Weniger Kalorien fĂĽr ein besseres Gehirn
Eine Untersuchung der Uni Münster legt nahe, dass eine kontrollierte Nahrungsreduktion bei älteren Menschen die Gedächtnisleistung steigern könnte.
- Courtney Humphries
Es ist seit längerem bekannt, dass eine verringerte Kalorienaufnahme bei bestimmten höheren Tierarten wie Mäusen lebensverlängernd und gesundheitsfördernd wirken kann – auch was den Allgemeinzustand im höheren Alter anbetrifft. Menschen, die glauben, dass diese Technik auch bei unserer Art hilft, versuchen sich bereits selbst aktiv daran und setzten auf so genannte Niedrigkaloriendiäten. Allerdings fehlte es bislang stets an stichhaltigen Beweisen für eine Übertragbarkeit vom Tier zum Menschen.
Eine neue Studie der Universität Münster gibt den Asketen nun Auftrieb: Sie zeigte, dass ältere Erwachsene, die ihre Kalorienzufuhr drei Monate lang freiwillig reduzierten, besser bei Gedächtnistests abschnitten als zwei Kontrollgruppen. Die Ergebnisse könnten ein erster Hinweis darauf sein, dass weniger Kalorien auch im späteren Leben altersbedingte Probleme wie Demenz vorbeugen könnten.
Die Studienteilnehmer reichten von normal- bis übergewichtig, so dass die Kalorienreduktion nicht unbedingt auch mit starkem Gewichtsverlust einherging. Stattdessen erlaubte sie vielen schwereren Testpersonen, ein gesünderes Gewicht zu erreichen. Mark Mattson, Neurowissenschaftler an den US-Nationalinstituten für Altersforschung, sieht mit der Arbeit aus Münster bisherigen Studien unter anderem an Tieren bestätigt, nach denen eine zu hohe Kalorienzufuhr nicht nur "schlecht für das Herz, sondern auch für das Gehirn" sei.
Agnes Flöel, leitende Autorin der Untersuchung der Uni Münster, meint, dass die meisten Hinweise auf die Vorteile einer kalorienreduzierten Diät bei Menschen aus epidemiologischen Langzeitstudien stammten, wie sie etwa an der alternden Bevölkerung im japanischen Okinawa durchgeführt wurden. Laufende Untersuchungen haben bislang allerdings nur unschlüssige Ergebnisse gebracht. Dazu gehört unter anderem das "CALERIE"-Experiment, das Erwachsenen im Alter zwischen 25 und 50 betreut, die ihre Nahrungszufuhr kontrolliert verringert haben. "Tierversuche legen nahe, dass sowohl eine Kalorienrestriktion als auch eine veränderte Fettaufnahme dem Gehirn helfen könnte", sagt Flöel.
Ihre Untersuchung beschäftigte sich deshalb sowohl mit einer Reduktion der Gesamtkalorienmenge als auch mit dem Anheben des Verhältnisses von ungesättigten zu gesättigten Fetten. Letzteres gilt auch als hilfreich für die Gehirnfunktion. Eine Gruppe aus 50 gesunden älteren Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von 60 wurde dazu in drei Gruppen unterteilt: Die erste reduzierte ihre Kalorienaufnahme im Sinne einer entsprechenden Diät, die zweite erhöhte die ungesättigten Fette und die dritte änderte ihre Essverhalten nicht. Alle Versuchspersonen, die ihre Ernährung veränderten, erhielten dazu eine Beratung, um ihr individuelles Essverhalten anzupassen. Diejenigen in der kalorienreduzierten Gruppe nahmen rund 30 Prozent weniger Kalorien auf, ohne den Nährstoffanteil zu reduzierten. So ergab sich eine Verringerung zwischen 200 und 1000 Kalorien pro Tag. Nicht jede Person in der kalorienreduzierten Gruppe schaffte das allerdings vollständig – doch insgesamt verloren alle Teilnehmer an Gewicht, was der Blick auf die Waage unterstrich.
Die Teilnehmer unterzogen sich außerdem Gedächtnistests vor und nach der Diät. Nach drei Monaten erhöhte die Gruppe mit der kalorienreduzierten Diät ihre Punktzahl um rund 20 Prozent, während die Veränderungen sich in den anderen beiden Gruppen bei plus minus null bewegten. Flöel meint, dass es noch unklar sei, warum die Aufnahme gesünderer Fette der Gedächtnisleistung offenbar nicht nachhelfen konnte; in einem späteren Versuch will das Team nun aber überprüfen, ob nur ein alleiniger Boost der Omega-3-Fettsäuren einen stärkeren Effekt haben könnte.
Mattson glaubt, dass die Studie nicht nur dafür spricht, dass weniger Kalorien tatsächlich der Gedächtnisleistung helfen könnten, sondern dass die allgemeinen positiven Effekte einer solchen Diät, die man von Tieren kennt, auch beim Menschen wirkten. Flöel und ihr Team stellten fest, dass Mitglieder der Gruppe mit der kalorienreduzierten Diät Verbesserungen bei der Stoffwechselgesundheit aufwiesen, darunter sowohl beim Insulin als auch beim C-reaktiven Protein, einem Entzündungsmarker. Weniger Insulin bedeutete dabei häufiger auch bessere Ergebnisse im Gedächtnistest.
In Tierversuchen zeigten hohe Insulinwerte bei gleichzeitiger Entzündungsneigung stets einen Zusammenhang mit eingeschränkten kognitiven Funktionen – beide Symptome werden durch eine zu fettreiche Ernährung hervorgerufen. Mattson glaubt, dass die Kalorienreduktion bei Mäusen zur Zunahme eines Gehirnmoleküls namens BDNF führt, das bei Gedächtnisfunktionen eine wichtige Rolle spielt. Regelmäßige Bewegung zusammen mit reduzierter Kalorienaufnahme hätten bei Mäusen außerdem ein verstärktes Wachstum neuer Gehirnzellen hervorgerufen. Flöel räumt immerhin ein, dass ihre aktuellen Ergebnisse nahe legen, dass Erkenntnisse aus Tierversuchen womöglich auch auf den Menschen übertragbar sein könnten.
Mattson warnt allerdings davor, dass ältere Menschen, die eine kalorienreduzierte Diät beginnen, leicht Probleme bei der Nährwertaufnahme bekommen könnten. Die daraus folgenden gesundheitlichen Probleme seien dann womöglich problematischer als eine leicht abnehmende Gedächtnisleistung. "Nicht jeder kann davon profitieren." Diejenigen aber, die bereits jetzt zu viele Kalorien konsumieren und jung und gesund sind, erhalten durch die neuen Erkenntnisse aus Münster einen weiteren Anreiz, ihr Verhalten zu überdenken. (bsc)