Die Befreiung des Spektrums
In den USA öffnet ein großer Mobilfunkanbieter erstmals sein Netz breit für alle interessierten Gerätehersteller. Doch wie viele Innovationen das hervorrufen wird, ist noch ungewiss.
- Erica Naone
Mobilfunkanbieter sind notorisch bekannt dafür, Geräte und Software genau zu kontrollieren, die sie in ihre Netze lassen. Apples iPhone funktioniert beispielsweise in Deutschland nur bei T-Mobile, in den USA nur bei AT&T. Ein großer amerikanischer Netzbetreiber plant nun aber, bald einen wesentlich offeneren Ansatz zu fahren – und Gerätehersteller und Anwendungsentwickler auf der ganzen Welt schauen hin.
Grund für die vorsichtige Netzöffnung sind regulatorische Vorgaben. Im März zahlte Verizon Wireless insgesamt 9,63 Milliarden Dollar für das Recht, Frequenzen zu nutzen, die frei werden, sobald das analoge US-Fernsehen 2009 abgeschaltet wird – der so genannte C-Block um 700 Megahertz. Die 108 Einzellizenzen, die Verizon erwarb, wurden unter der Bedingung erteilt, dass das Netzwerk für alle Geräte offen ist – und nicht nur für die eines einzelnen Mobilfunkanbieters. Doch schon vor der Ersteigerung des C-Blocks hat der Netzbetreiber versucht, ein Image der Offenheit zu projizieren.
Tony Lewis, Vizepräsident für den Bereich "Open Development" bei Verizon Wireless, sprach auf der Mobile Internet World in Boston im Oktober über die konkreten Pläne des Unternehmens. Das Vorhaben ist vergleichsweise ambitioniert für die Europa oft hinterher hinkende US-Mobilfunkbranche. Eine neue Generation von Geräten soll das Netz nutzen können. Klar ist aber auch, dass die Öffnung nur unter Verizons Bedingungen stattfinden wird – und jedes einzelne Stück Hardware zertifiziert werden muss. "Wenn man sich ansieht, was "offen" hier eigentlich bedeutet, erkennt man schnell, dass es keine klare Definition hat", versucht Lewis zu beschwichtigen. Ihm sei deshalb besonders wichtig, verständliche Regelungen zu finden. "Wenn ich im Geschäft erfolgreich sein will, muss ich das tun."
Lewis erläuterte weiter, dass Verizon ein eigenes System für die Genehmigung von Geräten Dritter entwickeln werde, das parallel zu den eigenen Prozessen arbeiten soll. Neben den üblichen Handys erwartet der Verizon-Manager eine "Explosion von Geräten", die das Mobilnetz nutzen könnten – von der Industriemaschine bis zum Haushaltsgerät. Das soll neue Märkte über den Mobiltelefonsektor hinaus erschließen, der auch in den USA weitgehend gesättigt ist.
"Es geht darum, alles mit dem Netz zu verbinden, was möglich ist", meint Lewis. Vorstellbar seien beispielsweise Gesundheitsmonitore, die überwachten, ob ein älterer Patient seine Medizin zu den vorgeschriebenen Zeiten einnimmt und Familienmitglieder alarmiert, wenn das nicht der Fall ist. Haushaltsgeräte könnten automatisch einen Reparaturdienst anfordern, wenn wichtige Teile ausfallen. Auch der "intelligente Kühlschrank", der Nachschub bestellt, sobald einmal wichtige Nahrungsmittel ausgehen, sei denkbar.
Das erste Gerät, das den Verizon-Zertifizierungsprozess erfolgreich abgeschlossen hat, ist ein einfacherer aber sehr praktischer Sensor. Hergestellt vom Anbieter SupplyNet, überwacht er, ob eine Flüssigkeit in einem Tank ein bestimmtes Niveau unterschritten hat. Dann wird ein Alarm versendet, um die Nachfüllung einzuleiten. Bernie Crump, Marketing-Vizepräsident bei der Firma, meint, dass seine SupplyNet Verizon vor allem deshalb ausgewählt habe, weil der Provider eine gute Netzabdeckung in ländlichen Regionen besitze, wo seine meisten Kunden säßen. Der Zertifizierungsprozess habe nur eine Woche gedauert – deutlich weniger als die 12 bis 18 Monate, die bei anderen Drahtlosgeräten entstehen können, die in geschlossenen Netzen funken. Allerdings sei der Zugriff über andere Netzwerke mitunter billiger.
Verizon ist nicht der einzige Mobilfunkanbieter, der seine Plattform künftig stärker öffnen will. Im Oktober startete T-Mobile in den USA den Verkauf des ersten Handys für die Google-Plattform Android, ein Betriebssystem, das den Entwicklern einen breiten Zugriff auf die Hardware ermöglicht. Anfang des Jahres kaufte Nokia das konkurrierende Symbian-Betriebssystem und will es nun zu einem Open-Source-Projekt machen. Bill Plummer, Vizepräsident bei Nokia Amerika, glaubt, dass vor allem das offene Internet, das jedes Gerät und jede Software zulässt, die Mobilfunker motiviert habe, etwas mehr Kontrolle abzugeben. Bislang sei nur die Vision eines solchen offenen Drahtlosnetzes vorhanden gewesen, doch die Bausteine hätten gefehlt. Heute sorge die weit verbreitete Nutzung von Smartphones mit besseren Datenfähigkeiten dafür, dass die Industrie ein Umfeld schaffen müsse, das mehr an das "richtige" Internet erinnere.
Harold Feld von der Nonprofit-Organisation Media Access Project, die sich für einen universellen und diskriminierungsfreien Zugriff auf Informationen ausspricht, hält die Pläne von Verizon allerdings noch nicht für weitgehend genug. Man müsse sich das Vorgehen genau ansehen. "Das Problem ist, dass da noch vieles in der Luft hängt." Verizon als Firma habe die Richtung, in die die US-Regulierungsbehörden gehen wollten, stets gut erkannt, dann aber oft versucht, sie zu eigenen Konditionen umzusetzen. Beispielsweise könne es sein, dass das Unternehmen erst dazu gedrängt werden müsse, mehr Endkundengeräte in sein neues 700 MHz-Netz zu lassen. Ansonsten bliebe bei der Wettbewerbsfreiheit. Kein Wunder, dass Lewis auf der Mobile Internet World vor allem von der Kommunikation zwischen Maschinen sprach. Feld glaubt außerdem, dass sich die Position von Verizon im nächsten Jahr nochmals ändern könne, wenn die neue US-Regierung an der Macht sei. (bsc)