Recherche auf Empfehlung

Zwei deutsche Doktoranden waren nicht zufrieden mit den Möglichkeiten zur Literatur-Suche im Internet - und wollen sie jetzt als Unternehmer verbessern.

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Von
  • Gordon Bolduan

Für die Freundin in Hamburg und die Doktorarbeit in Weimar hat Victor Henning nur noch am Wochenende Zeit, denn neuerdings hält er sich meistens in London auf: Er muss sich dort um sein Start-up namens "Mendeley" kümmern. Der Name des Unternehmens ist eine Anspielung auf Dmitri Mendelejew. So wie der russische Wissenschaftler 1869 die chemischen Elemente klassifizierte und damit die Grundlage für das heutige Periodensystem schuf, soll Mendeley wissenschaftliche Aufsätze ordnen.

Seit Anfang August können Forscher mit der gleichnamigen kostenlosen Software ihre auf dem PC abgespeicherten Papers verwalten: Wenn sie einen Artikel im PDF-Format in ein Fenster der Software ziehen, extrahiert sie daraus automatisch Angaben wie Autor, Titel, Publikationsjahr, Journal und zitierte Referenzen und generiert eine Artikel-Datenbank, die sich durchsuchen und verschlagworten lässt; auch Exporte in Bibliografie-Standardformate wie Bibtex sind möglich.

Ein weiterer Mausklick genügt, um die PDF-Sammlung auf einer separaten Webplattform zu speichern, die als eine Art Facebook für Forscher organisiert ist. Von überall her können Wissenschaftler damit auf ihre Online-Bibliothek zugreifen und Änderungen vornehmen, die sich leicht mit der Datenbank auf dem PC synchronisieren lassen. Gleichzeitig können sie Kontakte aufbauen und pflegen.

Von Anfang 2009 an soll Mendeley zudem die Daten aus den hochgeladenen Artikeln als Basis für ein Vorschlagssystem nutzen, das auf verwandte Papers aufmerksam macht – ähnlich wie beim Hinweis "Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch:ˇ..." des Online-Händlers Amazon.

Die Idee zu Mendeley entwickelte Henning, als er seine Psychologie-Promotion in Weimar anging. Bei der Literaturrecherche stellte er fest, dass ihn Meta-daten wie das Renommee eines Journals mehr interessierten als die nackten Fakten wie Schlüsselwörter oder Namen, die in normalen Literatur-Datenbanken verzeichnet sind. Zusammen mit seinem Studienfreund Jan Reichelt verfolgte er die Idee weiter. Ihr erster Gedanke: eine "visuelle Wissenschaftssuchmaschine" im Netz. Das Problem dabei waren allerdings die Urheberrechte an den Online-Dokumenten und fehlende freie Programmierschnittstellen für die einschlägigen Datenbanken.

"Deshalb entwickelten wir einfach einen Desktop-Client, der die Metadaten lokal abgreift", berichtet Henning. Schließlich hätten Forscher oft ohnehin schon Hunderte von Artikeln auf ihrem Rechner. Um die Realisierbarkeit zu überprüfen, vergab Reichelt, selbst Doktorand, eine Diplomarbeit mit dem Thema "Automatische Metadaten-Extraktion aus wissenschaftlichen Artikeln". Wenige Monate später hatten es die beiden schriftlich: Die Idee kann funktionieren.

Zusammen mit dem Informatiker Paul Föckler gründeten sie ein Unternehmen und gaben die externe Entwicklung eines Protoypen in Auftrag. Als das Eigenkapital von 45000 Euro knapp wurde, wendeten sich Reichelt und Henning an ihren früheren Dozenten Stefan Glänzer. Glänzer – zuvor Gründer des ehemals börsennotierten Ebay-Klons Ricardo.de – war inzwischen Vorstandsvorsitzender von Last.fm, einem Online-Radiosender mit 20 Millionen Nutzern, der Musikstücke nach dem Prinzip sozialer Netze und persönlicher Hörgewohnheiten vorschlägt. Die Idee stieß bei ihm auf offene Ohren – er bereitete nämlich gerade seinen Abschied bei Last.fm vor.

Im September 2007 stieg Glänzer bei Mendeley ein und schlug London als Standort vor, da hier auch das notwendige Kapital leichter zu bekommen sei. Tatsächlich schaffte es das Team, das Interesse der vier Gründer von Skype zu gewinnen, und sicherte sich finanzielle Unterstützung durch deren Fond "Ambient Sound Investments" (ASI). Über die Höhe schweigt sich Henning aus, lässt aber durchblicken, dass das Geld noch locker für ein Jahr reicht.

Das Finanzpolster kann Mendeley gut gebrauchen, denn Konkurrenz gibt es reichlich. "Academici" existiert bereits seit 2005, im vergangenen Mai starteten die Forscher-Netzwerke "Epernicus" und "Graduate Junction". Neben diesen bieten noch 18 weitere Dienste den Austausch mit Forscher-Kollegen an, einige widmen sich sogar explizit dem Wissens- und Dokumentenmanagement.

ASI-Direktorin Eileen Broch zeigt dennoch keine Zweifel am Erfolg: "Mendeley ist nicht nur ein weiteres Social Network, sondern eine wirkliche Integration von Software- und Web-Technologien." Roman Friedrich, Deutschland-Geschäftsführer der Strategieberatung Booz & Company, ist schon skeptischer: "Ein soziales Netzwerk lebt davon, dass es die Wasserstelle für die angesprochene Gruppe ist", erklärt der promovierte Physiker. Mendeley müsse es in den nächsten Monaten schaffen, die Bedürfnisse der Akademikerwelt zu verstehen und so umzusetzen, dass der Mehrwert ersichtlich sei.

Alles, was bisher kostenlos ist, soll es auch bleiben. Geld will Mendeley nur für Premium-Dienste wie besonders aufwendige Analysen der Metadaten verlangen, zusätzlich will es an individualisierter Werbung verdienen. Bisher haben sich rund 700 Anwender die Verwaltungs-Software heruntergeladen, 537 davon meldeten sich beim zugehörigen Netzwerk an, um dort 4235 Artikel abzulegen. (bsc)