Wenn das Virus ins Netz geht
Internetdienste könnten eine Schlüsselrolle dabei spielen, die Ausbreitung des neuen Grippevirus zu überwachen und Gegenmaßnahmen einzuleiten.
- Michael Day
Die Schweinegrippe ist überall, zumindest in den Medien – wo aber ist sie wirklich? Am Dienstag erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO, es sei zu spät, das Influenza-A-Virus vom Typ H1N1 noch lokal einzudämmen. Umso wichtiger sei es nun, seine Ausbreitung zu verfolgen, um die nötigen Gegenmaßnahmen einleiten zu können. Dabei könnten Informationstechnologien eine Schlüsselrolle spielen.
Blogs und soziale Online-Netzwerke waren unter den ersten, die die Ausbreitung vom Epizentrum in Mexiko – wo das Virus unterschiedlichen Angaben zufolge bis zu 150 Menschen getötet haben soll – in Städte in den USA, in Europa, Israel und sogar Neuseeland wiedergaben.
Weil schnelle Informationen entscheidend sind, greifen etwa die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) auf den Microblogging-Dienst Twitter zurück, wo ihnen inzwischen eine große Zahl von Nutzern folgt (twitter.com/cdcemergency). Auch andere Einrichtungen in den USA, darunter das National Institute for Occupational Safety and Health oder Ortsgruppen des Roten Kreuzes, nutzen Twitter, um Neuigkeiten zu erfahren. Experten warnen jedoch, dass der Microblogging-Dienst zu Falschinformationen und Panikmache beitrage.
Nach Daten von Nielson Medical Resources drehten sich am vergangenen Wochenende zwei Prozent aller Twitter-Kurznachrichten um die Schweinegrippe. Bei Google Flu Trends, das Suchanfragen auswertet, um den Ausbruch von Infektionskrankheiten festzustellen, herrschte hingegen vergleichsweise Ruhe.
Auf Twitter kursierten allerdings auch allerhand Falschmeldungen. So warnten manche Nutzer ihre Freunde davor, Schweinefleisch zu essen, obwohl es keinen Zusammenhang zwischen seinem Verzehr und dem Virus gibt. Evgeny Morozov vom Open Society Institute in New York bemerkte denn auch in einem Blogeintrag sarkastisch: „Wenn Millionen ihre Ängste in 140 Zeichen packen und die Öffentlichkeit hinausposaunen, könnte das gefährliche Folgen haben – zum Beispiel eine vernetzte Panik.“
Andere Webseiten unterstützen die Überwachung des Virus mit geographischen Mitteln. HealthMap von Google, das von den CDC, der National Library of Medicine und dem Canadian Institute of Health Research unterstützt wird, fügt in Echtzeit Eilmeldungen, offizielle medizinische Communiqués und andere in eine Weltkarte ein.
Susan Perkins vom American Museum of Natural History in New York, hofft, dass Internettechnologien und das neue Gebiet der „Info-Epidemiologie“ den künftigen Umgang mit Epidemien deutlich verbessern werden. „Seiten wie HealthMap oder Googel Earth eignen sich gut, um die Daten einer Infektionswelle zu visualisieren“, sagt die Mikrobiologin, die die Evolution von Viren auch mittels Geoinformationssystemen erforscht. „Diese leicht zugänglichen Plattformen ermöglichen verschiedenen Gruppen – Gesundheitsbehörden, Evolutionsbiologen und anderen –, Informationen miteinander zu teilen.“
Perkins hält die rasche Untersuchung von Virengenomen für entscheidend: „In Zukunft lassen sich Krankheiten mit Hilfe von Software, die Genominformation mit realen geographischen Daten kombiniert, besser überwachen. Dadurch bekommen wir dann ein Mittel an die Hand, um Ansteckungsmuster zu verstehen und hoffentlich auch zu durchbrechen.“
Andere Experten versprechen sich von solchen Tracking-Systemen auch Erkenntnisse darüber, wie tödlich ein Virus ist, wie leicht es sich ausbreitet, ob Resistenzen gegen bekannte Medikamente entstehen und wie man wertvolle Gesundheitsresourcen einsetzen. Jeffrey Herrmann, Mathematiker an der University of Maryland, hat eine Software entwickelt, die anhand einer Ausbreitungsanalyse geeignete Orte für Massenimpfungen oder medizinische Behandlung vorschlägt. Der Ansatz könne von örtlichen Gesundheitsbehörden genutzt werden, um zu entscheiden, an welchen Orten mit wieviel Personal Impfungen und Medikamente verabreicht werden.