Boost für die elektronische Patientenakte
In den USA steht ein Mammutprojekt an: Die Digitalisierung des Gesundheitswesens. Besonders die kleinen Praxen rechnen mit Schwierigkeiten.
- Emily Singer
Ärzte und IT-Spezialisten aus ganz Amerika bereiten sich gerade fieberhaft darauf vor, das US-Gesundheitswesen umzukrempeln – mit insgesamt 19 Milliarden Dollar, die im Konjunkturpaket des Präsidenten Barack Obama für die so genannte Digitalisierung der Medizin vorgesehen sind.
Im Mittelpunkt steht dabei die Einführung der elektronischen Gesundheitsakte, dem "electronic health record", kurz EHR. Besonders kleinere Privatpraxen benötigen bei dem Mammutprojekt Unterstützung. Deren Wichtigkeit für die Patientenversorgung in dem Land kann nicht unterschätzt werden: Sie sorgen für bis zu 80 Prozent der US-Gesundheitsversorgung, und erst 20 Prozent haben sich bereits mit dem Thema beschäftigt.
Der Großteil der Konjunkturpaketgelder für den Medizinbereich, insgesamt 17 Milliarden Dollar, soll in Form von Anreizen für Ärzte und Krankenhäuser verteilt werden, auf EHRs und dazu passende elektronische Rezeptsysteme umzusteigen – sie werden dafür über die Versicherungssysteme Medicare und Medicaid Rückerstattungen erhalten. Ab 2011 werden Ärzte, die ihre Praxen digitalisieren, zwischen 40.000 und 60.000 Dollar erhalten können, Krankenhäuser sogar mit mehreren Millionen gefördert. Die Gelder sollen über einen längeren Zeitraum ausgezahlt werden; denjenigen, die die Technik nicht innerhalb von fünf Jahren umsetzen, drohen dagegen Strafen. "Ich denke, dass viele enttäuscht waren, dass die Anreize erst nach einigen Jahren verfügbar sein werden", kommentiert David Bates, Leiter der Abteilung für Allgemeinmedizin am Brigham and Women's Hospital in Boston. "Die Gelder sind jedoch durchaus beträchtlich, und ich denke, dass viele Praxen dadurch genügend Anreize haben, die Technik endlich einzuführen."
Nur rund 4 bis 25 Prozent der Gesundheitsversorger in den USA nutzen derzeit elektronische Datenerfassungssysteme, abhängig von ihrer Größe. Das neue Gesetz wird nicht verlangen, dass alle Ärzte EHRs einsetzen oder direkt für die notwendige Software zahlen. Die Anreize sollen vor allem dafür sorgen, dass die Eintrittsbarriere abgesenkt wird. Lässt ein Arzt ein System heute installieren, muss er zunächst zwischen 40.000 und 50.000 Dollar investieren und wird in den ersten paar Monaten nach der Umstellung eher an Produktivität einbüßen. Die tatsächlichen Vorteile landen hingegen bei Patienten und Versicherern, die von Einsparungen profitieren würden. John Halamka, IT-Chef und Dekan für Technologie an der Harvard Medical School, hofft, dass die neuen Anreize nun auch den Praxen selbst zugute kommen. Das System der Umsetzung ähnelt dabei dem in Dänemark, einem Land, in dem die EHR-Durchdringung weltweit zu den größten gehört.
Zusätzlich schafft das neue Gesetz eine neue Behörde, das "Office of the National Coordinator of Healthcare Information Technology". Es wird an das US-Gesundheitsministerium angedockt und soll die Installation der EHR-Systeme im ganzen Land überwachen, Standards setzen und Durchführungshilfe leisten. Die Behörde wird zusammen mit der Standardisierungseinrichtung National Institute of Standards and Technology (NIST) und weiteren Bundesagenturen Gelder verteilen.
Um von den Anreizen zu profitieren, haben Ärzte und Krankenhäuser bestimmte Kriterien zu erfüllen. So müssen die verwendeten elektronischen Systeme einen einfachen Informationsaustausch zwischen verschiedenen Gesundheitsversorgern und Institutionen zulassen. Leicht wird die Umsetzung nicht, weshalb die restlichen zwei Milliarden der im Konjunkturpaket vorgesehenen Modernisierungsgelder für den Gesundheitsbereich in den nächsten zwei Jahren für die Entwicklung von Standards und Verfahren ausgegeben werden sollen. Mittel aus diesem Topf werden auch in Ausbildungsprogramme für das Heer von IT-Spezialisten fließen, die die Implementierung übernehmen sollen. "Wir brauchen viel mehr Leute, als aktuell ausgebildet sind", sagt Bates, "fast jede Praxis mit mehr als zehn Ärzten wird einen Techniker brauchen, der Hilfestellung leistet."
Die meisten Ärzte haben weder Zeit noch Muße, lange nach einem passenden EHR-System Ausschau zu halten oder mit technischen Problemen umzugehen, die bei der Implementation zwangsläufig entstehen. "Wir können nicht davon ausgehen, dass jede kleine Praxis es schafft, die notwendige Software selbst zu installieren", sagt Farzad Motashari, stellvertretender Bevollmächtigter im New Yorker Gesundheitsamt, der bei der Entwicklung einer lokalen Lösung federführend half. "Die effizientesten Lösungen sind immer die auf Gemeindeebene", meint er. Müsse eine Praxis einzeln auswählen, welche Technik sie einsetze, unterscheide sich die Software zu stark, und das schränke wiederum den Informationsfluss ein.
In einem Brief an das Weiße Haus und den US-Kongress drängte eine Gruppe von Ärzten und Entscheidern aus dem gesamten Gesundheitswesen des Landes, darunter auch Halamka und Motashari, deshalb darauf, eine entsprechende Formulierung in die Umsetzungsanweisung des Konjunkturpakets aufzunehmen. Der Gesetzgeber scheint sie zu erhören: Es sollen Mittel für regionale Gesundheits-IT-Zentren fließen, die praktische Unterstützung für lokale Versorger anbieten werden. Diese sollen dann entsprechende Standards setzen und Regeln aufstellen; derzeit läuft ein Wettbewerb, wer den Job übernehmen wird.
In dem Schreiben nennen die Gesundheitsprofis zwei Beispiele für auf Gemeindeebene erfolgreich umgesetzte Projekte: Eines in New York und das andere in Massachusetts. Im "Big Apple" startete das Vorhaben 2007 mit dem Ziel, Allgemeinmediziner, die Erstkontakt mit Patienten haben, besonders in den ärmsten Vierteln der Stadt mit digitaler Technik auszurüsten. Eingeschlossen sind technische Unterstützung sowie Trainingsmaßnahmen, außerdem kann sich eine Praxis vorrechnen lassen, wie viel sie durch EHRs sparen wird und wie sehr das ihren Patienten hilft. "Die Erfahrung aus Massachusetts und New York zeigt, dass sich eine solche Implementierung zu fast 100 Prozent erfolgreich umsetzen lässt", sagt Harvard-Mann Halamka.
Projekte auf Gemeindeebene können seiner Erfahrung nach auch dabei helfen, den Datenschutz zu gewährleisten – eine der größten Ängste im Zusammenhang mit der EHR-Einführung. "Kleine Praxen haben mit Sicherheitsthemen keine Erfahrung", sagt Mostashari, "wir haben deshalb einen Datenschutzanwalt, der ihnen hilft, Strukturen zu schaffen, die die Privatsphäre der Patienten schützt und das Missbrauchsrisiko reduziert".
Zwar gebe es potenzielle Gefahren wie etwa die unbeabsichtigte Veröffentlichung von Gesundheitsdaten in großer Zahl. Doch sei die Technik so gestaltet, dass sich im Nachhinein nachvollziehen lasse, wer auf welche Daten Zugriff hatte.
Firmen, die EHR-Systeme verkaufen, bereiten sich jedenfalls bereits auf ein boomendes Geschäft vor. "Wir beabsichtigen, in den nächsten Jahren aggressiv zu wachsen", sagt Girish Kumar Navani, Präsident und Mitbegrüder von eClinicalWorks, einer Technologiefirma aus Massachusetts, die Software und Support für die EHR-Projekte in New York und Massachusetts lieferte. "Wir werden ein Büro in Kalifornien eröffnen und viele neue Leute einstellen." (bsc)