Wunderwaffe gegen Fettleibigkeit

Ein neuer Wirkstoff zeigt im Tierversuch eine kombinierte Wirkung aus Gewichtsreduktion und besserer körperlicher Leistungsfähigkeit, ohne dass eine Diät eingehalten werden müsste.

vorlesen Druckansicht
Lesezeit: 6 Min.
Von
  • Brittany Sauser

Ein Medikament, das die gesundheitlichen Vorteile einer Diät mit den üblicherweise nach sportlicher Betätigung auftretenden körperlichen Leistungssteigerungen kombiniert, nähert sich der Realisierbarkeit. Mäuse, denen eine fett- und kalorienreiche Ernährung bei gleichzeitigem Auslaufverbot verabreicht wurde, waren vor Gewichtszunahme und Stoffwechselerkrankungen geschützt, wenn sie gleichzeitig einen Wirkstoff einnahmen, der Gene beeinflusst, die bei Säugetieren die Lebensdauer mitbestimmen, berichten europäische Forscher.

Der Wirkstoff wurde im letzten Jahr von Sirtris Pharmaceuticals aus dem amerikanischen Cambridge entwickelt. Vorläufige Studien der Zusammensetzung zeigten, dass sie erfolgreich zur Behandlung des Mäusemodels von Typ-2-Diabetes eingesetzt werden konnte, einer Krankheit, die dazu führt, dass der Körper Insulin nicht mehr ausreichend produzieren oder verarbeiten kann. Das Risiko für Typ-2-Diabetes steigt mit zunehmendem Alter. Ein Forscherteam unter der Leitung von Professor Johan Auwerx an der Ecole Polytechnique Federale de Lausanne (EPFL) in der Schweiz demonstrierte nun, dass der Wirkstoff namens SRT1720 auch eine Gewichtszunahme und damit verbundene Erkrankungen verhindern kann. Außerdem erhöhte er die Leistungsfähigkeit der Muskeln der Tiere.

In der Studie fütterten die Forscher die Mäuse mit der erwähnten Fettdiät, die selbst für einen Menschen extrem gewesen wäre, und kombinierten diese mit 100 beziehungsweise 500 Milligramm SRT1720 pro Kilogramm Körpergewicht – insgesamt zehn Wochen lang. Dabei durften sich die Nager nicht regelmäßig bewegen, allein ihre körperliche Leistungsfähigkeit wurde regelmäßig in einem Laufrad überprüft. "Die Mäuse, die mit dem Wirkstoff behandelt wurden, liefen deutlich länger", sagt Auwerx. Das Medikament schützte die Tiere außerdem vor den negativen Auswirkungen ihrer kalorienreichen Ernährung: Stoffwechselerkrankungen, andere mit Fettleibigkeit einhergehende Störungen sowie Insulinresistenz. Das Medikament verbesserte sogar ihren Cholesterinspiegel.

Bedeutsam an diesen Ergebnis sei vor allem, dass SRT1720 offenbar die Auswirkungen einer kalorienreduzierten Diät zu simulieren scheine, meint William Evans, Professor für geriatrische Medizin, Ernährung und Physiologie an der University of Arkansas for Medical Sciences. Von dieser sei bereits bekannt, dass sie die Lebensdauer verlängern könne.

Es sei in etwa so, als würde man eine "Sofakartoffel"-Maus einem strikten Diät- und Sportprogramm aussetzen, meint David Sinclair, Biologe an der Harvard Medical School und einer der Gründer von Sirtris, der an der aktuellen Studie nicht beteiligt war. Die Erkenntnisse seien "ein wichtiger Schritt vorwärts, der zeigt, dass wir leistungsfähige, medikamentenähnliche Moleküle entwickeln und synthetisieren können, die den Alterungsprozess verlangsamen", sagt er.

Die Auswirkungen von SRT1720 ähneln denen von Resveratrol, einem Molekül, das sich in Rotwein befindet und das sich schon in früheren Studien als Lebensverlängerer und Gesundheitserhalter bei Mäusen erwiesen hat. SRT1720 ist dagegen allerdings rund 1000 Mal potenter, so dass es in kleineren Dosen eingenommen werden kann. Ein Mensch müsste schon Hunderte Gläser Wein trinken, um die gleichen Vorteile aus Resveratrol zu ziehen, sagt Auwerx. Entsprechende Nahrungszusätze existieren bereits auf dem Markt, doch ihre Wirksamkeit ist umstritten. "Resveratrol wird bald wie eine mittelalterliche Technologie wirken", meint Sinclair.

Die Ergebnisse der neuen Studie, die in der Novemberausgabe von "Cell Metabolism" zu finden sind (Feige, J. Cell Metabolism, Nov. 5, 2008; vol 8: pp 347-358.), beantworten außerdem eine wichtige wissenschaftliche Frage: Ob Forscher, die nach Methoden suchen, den Alterungsprozess aufzuhalten, das richtige Zielgen gefunden haben.

SRT1720 konzentriert sich wie Resveratrol auf ein Gen namens Sirtuin 1 oder kurz SIRT1, von dem viele Forscher annehmen, dass es eine wichtige Rolle bei der Regulierung der Lebensdauer des Organismus spielt. SIRT1 enthält den Schlüssel zu einer Klasse von Proteinen, die sich Sirtuine nennen. Sie besitzen eine zentrale Kontrollfunktion für die Energiekraftwerke jeder einzelnen Zelle, den Mitochondrien. "Wenn die Mitochondrien unter Hochdruck arbeiten, ist das die beste Therapie gegen Diabetes und Fettleibigkeit, weil alle Zusatzenergie verbrannt wird, anstatt sie zu speichern", meint Auwerx.

Im Gegensatz zu SRT1720 greift Resveratrol nicht spezifisch in die SIRT1-Abläufe ein, weswegen Forscher lange Zeit hinterfragten, ob die positiven Auswirkungen des Stoffes bei Mäusen tatsächlich durch die SIRT1-Aktivierung erfolgen oder ein anderer Signalweg aktiviert wird.

Die Tatsache, dass eine zweite Chemikalie das gleiche Gen aktiviert und dennoch ähnliche Resultate erzielt, legt nahe, dass die im Versuch entdeckten Stoffwechselverbesserungen mit SIRT1 zu tun haben, glaubt der MIT-Biologe Leonard Guarente, in dessen Labor das Sirtuin 1-Gen erstmals entdeckt wurde. Er sitzt auch im wissenschaftlichen Beirat von Sirtris und kennt die Schweizer Studie. "Das ist ein sehr wichtiges Ergebnis. Es zeigt, dass SIRT1-Aktivatoren gute Kandidaten sind, um einen Wirkstoff zu finden, der beim Menschen gegen Diabetes wirkt." SIRT1 könne außerdem für andere Alterserkrankungen angegangen werden. "Das wäre dann eine Art Wunderwaffe."

"Die Wissenschaft konzentriert sich derzeit auf die Mitochondrien als die wichtigsten Organellen in Muskelzellen, die das Risiko von Diabetes, Bluthochdruck und anderen Erkrankungen bei alten Menschen beeinflussen", sagt Evans. "Dieser Wirkstoff könnte ein weiteres Werkzeug werden, das wir verwenden könnten, um diese Probleme zu beeinflussen. Das ist eine sehr spannende neue Entwicklung."

Sinclair sagt, dass ein verwandtes Molekül von SRT1720, das noch potenter sein soll, derzeit am Menschen erprobt wird und bereits 2009 in klinischen Studien als Behandlungsmöglichkeit gegen Krankheiten wie Typ-2-Diabetes eingesetzt werden könnte. "Wir könnten schon im nächsten Jahr erfahren, ob die gleichen Vorteile, die wir bei Mäusen beobachten, auch beim Menschen zu erwarten sind." (bsc)