Das Anti-Aging-Geheimnis des Nacktmulls

Mechanismen, die in den Zellen Proteine auf Linie halten, scheinen dafür zu sorgen, dass der unansehnliche Nager eine derart lange Lebenszeit genießen kann.

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Von
  • Courtney Humphries

Forscher, die sich mit den Themen gesundes Altern und Langlebigkeit beschäftigen, kennen schon seit langem ein besonders gutes Beispiel aus der Natur: Den Nacktmull. Werden die Tiere im Labor gehalten, können die in Ostafrika heimischen Erdlebewesen fast 30 Jahre alt werden – und sind damit die langlebigsten Nager, die es auf dem Planeten gibt.

Eine Untersuchung des Barshop-Instituts für die Erforschung von Alterungsprozessen an der University of Texas in San Antonio legt nun eine Theorie vor, warum die Nacktmulle so eindrucksvoll langsam altern: Es scheint an bestimmten Mechanismen in den Zellen der Tiere zu liegen. Verglichen mit Mäusen, die typischerweise nur zwischen drei und vier Jahre alt werden, haben ihre haarlosen Verwandten offenbar bessere Methoden entwickelt, die Proteingesundheit in ihrem Körper zu erhalten. Rochelle Buffenstein, Co-Autorin der Studie und Physiologin am Barshop-Institut, hofft, dass die Analyse der physiologischen Tricks der langlebigen Tiere dabei helfen könnte, auch beim Menschen neue Strategien für ein gesundes Älterwerden zu finden.

Buffenstein forscht schon seit Jahrzehnten an den Nacktmullen. Doch erst seit kurzem interessiert sie sich für die Modellfunktion der Nager als eine Gattung, die besonders erfolgreich und gesund altert. Obwohl ihre helle, faltige Haut und ihr schlechtes Sehvermögen nicht unbedingt den Eindruck vermittelt, dass es sich um besonders kraftvolle Tiere handelt, leben Nacktmulle nicht nur länger als vergleichbare Arten, sondern bleiben auch im Alter gesünder. Krebs und andere Zeichen des körperlichen Niedergangs kommen sehr selten vor und Weibchen können bis zu ihrem Tod gebären.

Eine bekannte Theorie des Alterns lautet, dass der Auslöser in einem langsamen Verfall der Zellen durch den Kontakt mit Sauerstoff zu finden ist, dem so genannten oxidativen Stress. Paradoxerweise haben Nacktmulle jedoch größere oxidative Schädigungen in ihren Zellen als Mäuse – und das auch noch ab einem jungen Lebensalter. Um zu verstehen, warum die Tiere offenbar trotzdem kein Problem damit haben, untersuchten Buffenstein und ihre Kollegen die Proteine der Tiere, die durch oxidativen Stress besonders stark geschädigt werden sollten.

Buffenstein arbeitete mit dem Biochemiker Asish Chaudhuri zusammen, um die Strukturen der Proteine aus dem Lebergewebe alter und junger Nacktmulle mit denen von Mäusen zu vergleichen. Dabei kamen neue Analysemethoden mit hohem Durchsatz zum Einsatz, die erst kürzlich in Chaudhuris Labor entwickelt wurden. Das Ergebnis: Die Proteine des Nacktmulls sind stabiler und besser gegen Entfaltung geschützt als bei Mäusen.

Die Forscher fanden außerdem Hinweise darauf, dass die Zellen der Art besonders effizient arbeitende Mechanismen zur Entfernung fehlerhaft gefalteter Protein besitzen. Damit können die Tiere laut Buffenstein oxidative Schäden besser überstehen und ihre Proteine stabil halten. Entfaltete Proteine werden schnell aus den Zellen entfernt und können sich nicht anreichern.

Matt Kaeberlein, Forscher an der University of Washington, der Alterungsprozesse an Würmern untersucht, meint, dass es seit langer Zeit ein Rätsel sei, wie die Tierart im Vergleich zu Mäusen so viel länger leben könne. Buffensteins Studie liefere hier nun wichtige Beweise, dass einer der Gründe dafür offenbar in ihrer Fähigkeit bestehe, die Proteine in ihren Zellen "sauber" zu halten.

Proteine falten und entfalten sich ständig, können ihre korrekte Form verlieren oder beschädigt werden. Mit der Zeit verliert der Körper die Fähigkeit, mit defekten oder fehlerhaft gefalteten Proteinen umzugehen. Dann reichern sie sich an und werden zu Zellgiften. So sieht man in der ungesunden Anreicherung von Proteinen in Gehirnzellen einen der Gründe für Alterserkrankungen wie Alzheimer und Parkinson. Buffensteins Studie passe zu ähnlichen Forschungsergebnissen bei anderen Spezies, meint Kaeberlein. Die "Qualitätskontrolle" bei Proteinen sei ein wichtiger Faktor beim gesunden Älterwerden.

"Wir wollen nun als erstes herausfinden, welche Proteine bei den Nacktmullen diese Schutzfunktion haben und welche dadurch geschützt werden", sagt Buffenstein. Es könnte sein, dass nur bestimmte Proteine dafür zuständig sind: Nacktmulle weisen einen Unterschied zu anderen Lebewesen bei einer Proteinklasse auf, die für die Stabilisierung und korrekte Faltung zu sorgen scheint. Die Forscher hoffen, dass sich diese Schutzstrategien eines Tages vielleicht nachahmen lassen, sobald die Zielmoleküle bekannt sind. Dann könnten die Tricks des Nacktmulls vielleicht auch dem Menschen helfen. (bsc)