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Warum sich über 23.000 Menschen dafür interessieren, dass Justine Ezarik gerade einen Keks verspeist hat.

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Lesezeit: 15 Min.
Von
  • Emily Gould
Inhaltsverzeichnis

Die 24jährige Justine Ezarik, die man im Netz nur unter dem Namen "iJustine" kennt, springt auf meinem Bildschirm herum. Sie trägt ein Tank Top in Pink und ihr platinblondes Haar, sonst makellos glatt, zerzaust immer mehr, während sie sich aus irgendwelchen Gründen in Trance tanzt. Ich habe den Ton meines Rechners abgedreht, deshalb weiß ich nicht, was genau ihre dick mit Make-up umgebenen Augen so groß werden lässt, was genau dafür sorgt, dass sie ihren Kopf hin und her bewegt wie ein Hündchen und warum sie nun gerade eben einen Kussmund formt. Mein Freund schaut auf meinen Bildschirm, während er an mir vorbei in die Küche läuft, bleibt abrupt stehen und starrt auf Ezarik. "Wann zieht sie wohl ihr Top aus?", fragt er nach einer Minute.

Ein paar Tage später sagt mir Ezarik am Telefon von ihrem neuen Heim in Los Angeles aus, dass Frauen, die "im Technologiebereich" arbeiten, stets benachteiligt seien: "Die Leute wollen uns einfach nicht ernst nehmen". Die quietschvergnügte Stimme erkenne ich aus ihrem Video (in dem es übrigens um den für sie frustrierenden Austausch mit einem zimperlichen Kellner ging, der ihr keinen Cheeseburger verkaufen wollte). "Wenn wir beispielsweise auf einer Konferenz auf dem Podium sitzen, nehmen uns die Leute nicht für voll." Sie sei doch ihr Leben lang im Technologiesektor unterwegs. "Ich war das einzige Mädchen im Informatikunterricht an der High School. Deshalb schauen jetzt viele jüngere Girls zu mir auf, weil sie sich mit diesem ganzen Zeug beschäftigen wollen, um ihr volles Potenzial auszuschöpfen."

Mit "diesem Zeug" meint Ezarik das Videoblogging über Gadgets und Social Networking-Angebote, nicht das Große-Augen-machen, das Kreischen oder die Tatsache, dass sie stets sicherstellt, dass ihr Dekollete im Bild ist. Doch man müsste schon noch naiver schauen als iJustine es manchmal tut, um zu glauben, dass letztere Fähigkeiten ihr nicht dabei geholfen hätten, im New Media-Bereich zu einer kleiner Berühmtheit zu werden. So sehr man sie deshalb auch meinetwegen nicht für voll nimmt.

Denn iJustine ist ein Internet-Star. Eine Woche, nachdem das Cheeseburger-Video online gestellt wurde, haben es auch schon 600.000 Nutzer auf YouTube angesehen. Das ist allerdings nichts gegenüber den mehr als 1,3 Millionen Abrufen, die das berühmteste von iJustines 168 YouTube-Videos erreichte: "Die iPhone-Rechnung". (Darin zeigt sie einfach nur ihre 300-seitige Monatsrechnung für das Apple-Smartphone, scheinbar völlig außer sich – der Streifen ist wie ihr übriges Standard-Oeuvre nur etwas mehr als eine Minute lang.) Ihr Online-Kanal iJustine.tv auf dem User-Generated-Video-Angebot Justin.tv, in dem sie sechs Monate lang ihr Leben mit Hilfe einer Kamera an ihrer Baseballmütze online stellte (nahezu 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche), gehört dort immer noch zu den populärsten Inhalten.

Ezarik ist nur ein Beispiel für eine neue Gattung scheinbar vollständig selbst geschaffener Berühmtheiten im Netz. Wie meine Freundin Julia Allison, deren Online-Selfpromotion ihr kürzlich das Titelbild des "Wired"-Magazins einbrachte, ist iJustine die Web 2.0-Version des "American Everygirl" mit gebleichten Zähnen und falscher Bräune, das seit gut einem Jahrzehnt durch das Reality-TV geistert. Doch Ezarik wartete nicht darauf, bis ein Fernsehsender sie castets, sie hielt die Kamera einfach auf sich selbst und kontrollierte dabei jeden kleinsten Aspekt ihrer Selbstdarstellung. Und obwohl es ihre Masche zu sein scheint, nur alltägliche Dinge ins Netz zu stellen, ist sie dabei doch mindestens so engagiert dabei wie ein Produzent einer Reality-Serie, der eine Marke aufbaut, formt und bewahrt. "Ich glaube, dass iJustine so eine Art Persona geworden ist", erklärt sie, "es ist ja nicht so, dass ich nicht rausgehe und einen trinke und irgendetwas schräges mache. Aber das würde ich nie vor der Kamera. Und wenn ich fluche, ich schwöre es Dir, lege ich einen Piepston drüber. Ich versuche, alles sauber zu halten. Denn: Wenn es meiner Großmutter nicht gefällt, mache ich es nicht. Denn die ist wahrscheinlich einer meiner größten Fans."