Verriss des Monats: Bad Orwell

Möchte ich von meiner Toilette erkannt werden? Forscher des Fraunhofer-Instituts für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme in Duisburg meinen: durchaus.

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Von
  • Peter Glaser

Die Kunst des gepflegten Verreißens zweifelhafter Produkte ist ein wenig aus der Mode gekommen. An dieser Stelle präsentiert unser Kolumnist Peter Glaser einmal im Monat deshalb eine Rezension der etwas anderen Art: Den Verriss des Monats. Vorschläge für besonders zu würdigende Produkte werden gerne per Mail entgegengenommen.

Die Vorstellung vom "intelligenten Wohnen" hat ihre Wurzeln in technikfixierten Entwürfen luxuriöser Bequemlichkeit. Durch massenhafte Herstellung sollten vormals nur reichen Leuten vorbehaltene Annehmlichkeiten für jedermann verfügbar gemacht werden. Vor hundert Jahren sollte mit derartigen Verheißungen der Absatz elektrischer Haushaltsgeräte oder, sofern es sich um utopische Konzepte wie etwa ein Telephotophon (heute: "Bildtelefon") handelte, der Absatz von Zeitschriften angekurbelt werden – durch zündende Zukunftsgeschichten.

Hartnäckig hält sich seither die Idee, dass sich, wenn man nur genug pfiffige Technologie zum Einsatz bringt, der einstmals feudale Aufwand an dienstbaren Geistern, Kammerdienern und Zugehfrauen in einer sozusagen demokratietauglichen Form wiederherstellen ließe. Da die gerätemäßige Luxurierung der Gesellschaft mit Wasch-, Spül-, Küchen- und Gartenmaschinerie nebst Saugrobotern inzwischen jedoch einen sehr hohen Sättigungsgrad erreicht hat, beginnt sich der Markt für maschinelles Wohnen neu zu orientieren.

Angesichts der demografischen Entwicklung – sinkende Geburtenrate, Zunahme von Haushalten, in denen nur eine Person lebt, wachsender Anteil älterer und pflegebedürftiger Menschen – geht es nun nicht mehr um die gewissenlos genießbaren Annehmlichkeiten digitaler Dienstmädchen. Jetzt geht es um Hilfe in der Not.

Am Fraunhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme (IMS) in Duisburg beispielsweise wird ein Badezimmer entwickelt, das vom Kleinkind bis zum Greis allen hilfreich sein möchte. In der in solchen Forschungseinrichtungen inzwischen üblichen Mischung aus Marketing- und Technokraten-Sprech heißt das Projekt inBad – "Badumgebung mit Technikassistenz im Fraunhofer-inHaus-Zentrum" und weckt als Erstes den Wunsch nach einem intelligenten Empfehlungssystem zur ungrausigen Namensgebung (inBad, der E-Fahrer).

Die inBad-Experimente sind "speziell auf eine Unterstützung und Verbesserung der hygiene-relevanten Pflege in einem Mehrgenerationenhaushalt ausgerichtet. Mit Hilfe neuer Technologien werden Erinnerungshilfen zur täglichen Körperpflege beispielweise für Senioren ... bereitgestellt. Auf diese Weise soll ihre Autonomie erhöht und ihnen ein (längeres) Leben in ihrer heimischen Umgebung ermöglicht werden." Bewohner zu beobachten und zu unterstützen, ohne sie zu stören, ist die gute Absicht der "assistiven Badumgebung". Wie wir aber aus anderen Lebensbereichen wissen: Gut gemeint ist noch keine Kunst.

"Das elektronisch ausgestattete Badezimmer", darauf müssen die Erforscher der Badezimmerzukunft explizit hinweisen, "wird von der ganzen Familie gern benutzt: Es ist barrierefrei und hat eine Toilette, die die Bewohner erkennt und sich automatisch auf die passende Höhe einstellt." Möchte ich von meiner Toilette erkannt werden? Ist das eine Idee aus einem unentdeckten Manuskript von George Orwell, das er nach drei schlaflosen Nächten mit einer Durchfallerkrankung verfasst hat? Ein Toilettensitz, der erkennt, wer gerade reinkommt und computergesteuert die passende Höhe einnimmt, niedrig für das Kind, hoch für einen Menschen, der Mühe mit dem Aufstehen hat – was für ein Aufwand an Material und Kosten, was für ein Bündel an störanfälligen Bestandteilen, vom Betriebssystem über die Sensorik bis zu den mechanischen Teilen – von den Folgen nutzeruntypischen Verhaltens einmal ganz abgesehen.

Ein rutschsicherer Aufsatz für die Klobrille, mit dem sich die Sitzhöhe einer Toilette variieren lässt, löst das Problem längst für ein Hundertstel an Kosten und Konstrukteursgenialität, die eine Teleskoptoilette erfordert. Solche irreführend als "intelligent" bezeichneten Systeme funktionieren immer nur dann gut, wenn ihre Nutzer eine möglichst monotone, ausnahmefreie Lebensweise pflegen – oder aber freundlich, aber bestimmt zu einer solchen angeleitet werden sollen.

Wie grundfalsch der Ansatz des netten Badezimmers ist, zeigt eine Bemerkung von Tobias Haverkamp vom Fraunhofer IMS. Das System inBad sammelt Daten über den Bewohner – hat er seine Medikamente genommen? Betreibt er Körperpflege? Puls? Gewicht? (Diese Werte werden über Sensoren im Fußboden erfasst). Die gesammelten Daten kann ein Pfleger mit einem Tastendruck abrufen. So bleibe ihm Zeit für den Menschen, so Haverkamp, der soziale Aspekt der Pflege werde wieder mehr betont.

Wer's glaubt, wird selig. In Pflegeeinrichtungen würde der Effizienzgewinn aus solchen Maßnahmen, schon um die Anschaffung zu amortisieren, selbstverständlich zuerst unter dem Aspekt der Betriebswirtschaftlichkeit betrachtet werden. Es ist naheliegend, dass der maschinengestützt mögliche Zeitgewinn eher zu einer Verdichtung der telepflegerischen Tätigkeiten führen wird, als zu einer Renaissance der Menschenfreundlichkeit.

Und in einem Privathaushalt, in dem die alte mit den jüngeren Generationen zusammenlebt – werden Pflegende künftig zu so etwas wie Wächter vor den Kontrollmonitoren der Überwachungssysteme? Wenn es um Leben und Tod geht, hilft rationalisierte Überwachungstechnik ohnehin nicht viel. Im Februar 1995 zertrümmerte ein Unbekannter auf einem Hamburger U-Bahnhof nur wenige Meter von einer Überwachungskamera entfernt den Kopf eines alten Mannes, der am folgenden Tag im Krankenhaus starb. Aus Kostengründen schaltete die Kamera nur alle vier Minuten für jeweils 60 Sekunden auf den Bahnsteig und sprang dann zum nächsten Bahnhof um. Das System sei "ziemlich optimal", so ein Sprecher der Hochbahn AG, "besser als jeder Haltestellenwärter". Der Todesfall sei "einfach Pech gewesen". (bsc)