000 und 2500 Dollar. (Zuletzt bot 23andMe auch einen Sonderpreis von 400 Dollar an, weil man über einen neuen, billigeren Ausleseprozess verfüge.) Gesucht wird dabei stets nach DNA-Variationen, die in Studien zuvor mit Krankheiten in Verbindung gebracht worden sind oder die eine konkrete Aussage über angeborene Merkmale wie Augenfarbe oder Muskelstärke liefern könnten.

Wenn Menschen wüssten, welches Risiko sie für bestimmte Krankheiten haben, meint Navigenics-Mitbegründer Dietrich Stephan dazu, sei es ihnen möglich, sich darauf vorzubereiten und gute Vorsorgemaßnahmen zu treffen. "Beispielsweise mehr Sport zu treiben oder ihr Gehirn aktiv zu halten." Außerdem könnten sie sich dann über neue Therapieformen auf dem Laufenden halten.

Doch die Bereitstellung solcher Gentests direkt an Endkunden und ihr Verkauf über das Internet sorgen auch für viel Kritik von Experten aus Wissenschaft und dem Gesundheitswesen. Navigenics & Co. reagieren darauf, in dem sie in ihre Verträge ausdrücklich hineinschreiben, dass sie weder eine medizinische Dienstleistung anbieten noch ärztlich praktizieren. Kritiker sagen aber, dass die Gentests nicht nur eine medizinische Dienstleistung sind, sondern auch noch eine wirklich schlechte.

Im Januar erschien im renommierten "New England Journal of Medicine" ein Editorial mit dem Titel "Wenn das Genom aus der Flasche gelassen wird". Die angebotenen Internet-Gentests, schrieb das Fachblatt, seien nicht klinisch überprüft. Das bedeute, dass die Genauigkeit der angebotenen Risikoeinschätzungen zumindest zweifelhaft ausfalle. Außerdem könnten viele Kunden mit solchen Informationen schlicht nicht umgehen und wüssten dann nicht, wie man auf sie zu reagieren habe. Die Gentests führten zu unnötigen Ängsten – oder, schlimmer noch, zu falscher Sicherheit. Jemand, dessen Test anzeige, dass er für Diabetes nicht anfällig sei, werde dann womöglich seine Essensgewohnheiten negativ verändern oder weniger Sport treiben. Das Fazit des Journals: "Ärzte sollten ihren Patienten sagen, dass die über diese Dienste beziehbaren Informationen eigentlich nutzlos sind." Wer sich für seine genetischen Informationen interessiere, solle besser in einigen Jahren nochmals nachfragen.

Im Juni folgte dann Kalifornien den Maßnahmen New Yorks. Eine Unterlassungsanordnung ging an 13 Firmen, darunter erneut Navigenics, 23andMe und deCode. Der Bundesstaat beklagte insbesondere, dass die Firmen ihre Tests ohne ärztliches Rezept anböten. Ein Beamter der kalifornischen Behörde für öffentliche Gesundheit meinte gar, die Firmen "erschrecken viele Menschen zu Tode". Einige Firmen reagierten, in dem sie Beweise zu liefern versuchten, dass sie sich schon jetzt an kalifornisches Recht hielten. Andere stellten ihr Angebot in Kalifornien zumindest vorläufig ein.