Der allgegenwärtige Obama

Das Team des designierten US-Präsidenten testet Web-Werkzeuge, die die Regierungsarbeit künftig deutlich verändern könnten.

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Von
  • David Talbot

Nachdem Barack Obama den ehemaligen demokratischen Mehrheitsführer im US-Senat, Tom Daschle, zum Gesundheitsminister nominiert hatte, dachte sich das Team des designierten amerikanischen Präsidenten etwas ganz besonders aus: Es lud die Bevölkerung dazu ein, Vorschläge zur künftigen Gesundheitspolitik auf der Website Change.gov abzugeben. Das pünktlich zum Machtwechsel in Washington eingerichtete Angebot erhielt innerhalb kürzester Zeit fast 4000 Kommentare von Nutzern, die Daschle und einer seiner Berater dann per Videobotschaft beantworteten.

Das ist nur ein erster Vorgeschmack auf die Web-zentrierte Kommunikationsstrategie von Barack Obama und seinem Team – es sind nur noch wenige Wochen bis zu seiner Vereidigung am 20. Januar in Washington und bereits jetzt sind diverse weitere Internet-Aktionen geplant.

Gleichzeitig arbeitet das Obama-Team an einer allgemeinen New Media-Strategie des neuen Präsidenten. Noch sind erst wenige Details bekannt. Klar ist allerdings bereits, dass der künftige US-Machthaber eine riesige Datenbank mit detaillierten Angaben zu seinen Anhängern (und der US-Wählerschaft an sich) zur Verfügung haben wird. Sie wurde im Wahlkampf gesammelt, dort erstmals erfolgreich eingesetzt und enthält unter anderem Angaben über die politischen Ansichten der Bürger und eventuell bereits geleistete Freiwilligeneinsätze für das Obama-Team.

Als erstes dürfte nun die Wechsel-Webseite Change.gov weiter ausgebaut werden. Jascha Franklin-Hodge, Mitbegründer von Blue State Digital, der Internet-Politikberatung, die bereits die "Social Networking"-Aspekte von barackobama.com koordiniert hat und nun für das neue Angebot tätig ist, betont den dabei verwendeten kreativen Ansatz. "Das Obama-Team wollte die Website stets für die besten Ideen offen halten. Das gilt auch für die verwendete Technologie." So stammt die Kommentarplattform für Daschles Feedback-Forum vom Spezialanbieter IntenseDebate. "Es gibt noch ein paar andere Werkzeuge von Drittanbietern, die wahrscheinlich in das Angebot integriert werden", kündigt Franklin-Hodge an.

Die Administration plant außerdem eine Art digitales Album für Unterstützer, eine große Online-Hommage. Kurz nachdem Obama gewonnen hatte, lud Change.gov seine Mitstreiter ein, Geschichten über ihre Erlebnisse während der Kampagne einzureichen. "Sie werden nun zusammengestellt und als Teil der Amtseinführung verwendet. Es sind Geschichten, die erzählen, wie wertvoll der einzelne Freiwillige für den Sieg Obamas war", erklärt Thomas Gensemer, Managing Partner bei Blue State Digital. Man könne sich das fast wie ein Jahrbuch vorstellen. "Obamas Leute sammeln eine riesige Menge persönlicher Inhalte. Es ist also sehr sinnvoll, ein Online-Archiv davon zu erstellen."

Außerdem wird der designierte Präsident versuchen, Online-Kontakte zu seinen Unterstützern zu halten. Das geschieht unter anderem durch eine E-Mail-Liste mit 13 Millionen Empfängern – der größten in der politischen Geschichte der USA.

Sollte Obama auf längere Sicht vorhaben, seine zahlreichen Unterstützer zu einem Werkzeug seiner Politik zu machen, stünde ein großes Arsenal an technischen Möglichkeiten parat. Listen von Wählern, die einst nur aus Excel-Tabellen lückenhaften Ausmaßes bestanden, sind inzwischen zu regelmäßig aktualisierten, digitalen Schatzkästlein geworden, die man von überall per Web-Schnittstelle erreichen kann. Große Teile dieser Überarbeitung nahm die demokratische Organisation Voter Activation Network (VAN) in den letzten Jahren vor.

VANs Front End-Software wurde von der Obama-Kampagne bereits genutzt. Jeder, der das soziale Netzwerk my.barackobama.com nutzte, um als Helfer vor dem Wahltag unentschlossene Wähler anzurufen, nutzte die Schnittstelle des Anbieters – die Wählerlisten kamen von VAN-Servern. Erhielten die Freiwilligen dann zusätzliche Informationen von den Wählern, etwa wen sie wählen wollten und welche Positionen sie zu welchen Themen hatten, konnten diese Daten dann gleich weiter verfeinert werden. Die Informationsbasis wuchs also ständig. "Die große Frage ist nun, wie man diese organisatorischen Möglichkeiten im Wahlkampf für andere Dinge verwendet – für das Regieren oder für die Durchsetzung von Gesetzesvorhaben", sagt VAN-Gründer Mark Sullivan. Obwohl er selbst nicht weiß, was die Obama-Administration konkret plant, sagt er voraus, dass sich hier in den nächsten Jahren einiges tun wird. "Die Leute werden mit Hilfe ganz neuer Methoden regieren – und zwar in Kommunikation mit den Menschen, die regiert werden."

Man stelle sich etwa den Fall eines Kongressmitglieds vor, das sich gegen ein neues Obama-Gesetz im Gesundheitsbereich stemmt. Diese Person dürfte dann arm dran sein: Beispielsweise könnten Unterstützer der Obama-Regierung die VAN-Datenbank dann verwenden, um Listen registrierter Wähler zu erhalten, die nicht nur im Wahlkreis des Abtrünnigen wohnen, sondern sich stark für die vom neuen Präsidenten versprochene Gesundheitsreform interessieren. Die Datenbank könnte sogar anzeigen, wer sich besonders gut als Vorkämpfer der Sache eignen würde – basierend auf Spendenmustern oder früheren Freiwilligeneinsätzen. Daraus würde sich dann eine geschickte Strategie ergeben, wie gegen den Abweichler Stimmung gemacht werden kann.

Das Obama-Team und seine Unterstützer könnten auch in andere Datenbanken hineinschauen, wie etwa die des Dienstleisters Catalist. Die vom ehemaligen stellvertretenden Bill Clinton-Stabschef Harold Ickes gegründete Firma sammelt detaillierte Angaben zu zahllosen progressiven Organisationen in den USA und ermöglichen es Politikern, den Wählergeschmack ganz genau zu analysieren – und herauszufinden, wie sich dieser an der Urne und bei der Unterstützung bestimmter Themen auswirkt. "Ab Januar werden Obama und sein Team sich auf die großen Gesetzesvorhaben konzentrieren, die ihr Programm ausmachen – das Konjunkturpaket, die Gesundheitsreform und vieles mehr. Obama denkt dabei nicht gerade in kleinen Dimensionen – und wenn man das tut, muss man die Menschen mobilisieren können", sagt Ickes. Mit einer Lösung wie der von Catalist könne man jeder Gruppe eine zielgerichtete Botschaft schicken, egal ob telefonisch, per SMS oder per E-Mail. "Das ist ein enorm mächtiges Werkzeug". (bsc)