Web-Wettstreit der Start-ups

Der "Buzz", der im Netz um neue Geschäftsideen entsteht, kann Investoren bei der Entscheidungsfindung helfen. Eine Website erstellt nun regelmäßig Ranglisten.

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Von
  • Kristina Grifantini

Der Hype, den eine junge Online-Firma umgibt, garantiert zwar nicht ihren Erfolg, kann ihr aber durchaus helfen, schneller Kapitalgeber zu finden. Ein Unternehmen, die Werkzeuge zum Monitoring der Start-up-Szene anbietet, hat nun ein Ranking von über 25.000 Neugründungen veröffentlicht, die nach ihrer "Bedeutung und Wichtigkeit" bewertet werden – mit anderen Worten: wie viel "Buzz" sie generieren.

Im Februar ganz oben auf der Liste standen bekannte Internet-Unternehmen wie die sozialen Netzwerke Facebook und Linkedin und das Videoangebot Hulu. Den Rest der Top 10 stellten Etsy, Twitter, Yelp, OpenDNS, Mahalo, Kayak und Blip.tv. Zu den Firmen, die in den letzten Monaten deutlich zulegten, gehörten Care.com, ein Angebot für Familiendienstleister, Reply.com, ein Marktplatz zum Kauf und Verkauf von Online-Aufmerksamkeit, Quantcast.com, eine Site, die Datenverkehrsstatistiken anbietet, sowie SlideShare, ein Angebot, über das man PowerPoint-Präsentationen mit anderen Nutzern teilen kann.

Die Firma hinter dem Ranking, YouNoodle, brachte im vergangenen Jahr ein Werkzeug auf den Markt, das vorhersagen soll, wie viel Geld ein Start-up bei Investoren einwerben kann – basierend vor allem auf dem Hintergrund und den Geschäftskontakten der Gründer. Dieser "Startup Predictor" gab nach entsprechenden Eingaben der Nutzer einen Tipp ab, welchen Wert ein Start-up in den nächsten drei Jahren haben wird – und zwar noch vor der ersten Finanzierungsrunde.

Die Vorstellung, dass ein Softwarewerkzeug den Job erfahrener Risikokapitalisten machen könnte, stieß bei einigen Beobachtern allerdings auf Skepsis. Die will man bei YouNoodle mit dem neuen Ranking nun aber vermeiden und geht etwas vorsichtiger vor.

Zur Erstellung der Liste misst die Firma unter anderem den Einfluss der Medien und die Aufmerksamkeit, die ein Internet-Unternehmen online erhält. Die verwendeten Algorithmen überwachen das externe Interesse durch das Sammeln von Informationen aus Pressemitteilungen und Nachrichtendiensten. Auch soziale Web-Dienste werden erfasst – etwa die Aktivität beim Kommunikationsdienst Twitter, bei Aggregatoren wie Technorati und bei Business-Websites wie Angelsoft oder Crunchbase. Der Ansatz ist dabei automatisierter als der von nutzergenerierten Marktvorhersagewerkzeugen, wie sie Medienangebote wie der Industry Standard oder Killer Startups verwenden, um das Erfolgspotenzial von Neugründungen zu bewerten.

"Hundert Milliarden Dollar pro Jahr wechseln im Bereich Investments und Start-ups jedes Jahr den Besitzer. Standardisierte Bewertungswerkzeuge fĂĽr NeugrĂĽndungen, Unternehmer, Risikokapitalgeber und andere Marktteilnehmer fehlen allerdings noch immer", sagt YouNoodle-MitbegrĂĽnder Bob Goodson.

"Ich halte das fĂĽr ein wirklich cooles Werkzeug", meint Eric Hill, Produkt- und Design-Direktor bei der IT-Fachwebsite Industry Standard, wo rund 6000 Nutzer an einem Vorhersagemarkt fĂĽr Start-ups teilnehmen. "Wir sind dabei immer auch nur ein Barometer des aktuellen Nachrichtenzyklus."

YouNoodle betont, dass sein Angebot nicht menschliche Experten ersetzen sollen. "Durch das Scoring von Start-ups geben wir nur den ersten Eindruck des Potenzials neuer Firmen", sagt Goodson. "Wir wollen damit niemals den Menschen vollständig ersetzen."

Trotzdem hinterfragen einige Experten, wie sinnvoll ein solches automatisiertes System wirklich sein kann. David Robinson, Juniorprofessor für Unternehmensfinanzierung an der Duke University, meint, dass der Erfolg eines Start-ups grundsätzlich schwer vorherzusagen sei: "Selbst wenn clevere Leute mit einer guten Idee und genügend Kapital loslegen, können sie dennoch scheitern."

Andere Marktkenner sind noch offener mit ihrer Kritik. Unternehmer und Investor Brad Feld meint, dass quantitative Vorhersagemodelle fĂĽr Innovationen und Unternehmenserfolg ungeeignet seien, weil diese Faktoren die Treiber fĂĽr Erfolg und Misserfolg einer Firma "dramatisch vereinfachen".

YouNoodle will mit der Vermarktung tiefergehender Daten an Risikokapitalgeber und andere Investoren sein Geld verdienen. Bereits jetzt sollen 150.000 Mitglieder im sozialen Netzwerk der Firma eingebunden sein.

Josh Lerner, Professor an der Harvard Business School, hat eine Untersuchung veröffentlicht, die besagt, dass das zweite Start-up eines Unternehmens leicht bessere Überlebenschancen hat als sein erstes. Eine erfolgreiche Firma mache auch die zweite erfolgreich. "Das legt nahe, dass es hier durchaus Muster gibt, die funktionieren", sagt Lerner. Er sei sich sicher, dass man bei einer tiefergehenden Datenanalyse sicher auch noch andere Erfolgsgeheimnisse aufdecken könne.

Lerner ist allerdings vorsichtig damit, sich gänzlich auf Vorhersagewerkzeuge zu verlassen. "Noch ist es für mich schwer zu glauben, dass es nicht auch ein wichtiges Zufallselement gibt, das für den Erfolg eines Jungunternehmers eine große Rolle spielt." (bsc)