Zauberformel für die Börse

Anlageentscheidungen strikt nach Unternehmenskennzahlen zahlen sich aus, wie mehrere Studien belegen. Trotzdem wird dieses „Value Investing“ nur von einer Minderheit betrieben – ansonsten würde es auch gar nicht funktionieren.

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Von
  • Ralf Grötker

Bis vor Kurzem hatte Susan Levermann einen Job, um den man sie beneiden könnte: Sie arbeitete für die größte deutsche Fondsgesellschaft DWS, um die drei Milliarden Euro lagen dort in ihren Händen, die von ihr betreuten Fonds konnten mehrere Branchenauszeichnungen einheimsen. Zwischen 50000 und 100000 Euro im Jahr verdient jemand wie Susan Levermann bei der DWS; dazu kommt ein Bonus, der zwischen einem halben Grundgehalt und einem Vielfachen davon liegt.

Doch nach acht Jahren bei der DWS hat die 35-jährige Fondsmanagerin in diesem Frühjahr gekündigt. „Ich glaube nicht mehr daran, die Zukunft der Aktienkurse vorhersehen zu können“, sagt sie. Stattdessen hält sie es mit den einfachen Regeln des „Value Investing“. Damit ist nicht nur ein Anlagestil verbunden, sondern eine ganze Lebensphilosophie: Value-Investoren fragen nicht danach, ob die Kurse gerade rauf oder runter gehen. Sie verfolgen nicht einmal unbedingt Nachrichten. Überhaupt: Zu viel Action ist ihnen suspekt. Alles, was sie interessiert, ist die Antwort auf eine einfache Frage: Würde ich das gesamte Unternehmen zu dem Preis kaufen, der sich aus dem aktuellen Aktienkurs ergibt? Erfunden wurde die Methode von Benjamin Graham und David Dodd. 1934 veröffentlichten die beiden ihr Buch „Security Analysis“, das zur Bibel der Value-Investoren wurde. Seitdem hat die Methode Generationen von Anlegern geradezu radikalisiert. Dabei verspricht Value Investing etwas, das es eigentlich gar nicht geben kann: eine Zauberformel für die Börse. Denn tatsächlich zeigen Studien, dass dieser Ansatz über längere Zeiträume bessere Ergebnisse liefert als ein Vergleichsindex. Trotzdem wird er von professionellen Anlegern erstaunlich selten konsequent verfolgt – und das ist sogar gut so, denn wenn alle darauf setzen würden, würde er schnell seine Renditevorteile verlieren.

Einer der bekanntesten deutschen Vertreter des Value- Ansatzes ist Hendrik Leber, Gründer und Chef der Frank- furter Fondsgesellschaft Acatis. Er hat vor einiger Zeit rund fünfzig wissenschaftliche Untersuchungen zum Erfolg von verschiedenen Value-Strategien ausgewertet. Um den wahren („inneren“) Wert der betrachteten Unternehmen zu kalkulieren, wurden in den Studien verschiedene Hilfsindikatoren wie Kurs-Gewinn-Verhältnis (siehe Glossar S. 50), Kurs-Umsatz-Verhältnis, Dividendenrendite und andere Größen zugrunde gelegt. Das Resultat: Mit Value-Strategien auf der Grundlage solcher Kennzahlen wären von 1926 bis 1998 im Durchschnitt 7,5 Prozent mehr... (bs)