Zimmer frei in der Mars-WG

Aus welchem Holz müssen Mars-Astronauten geschnitzt sein, um die lange Reise und einander auf beengtem Raum auszuhalten? Ab Ende März proben sechs Teilnehmer den Ernstfall [--] möglicherweise ist auch der Deutsche Oliver Knickel mit dabei.

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Von
  • Veronika Szentpetery
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Ist der Mars ein Ort, an dem man gewesen sein muss? Der eine Reise von mindestens 100 000 000 Kilometern lohnt? Für Oliver Knickel, Hauptmann der Bundeswehr, kann es da keinen Zweifel geben. Doch auch wenn er jetzt mit 28 Jahren in der Blüte seines Lebens steht, ist er für eine Marsreise schon zu alt: Mit der ersten Mission zum Roten Planeten ist frühestens in dreißig Jahren zu rechnen. Immerhin hat er beschlossen, bei den Vorbereitungen zu helfen. Denn trotz des weiten Zeithorizonts wollen Wissenschaftler der Europäischen Weltraumbehörde Esa gemeinsam mit Kollegen vom russischen Institut für Biomedizinische Probleme (IBMP) jetzt schon herausfinden, wie gut Mars-Astronauten die Trennung von Familie, Freunden und Kollegen körperlich und psychisch vertragen und miteinander auf engstem Raum auskommen würden. Auf einer solchen eineinhalbjährigen Mission wird es eng werden, und trotz der Kollegen und vielfältigen Aufgaben ist es an Bord möglicherweise auch ziemlich einsam. Deshalb soll sich, ebenso wie es bei technischen Geräten selbstverständlich ist, auch die Komponente Mensch einem Härtetest unterziehen, um einem möglichen Versagen vorzubeugen.

Moskau, in einer Lagerhalle auf dem Gelände des IBMP: Nein, die Einstiegsluke mit der holzvertäfelten Einrichtung dahinter ist nicht der Eingang zu einer Saunalandschaft. Wenn sich am 31. März dieser rustikale Deckel mit Schraubverschluss hinter sechs handverlesenen Kandidaten schließt, wird es nicht um Entspannung gehen: Stattdessen sollen sie in die Welt einer Mars-Mission abtauchen – wenn auch vorerst "nur" für 105 Tage und in einer nicht in allen technischen Einzelheiten realistischen Umgebung eines Raumschiffs. Bei dem gemeinsamen Experiment der europäischen und der russischen Weltraumbehörde, Esa und Roscosmos, soll sich zeigen, aus welchem Holz Langstrecken-Raumfahrer geschnitzt sein müssen, die eines Tages tatsächlich die Reise zum Roten Planeten antreten.

Anders als die Langzeit-Effekte der Schwerelosigkeit und der Weltraumstrahlung lassen sich die Auswirkungen von Isolation auf eine Mannschaft nicht auf der Internationalen Raumstation ISS prüfen: Dort herrscht dafür schlicht zu viel Trubel. Eine Reise zum Mars bedeutet dagegen eine feste Besatzung ohne Austausch und Versorgungsflüge, die alle paar Monate Nachschub an Nahrungsmitteln, Ersatzteilen oder – ganz wichtig – Briefen und Fotos von zu Hause liefern. Die Crew wäre weitgehend auf sich allein gestellt, bei jeder Anfrage an die Kontrollstation auf der Erde müsste sie wegen der Signalverzögerung bis zu 40 Minuten auf eine Antwort warten. Es gibt kein natürliches Licht, Platz- und Gewichtskontingent sind begrenzt. Weil das alles auf die Nerven und an die Nieren gehen könnte, hat das IBMP ein Mars500-Projekt als Trockenübung entworfen – ein 520 Tage dauernder Test im geschlossenen System. Die Esa liefert medizinische Testinstrumente für die Station und stellt zwei der sechs Versuchsteilnehmer.

Wäre es nach Roscosmos gegangen, berichtet Esa-Manager Martin Zell, wären die Kandidaten direkt zur Echtzeit-Mission gestartet. Die Esa bestand aber darauf, dass die 105-Tage-Stufe davorgeschaltet wird. Bleibt es bei dem aktuellen Zeitplan, startet die 520-Tage-Studie Ende dieses Jahres – allerdings mit neuen Teilnehmern.

Es gehört schon Idealismus dazu, sich freiwillig mehr als drei Monate einsperren zu lassen. Oliver Knickel nennt es "ein kleines Rädchen in einem großen Uhrwerk sein", damit Menschen eines Tages tatsächlich den Roten Planeten betreten können. Der gelernte Maschinenbau-Ingenieur und Fallschirmjäger hat es zusammen mit drei Franzosen von 5680 Bewerbern unter die letzten vier europäischen Kandidaten geschafft. Nur zwei von ihnen werden mit vier bereits ausgewählten russischen Besatzungsmitgliedern in die Station einziehen. Wenn alles gut für Knickel läuft, ist er Ende März mit dabei.

Der sportliche Endzwanziger sieht dem Experiment "mit freudiger Erwartung" entgegen. Dabei ist er gar kein Science-Fiction-Fan. "Überhaupt nicht. Null. Das Einzige, was ich geguckt habe, waren die ersten drei "Star Wars"-Filme." Der Himmel dagegen hat es ihm schon angetan. "Ich habe ein kleines Teleskop und gucke hin und wieder nach den üblichen Verdächtigen hier in der Nähe, also nach dem Mond oder auch dem Mars." Angst vor der psychischen Belastung kommt bei Knickel nicht auf. Er hat bereits einen ganz anderen Extremeinsatz hinter sich: 2002 kehrte er unbeschadet von einem viermonatigen Afghanistan-Einsatz mit der Isaf-Schutztruppe zurück. Alle zwei, drei Tage war er in Kabul auf Patrouille.