Organizer für das semantische Web
Das Start-up Radar Networks kombiniert ein Lesezeichen-Werkzeug mit künstlicher Intelligenz.
- Erica Naone
Viele Experten und Netz-Größen halten es für den nächsten großen Schritt in der Entwicklung des Internet: Das semantische Web, das Rechner die Bedeutung von Inhalten erkennen und verarbeiten lässt, anstatt sie einfach nur blind herunterzuladen. Das Interesse ist inzwischen auch bei IT-Riesen groß: So übernahm Microsoft erst kürzlich die semantische Suchmaschine Powerset. Allerdings ist bislang nur wenig von der Technologie auch beim Endkunden angekommen. Da ist es kein Wunder, dass es derzeit großes Interesse an Twine gibt, einem Web-Organizer, der speziell mit semantischen Ansätzen arbeitet und im vergangenen Monat gestartet wurde.
Entwickelt vom Start-up Radar Networks aus San Francisco, stellt sich Twine als Mischung aus Lesezeichen-Werkzeug, sozialem Netz und Empfehlungsmaschine da. Das Angebot hilft Nutzern, Online-Informationen aus ihren jeweiligen Interessensgebieten zu sammeln, sie zu managen und mit anderen zu teilen. Dabei wendet sich der Dienst vor allem an fortgeschrittene Nutzer, für Einsteiger ist der Funktionsumfang zunächst nicht ganz leicht erfassbar. Grob gesagt handelt es sich um einen Web-Organizer, der um semantische Technologien ergänzt wurde.
Nach der Erstellung eines Accounts zieht der Nutzer ein Bookmarklet in die Leiste seines Browsers. Damit lassen sich interessante Seiten mit einem Klick bei Twine erfassen. Außerdem lassen sich Lesezeichen direkt aus Firefox & Co. oder einem konkurrierenden Lesezeichen-Dienst übertragen.
Twine nutzt Verfahren aus der künstlichen Intelligenz – Algorithmen aus dem Bereich des maschinellen Lernens und der Verarbeitung natürlicher Sprache. Mit diesen Techniken werden die Inhalte einer Web-Seite analysiert und die grundlegenden Konzepte extrahiert – Personen, Orte, Organisationen und einiges mehr. Mit dem Ergebnis lassen sich dann Verbindungen zu bereits erfassten Informationen auf anderen Seiten herstellen, auch weitere Twine-Nutzer, die ähnliche Interessensgebiete haben, werden aufgefunden.
Erstellt man beispielsweise ein "Twine" zu einer Spezialtechnologie aus dem Bereich der Entwicklung von Computerspielen, bekommt man andere Lesezeichen-Sammlungen aus einem übergeordneten Bereich vorgesetzt – von anderen Techniken des Spieledesigns bis hin zu Games, die die erwähnte Spezialtechnologie verwenden. Außerdem werden einem andere Nutzer vorgestellt, die sich für ähnliche Themen interessieren. Twine kann außerdem automatisch Tags, Beschreibungen und Zusammenfassungen von abgelegten Web-Seiten erstellen. (In der Vorabversion funktionierte letzteres Feature allerdings noch nicht richtig, doch Radar Networks-Chef Nova Spivack sagt, dass dieses Problem vor dem öffentlichen Start nachgebessert worden sei.)
Twines bieten damit eine zentrale Anlaufstelle, um Informationen zu sammeln, miteinander zu teilen und zu diskutieren. Diverse Angebote sind bereits vorhanden – egal ob zu Musik im 20. Jahrhundert, Wissenschaft und Technologie, Philosophie oder zu sonstigen "coolen Dingen, die man im Web findet".
Oberflächlich wirkt Twine wie viele andere Social Networking-Anwendungen auch: Nutzer stellen Kontakte zu anderen Nutzern her, teilen Informationen und diskutieren miteinander. Künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen und die Verarbeitung natürlicher Sprache werden dem Nutzer auf den ersten Blick nicht bewusst. "Das semantische Web ist eine nützliche Technologie. Es ist aber ein Mittel zum Zweck und nicht der Zweck an sich", sagt Spivack. "Wir wollen den Nutzern mit diesem Release und auch in Zukunft stets zeigen, was man mit Twine machen kann. Dass da das semantische Web dahinter steckt, ist nur ein Detail für Geeks."
Jim Hendler, Professor für Computerwissenschaften am Rensselaer Polytechnic Institute und Mitglied im Twine-Beraterstab, glaubt allerdings, dass genau diese Nutzung des semantischen Web die Anwendung von anderen Social Networking-Angeboten abhebt. Das stimmt aber nur dann, wenn die Nutzer lernen, diese Technologien auch zu nutzen und den intelligenten Empfehlungen des Lesezeichen-Dienstes folgen. Es ist gut möglich, dass man diese Twine einfach als einen weiteren Web-Organizer verwendet, ohne die ausgetretenen Pfade zu verlassen.
Es wäre außerdem schön, wenn sich Twine für speziellere Anwendungsfälle nutzen ließe. Beispielsweise könnte es ideal zum Auffinden von Veranstaltungen aus einem bestimmten Interessensgebiet sein, etwa Rockbands aus einem interessanten Genre, die in einer bestimmten Stadt spielen. Doch das aktuelle Interface kann mit Daten nicht recht umgehen. Ein Twine-Kalender, der Veranstaltungen intelligent gruppiert, wäre deshalb eine logische Erweiterung. Spivack zufolge sind solche Funktionen und andere neue Ideen bereits in Entwicklung. Mit ihrer Ankunft und neuen Methoden, Daten zu klassifizieren, dürfte auch der Wert der in Twine enthaltenen semantischen Technologie deutlich sichtbarer werden. (bsc)