Die personalisierte Wahl-Kampagne
Den US-Bürgern steht in den nächsten Jahren ein stark computerisierter Wahlkampf bevor. Riesige Datenbanken machen es möglich.
- David Talbot
Wer Wähler der US-Demokraten ist, sollte sich nicht wundern, wenn vor der nächsten Präsidentschaftswahl 2012 ein Wahlwerber vor der Tür steht, der kurz auf die dann aktuelle Inkarnation von Apples iPhone blickt, um sich mal schnell für die vor vier Jahren getätigte Spende über 50 Dollar zu bedanken. "Sie haben doch damals an dieser Party bei der Familie Jones teilgenommen, bei der es um Umweltpolitik ging", wird er dann beispielsweise sagen, "hätten Sie nicht vielleicht Lust, Wähler in Ohio anzurufen, um bei der Wiederwahl Barack Obamas zu helfen? Und Ihre Nachbarin Mrs. Jensen konnte 2008 leider nicht wählen. Hätten Sie etwas dagegen, Sie am Wahltag in Ihrem Auto mitzunehmen?"
Während der Beantwortung der Fragen wird der Wahlwerber dann weiter auf seinem iPhone herumtippen und die vom Wahlbürger erfahrenen Daten an einen zentralen Kampagnen-Server weiterleiten. Ein paar Minuten später kommt dann auch schon eine E-Mail von Obamas Hauptquartier: "Danke, dass Sie dem Präsidenten versprochen haben, in Ohio für ihn anzurufen." Ein Klick auf einen Link wird eine Liste erzeugen, auf der Wähler stehen, deren Antworten bei Anrufen des Obama-Callcenters 2008 darauf schließen ließen, dass sie nicht so recht zwischen McCain und Obama entscheiden konnten, sich aber trotzdem Sorgen um die Umwelt machten. Der frisch eingespannte neue Wahlwerber kann dann mit Hilfe eines vorbereiteten Skripts bei ihnen anrufen, Obamas Sicht der Umweltpolitik und seine bisherigen Bemühungen erläutern, sie nach ihren Ansichten über andere politische Fragen löchern. All das darf unser Demokrat dann wiederum mit ein paar Mausklicks in ein Web-Interface übertragen.
Und das war längst nicht alles. Am nächsten Tag wird einer der angerufenen Wähler aus Ohio, der selbst starken Zuspruch für Obama angegeben und sich bereit erklärt hat, selbst zum freiwilligen Wahlhelfer zu werden, eine E-Mail erhalten, in der wieder die Namen von 10 noch nicht für eine Partei registrierten Wählern enthalten ist. Die wohnen alle keinen Kilometer von ihm entfernt und dürften laut der Algorithmen der Partei mit großer Wahrscheinlichkeit Demokraten sein. Der frisch gebackene Obama-Freiwillige kann sich dann gleich auf den Weg machen – ausgestattet mit Formularen zur Wählerregistrierung, die auf der Obama-Website angeboten wurden. Ein weiterer Mensch aus Ohio, der in einem Krankenhaus arbeitet und Obama ebenfalls stark unterstützt, bekommt eine andere Botschaft. Diese wird eine Liste anderer Krankenhausangestellter enthalten, die in wahlentscheidenden US-Bundesstaaten leben. Ein Skript mit Tipps zum Gespräch gibt es natürlich auch.
So geht es weiter bis zum Wahltag. Am Tag davor wird dann das Telefon zu läuten beginnen – ein Obama-Freiwilliger irgendwo im Land hat sich dazu vorher auf der Website angemeldet, um auch wirklich sicherzustellen, dass registrierte Wähler zur Wahl gehen. "Ich wollte Sie nur kurz daran erinnern", wird er sagen und dabei einem Skript folgen, das auf den jüngsten Daten zur Person basiert. "Und schauen Sie doch bitte, ob Mrs. Jensen in Ihrem Auto mitgenommen werden muss."
Am nächsten Tag wird unser Freiwilliger vom Anfang der Geschichte dann zum örtlichen Wahllokal fahren – Mrs. Jensen im Schlepptau. Dort wird er schon von einer Studentin erwartet, die neben dem Anmeldetisch steht und leise etwas in ihren Blackberry tippt. Sie ist eine Wahlbeobachterin. Sie wird die Ankunft notieren und mit einem Fingerstrich den Namen des Freiwilligen und den von Mrs. Jensen von der demokratischen Wählerliste nehmen. In Echtzeit. Im Obama-Hauptquartier laufen schon die Zahlen auf.
So futuristisch dieses Szenario auch klingen mag – es bewegt sich sehr nah am Rande des Möglichen. Die nächste US-Präsidentschaftskampagne wird so stark personalisiert sein wie keine vor ihr. 2007 und 2008 sammelte das viel gerühmte Obama-Web-Team einen enormen Infoberg: Hunderte Millionen Datensätze von Wählern im ganzen Land. Diese Informationen liegen nun auf den Servern der Obama-Kampagne, denen der demokratischen Parteiführung und bei einigen privaten Datenbankfirmen.