Die Herren der Zahlen (1)
Niemand weiß wirklich, wie viele Menschen genau Websites besuchen. Der Internet-Konzern Google und das Start-up Quantcast wollen das ändern.
- Jason Pontin
Als Roger McNamee im August 2006 in das Magazin Forbes investierte, tat er das unter anderem deshalb, weil er dachte, dessen Online-Nutzerschaft sei riesig. Der Mann ist Gründer der Private Equity-Firma Elevation Partners aus dem Silicon Valley, zu deren Partnern unter anderem der technikbegeisterte U2-Sänger Bono gehört; das Unternehmen ist auf große, gewagte Investments in die Bereiche Medien und Technologie spezialisiert. Auf der "EmTech", der jährlichen Konferenz der US-Ausgabe von Technology Review, nahm er kein Blatt vor den Mund: "Sehen Sie, ich stecke nicht wegen dem Toten Holz-Geschäft Geld in das Magazin."
Damals gab Jim Spanfeller, Chef von Forbes.com, mehr als 15 Millionen Leser auf dem gesamten Planeten an, die im Februar jenes Jahres auf seinem Angebot vorbeigeschaut haben sollten. Damit wäre Forbes die führende Business-Website in den USA gewesen. Der Online-Verleger untermauerte seine stolze Aussage mit Research-Material von ComScore Media Metrix, einem der führenden Third Party-Anbieter in Sachen Datenverkehrsanalyse im Web. Die Zahlen erschienen plausibel: Die internen Server-Logdateien von Forbes.com zeigten noch wesentlich mehr Besucher.
Umso peinlicher war es deshalb, dass dann im Juni plötzlich kaum mehr als sieben Millionen Menschen laut ComScore auf Forbes.com vorbei gesehen haben sollten. Der Grund für den Einbruch: Der Traffic-Spezialist hatte seine Berechnungsmethoden, mit der er das weltweite Publikum einer Seite hochrechnete, plötzlich verändert. Damit landete Forbes schließlich hinter den Angeboten von Dow Jones (wozu auch die Website des Wall Street Journal gehört) und CNN Money (zu dem das Angebot des Forbes-Konkurrenten Fortune zählt). Bissige Presseberichte ließen nicht lange auf sich warten: McNamee habe offensichtlich zu viel bezahlt – oder sei gar ausgeraubt worden. Immerhin steckte er geschätzte 250 bis 300 Millionen Dollar in Forbes.
Mehr als zwei Jahre später gibt McNamee an, er habe stets gewusst, dass es große Diskrepanzen zwischen den internen Logdateien von Forbes.com und den Angaben von Drittanbietern gab. "Um mir Kopfschmerzen zu bereiten, hätte das eine echte Überraschung sein müssen", sagt er. Stattdessen habe er investiert, ohne eine genaue Idee gehabt zu haben, wie viele Nutzer tatsächlich bei Forbes.com vorbei sahen: "Ich schaute mir jeden Indikator an, den es gab. Die sahen alle nicht sehr gut aus. Am Ende musste ich damit beginnen, anders über die Firma zu denken. Ich investierte in Forbes, weil ich dachte, dass der Markt unterversorgt war und weil die Jungs weniger Fehler machten als alle anderen." Bis heute verweigert McNamee trotzdem tapfer die Aussage, wie viel er tatsächlich bezahlt hat und wie hoch der Anteil am Unternehmen ist, den Elevation Partners hält.
Und: Noch heute herrscht Uneinigkeit darüber, wie viele Nutzer Forbes.com hat. "Laut ComScore haben wir zwischen sechs und sieben Millionen Besucher pro Monat, unsere eigenen Logs sprechen eher von 18 bis 20 Millionen", sagt Spanfeller. Doch obwohl die Diskrepanzen zwischen den Angaben einer externen Partei und den internen Informationen bei Forbes.com besonders auffällig zu sein scheint, ist das Problem doch keineswegs einzigartig. Tatsächlich weiß noch immer niemand so recht, wie man das Publikum von Webangeboten am besten messen sollte.
Dementsprechend hat auch keiner wirklich verlässliche Daten. Vertrauen kann man auch keinem der Drittanbieter wirklich. Interne Logdateien übertreiben den Nutzerverkehr meistens. Das stört nicht nur Investoren wie McNamee, sondern jeden, der sich damit beschäftigt, den Wert von Unternehmen aus dem New Media-Bereich zu ermitteln. Die Probleme sind einerseits technischer Natur und voller Fachbegriffe. Andererseits ist ihre Beseitigung enorm wichtig für die Zukunft der Industrie, schließlich verlieren klassisches Fernsehen, Radio und Print gegenüber der Online-Welt immer mehr an Boden, zumindest, was das Publikum anbetrifft.
Kein Wunder, dass gleich mehrere Unternehmen an neuen Techniken arbeiten, das Problem zu lösen. Neben dem Internet-Riesen Google ist es auch ein kalifornisches Start-up namens Quantcast.