Die selektive Löschung von Erinnerungen
Untersuchungen an Mäusen legen nahe, dass es eines Tages möglich sein könnte, schlechte Erfahrungen im Gehirn zu tilgen.
- Lauren Gravitz
US-Forschern ist es gelungen, durch die Verstärkung einer Chemikalie im Gehirn von Mäusen und das anschließende Hervorrufen einer gefestigten Erinnerung diese wieder aus dem Gedächtnis zu tilgen. Obwohl die entsprechende Untersuchung an genetisch veränderten Tieren vorgenommen wurde, die speziell auf den verwendeten Stoff ansprachen, zeigen die Ergebnisse doch, dass es eines Tages möglich sein könnte, ein Medikament zu entwickeln, mit dem sich spezifische Erinnerungen im Langzeitgedächtnis löschen lassen. Vorstellbar wäre die Nutzung beispielsweise bei Menschen mit schweren Phobien oder posttraumatischem Stresssyndrom.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten untersuchen Forscher den verwendeten Stoff bereits – ein Protein mit der englischen Bezeichnung Alpha-CaM Kinase II, das eine wichtige Rolle beim Lernen und dem Ablegen von Erinnerungen zu spielen scheint. Um das Protein besser zu verstehen, schuf Joe Tsien, Neurobiologe am Medical College of Georgia, eine Mäuseart, bei der sich die Empfindlichkeit für Alpha-CaM Kinase II selektiv aktivieren und deaktivieren lässt.
In seiner jüngsten Studie fand Tsien nun heraus, dass die Tiere bestimmte Erinnerungen aus ihrem Langzeitgedächtnis zu vergessen schienen, wenn das Protein in ihren Gehirnen besonders stark ausgeprägt war, während sie sie erneut abriefen. Der Forscher setzte die Versuchstiere zunächst in eine Kammer, in der die Tiere einen Ton hörten, auf den ein milder elektrischer Schock folgte. Die daraus resultierende Erinnerung: Die Kammer ist ein schlechter Ort und auf den Ton folgen Schmerzen.
Einen Monat später, als feststand, dass sich diese Erinnerung im Gehirn der Tiere gefestigt hatte, setzte Tsien die Tiere in eine schmerzfreie Kammer, verstärkte das Protein und spielte erneut den Ton. Die Tiere zeigten keinerlei Angst vor dem ursprünglich erschreckenden Geräusch. Wurden die Tiere jedoch in die ursprüngliche Kammer gesetzt, zeigten sie eine klassische Angstreaktion. Tsien hatte also einen Teil der Erinnerung (die an den Ton in Verbindung mit Schmerzen) getilgt, den Rest aber beibehalten. "Wir finden dabei die selektive Löschung besonders spannend", sagt Tsien. "Wir wissen, dass das Vergessen sehr schnell erfolgte und dass es durch die Erinnerung im Gehirn der Mäuse ausgelöst wurde."
Tsien gibt zu, dass die aktuelle Methode sich zwar nicht in den klinischen Bereich übertragen lässt. Dennoch zeige sie ein neues Potenzial für therapeutische Ansäte auf. "Unsere Arbeit macht deutlich, dass es möglich ist, induzierbar und selektiv Teile des Gedächtnisses zu löschen."
"Die Studie ist aus mehreren Perspektiven sehr interessant", meint Mark Mayford, der am kalifornischen Scripps Research Institute die molekulare Basis des Gedächtnisses untersucht. Er meint, dass aktuelle Behandlungsformen für die "Löschung" von Erinnerungen stets mit einer Langzeittherapie einhergingen, bei denen Patienten gebeten werden, sich in einer sicheren Umgebung an furchterregende Dinge zu erinnern, um die Verbindung zwischen Angst und Erinnerung mit der Zeit zu schwächen. "Es gibt deshalb ein großes Interesse daran, eine Möglichkeit zu entwickeln, diesen Vorgang mit einem Medikament oder anderen Ansätzen zu beschleunigen."
Eine solche Behandlung müsste das Gedächtnis so verändern, dass nur die Nervenzellen betroffen sind, die bei der Angstreaktion aktiv werden. "Das wäre ein sehr mächtiges Werkzeug", meint Mayford. Doch bevor es soweit ist, dürfte noch viel Forschungsaufwand notwendig sein. "Das menschliche Gedächtnis ist enorm kompliziert. Wir befinden uns gerade einmal am Fuß dieses Berges", meint Tsien. (bsc)